Erinnerungen 100 Jahre nach der Gründung Nazis schlossen die Maristenschule

Vor 100 Jahren gründeten die Maristen eine Schule in Sinzig. Die Geschichte der Gebäude – vor allem unter den Nationalsozialisten – hat ein ehemaliger Schüler für das Heimatjahrbuch zusammengetragen

 Die ehemalige Maristenschule in Sinzig: Nach einer bewegsten Geschichte dient sie nun vielen Menschen als Mehrparteien-Wohnhaus.

Die ehemalige Maristenschule in Sinzig: Nach einer bewegsten Geschichte dient sie nun vielen Menschen als Mehrparteien-Wohnhaus.

Foto: Martin Gausmann

Als „hell, freundlich-streng und sehr modern“ beschrieb Friedrich Bayerath die in Remagen unterhalb der Apollinaris-Kirche stehende Maristenschule. Die riesige Dachterrasse sei ihm „wie ein Stück Autobahn“ vorgekommen, erinnerte er sich in einem Artikel für das Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler. Ihren Anfang hatte die Einrichtung vor genau 100 Jahren genommen. Bayerath hatte die Schule, der am 1. März 1939 14 Brüder, ein Hausgeistlicher, drei weltliche Lehrkräfte und 172 Schüler angehörten, selbst besucht. 114 auswärtige Schüler wohnten im Internat. Bayerath selbst zählte aber nicht dazu: Als Remagener lebte er daheim bei seiner Familie.

Im Jahr 1922 erwarben damals die Maristen-Schulbrüder von der Stadt Sinzig die ehemalige Präparandie an der Lindenstraße in der Nähe des Bahnhofs. Sie richteten eine Mittelschule für Knaben ein, die sie stufenweise auf­- und ausbauten. 1929 schloss dort erstmals eine Untersekunda mit der Mittleren Reife ab. Drei Jahre zuvor, im Jahr 1926, war ein zu dieser Schule gehöriges Internat eröffnet worden. Zu diesem Zweck hatten die Maristen zwei Privathäuser angemietet.

Beim Umzug nach Remagen war der Neubau noch nicht fertig

Als die Zahl der Internatsschüler auf knapp 100 kletterte, waren die räumlichen Verhältnisse in Sinzig allerdings derart beengt, dass die Schule im Herbst 1929 nach Remagen umzog. Der Neubau war dort zu dieser Zeit allerdings noch gar nicht fertig. Deshalb bezogen die Internatsschüler im September 1929 vorübergehend in der „Waldburg“ auf dem Victoriaberg Quartier. Vor dort aus liefen sie täglich zum Unterricht zur alten höheren Knabenschule, die an der Stadtmauer stand.

Am 2. Januar 1930 bezog die Schule dann den mit Hauskapelle, Turnsaal, Studierzimmern, Bastelstuben, zwei Büchereien und Schlafsälen ausgestatteten Neubau, noch bevor das Gebäude am 19. Juli 1930 offiziell eingeweiht wurde. Bei gutem Wetter nutzen die Schüler einen Sport- und Spielplatz, der sich inmitten eines Tannenwaldes auf dem Apollinarisberg befand. Daneben gab es ein schuleigenes Streichorchester und eine von Schülern geleitete hauseigene Theatergruppe. Bald nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gründete sich innerhalb des Internats auch eine eigene Formation der Hitlerjugend (HJ); daneben entstand ein Spielmannszug. Beide wurden von der Brüdergemeinschaft der Maristen, dem Träger der Schule, toleriert – „nicht zuletzt wohl auch in der Hoffnung, vom Staat und der Partei ansonsten in Ruhe gelassen zu werden“, wie Friedrich Bayerath vermutet.

Empörung über die Schulschließung unter den Nazis

Was sich dann aber nicht erfüllte: Im Frühjahr 1939 wurde die Schule auf Bestreben der Nazis geschlossen. Sittliche Verfehlungen und Devisenvergehen schob man damals als Gründe vor. „Über die Auflösung waren wir schockiert, wochenlang wie gelähmt“, schreibt Bayerath, „Empörung, ja Wut machte sich breit.“ Von einem Tag auf den anderen wurden die Klassengemeinschaften zerschlagen und die Schüler in alle Winde zerstreut. Sofern sie aus der Region stammten, wechselten sie auf die Gymnasien in Ahrweiler und Linz, einige wenige gingen nach Andernach und Bonn. Bayerath wechselte zur Ernst-Moritz-Arndt-Oberschule für Jungen in Bonn.

Nachdem die Maristen so nach nur zehn Jahren den Neubau an der Bergstraße wieder verlassen hatten, zog dort der weibliche Reichsarbeitsdienst (RAD) ein. Die ersten neuen Bewohner waren junge Frauen, die in Remagen zu Arbeitsdienstführerinnen ausgebildet wurden. Marlis Föhr beschrieb sie im Heimatjahrbuch des Kreises Ahrweiler für das Jahr 2002: „In ihren blauen Kleidern im Sommer und den braunen Uniformen mit feschen Hüten im Winter brachten die ‚Maiden‘ Farbe in die Bergstraße, wenn sie in Scharen zur Stadt eilten. Sonst sah man sie auch auf den Sportplätzen bei sportlichen Aktivitäten.“

Bald darauf wurde das Gebäude zu einem Wehrmachtslazarett umfunktioniert. Es gab ehemalige Schüler, die an der Front verwundet worden waren und sich nun als Patienten in ihrer alten Schule wiederfanden. Junge Frauen aus der Römerstadt richteten einen Besuchsdienst für Soldaten ein, die keinen Besuch von Angehörigen zu erwarten hatten.

Nachdem das Lazarett in Frontnähe verlegt worden war, wurden Kriegsgefangene aus dem Osten „zur weiteren Behandlung“ in die ehemalige Maristenschule gebracht – vermutlich, um sie dort zu foltern. Marlis Föhr schreibt: „In der Folgezeit konnte man hören und vermuten, was sich dort abspielte. Die Menschen bekam aber selten jemand zu Gesicht. Nur hin und wieder sah man die Bewacher in der Bergstraße oder auf dem Weg zur Stadt, meistens in braunen Uniformen.“ Als Zahl und Intensität der Bombenangriffe auf Remagen zunahmen, wurde die Maristenschule abermals geräumt – zur Erleichterung der Nachbarschaft, die Angst vor Racheattacken gehabt hatte.

Nach dem Krieg, ab 1959, archivierte das Institut für Wehrmedizinalstatistik der Bundeswehr in den der ehemaligen Maristenschule Krankenakten von Soldaten.

Nach dem Umzug des Instituts nach Andernach stand das Gebäude jahrelang leer, bevor es zwischen 2012 und 2016 von einer Remagenerin in eine Anlage mit 38 Wohneinheiten auf 4 400 Quadratmetern Grundfläche verwandelt und ein Zuhause für viele Menschen wurde.

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