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„Caratsch“ fährt allen davon: Rennfahrer Rudolf Caracciola vor 120 Jahren in Remagen geboren

„Caratsch“ fährt allen davon : Rennfahrer Rudolf Caracciola vor 120 Jahren in Remagen geboren

Er ist eine Rennfahrer-Legende: Vor 120 Jahren kam Rudolf Caracciola in Remagen zur Welt. Der Spross einer neapolitanischen Adelsfamilie brannte leidenschaftlich für den Motorsport. Bis zum Zweiten Weltkrieg galt er als erfolgreichster Rennfahrer Europas.

Er hatte Benzin im blauen Blut – vor 120 Jahren, am 31. Januar 1901, wurde Rudolf Caracciola geboren. „Caratsch“, der Rennfahrer-Titan aus Remagen, dem am Deichweg in seiner Heimatstadt anlässlich seines 100. Geburtstages und 2017 auch am Nürburgring ein Denkmal gesetzt wurde, dominierte den Motorsport seiner Zeit wie kaum ein anderer. Er wurde 1935, 1937 und 1938 mit den „Silberpfeilen“ Europas Champion – war so etwas wie ein Michael Schumacher, denn die Europameisterschaft der Grand-Prix-Fahrer entsprach in etwa der heutigen Fahrerweltmeisterschaft. Caracciola siegte zuvor schon in drei aufeinanderfolgenden Jahren bei den Europa-Bergstraßenmeisterschaften.

1931 Sieg auf der berühmten Mille Miglia in Italien

Das „Gesellenstück“ des Remageners konnte sich ebenfalls sehen lassen: „Caratsch“ gewann 1931 als erster Ausländer in seinem SSK-Mercedes die berühmte Mille Miglia in Italien. Das war das Land seiner Vorfahren.

Der italienische Nachname von Otto Wilhelm Rudolf Caracciola geht auf das alte neapolitanische Prinzengeschlecht Caracciola zurück. Ein Prinz Bartolomeo wurde während des Dreißigjährigen Krieges Kommandant der Festung Ehrenbreitstein und blieb am Rhein. Mit seiner adeligen Herkunft kokettierte der PS-Matador aus Remagen aber nicht.

Das Hotel, das sein Großvater Johann August Otto Caracciola – 1848 Abgeordneter der Nationalversammlung in der Paulskirche – in Remagen errichtete, trug indes den schönen Namen „Fürstenberg“ und wurde später um das benachbarte Hotel „König“ erweitert. Normalerweise wäre die Führung des feinen Hauses die Zukunft des Caracciola-Sprosses gewesen. Aber schon früh entflammte seine Leidenschaft für Motoren. Und der kleine Rudolf war ein Tausendsassa: Auf Vaters lithographierten Briefbogen bestellte er heimlich bei Automobilfabriken Kataloge. Pfundweise traf das bedruckte Papier ein. Und der Post folgten erwartungsvoll die entsandten Firmenvertreter.

Zutiefst von der Faszination erfasst

Der Rennfahrer erinnerte sich später: „Das gab längliche Gesichter und jedesmal einen guten Trunk auf den Schreck, wenn sie dem zwölfjährigen ,Interessenten‘ vorgeführt wurden.“ Der sie dann mit Fragen bombardierte. Storys von heimlichen Fahrversuchen mit dem Mercedes des Vaters sind überliefert; auch das Vehikel eines Hotelgastes soll der junge Caracciola unbemerkt „ausgeliehen“ haben. Er selbst berichtete von Bocksprüngen, krachenden Zahnrädern und einem leergefahrenen Tank, der seinem ersten Ausflug ein Ende setzte. Rennfahrer – der große Berufswunsch blieb. Da kam die Familie mit ihren Plänen, ihn fürs Hotelfach zu verpflichten, nicht durch – Mutter Mathilde führte nach dem Tod ihres Mannes Maximilian 1916 mit ihren beiden Töchtern das Hotel, später nahm der ältere Sohn das Heft in die Hand. Caracciola: „Für mich war diese Entscheidung keine Laune des Augenblicks, ich war zutiefst von der Faszination dieses Sports erfasst.“

Mit dem Einjährigen verließ der künftige Rennfahrer das Kalkuhl-Institut in Oberkassel und wurde Volontär bei Fafnir in Aachen, einem kleinen Automobilhersteller.

Da bot sich Rudi die Chance: Er beharrte darauf, beim Avus-Rennen in Berlin 1922 zu starten und wurde Vierter als Bester des Fafnir-Teams. So durfte er auch mit zur 250 Kilometer langen Sachsenfahrt. Dabei sollte er von seinem technischen Geschick profitieren. Beim Ausweichen auf schmieriger Straße geriet der junge Mann ins Rutschen und landete im Graben. Was tat der Tausendsassa? Er baute in der nächsten Dorfschmiede die verbogene Achse aus, richtete sie im Feuer und fügte sie wieder ein. Kurz vor Zeitschluss erreichte er das Ziel mit der Erkenntnis fürs Leben, sich von nichts umwerfen zu lassen.

Unvergessene Grand-Prix-Aufholjagd

1923 türmte er nach Dresden, denn in der Kakadu-Bar in Aachen hatte er bei einem Streit einen belgischen Besatzungsoffizier auf die Bretter geschickt. In Sachsen arbeitete er zunächst als Verkäufer für Fafnir, erhielt bald von der Mercedes-Automobil-Gesellschaft einen Dienst-Vertrag als „Verkaufsbeamter“ für ein Monatsgehalt von 100 Goldmark plus Provision und durfte außerdem mit einem der neuen Kompressor-Wagen bei einigen nationalen Rennen starten.

Rudolf Caracciola stürmte vorwärts – bei Bergrennen, Flachrennen, mit Tourenwagen, Sportwagen, Rennwagen. 1926 gelang ihm der erste von sechs Siegen beim Großen Preis von Deutschland auf der Avus, alle weiteren holte er auf dem 1927 erbauten Nürburgring. Dabei fuhr er immer „unter dem Stern“, bis auf 1932 bei seinem Intermezzo auf Alfa Romeo. Unvergessen seine Grand-Prix-Aufholjagd auf der Avus bei strömendem Regen nach technischen Problemen und dem Rückfall auf den letzten Platz, die ihm den legendären Ruf eines „Regenmeisters“ bescherte. Caracciola – er war für viele der Beste all der großen Fahrer wie Rosemeyer, Lang, Nuvolari, Moss oder Fangio. Am 28. Januar 1938 erzielte er mit 432,7 km/h einen Geschwindigkeitsrekord auf der Autobahn Frankfurt-Darmstadt am Steuer eines stromlinienförmigen Mercedes W125. Stunden später verunglückte der Auto-Union-Fahrer Bernd Rosemeyer tödlich beim Weltrekordversuch – den Rat Caracciolas, wegen des aufkommenden Windes den Start zu verschieben, hatte er ehrgeizig ignoriert.

Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen

Auch der Mann aus Remagen, der seit 1929 in der Schweiz lebte und sich dort die Casa „Scania“ bei Lugano errichtete, blieb nicht von Unglück verschont. Ein Abflug beim Monaco-Training 1933 brachte ihm ein verkürztes rechtes Bein ein. 1934 wurde seine erste Frau Charlotte von einer Lawine begraben, Alice später die neue Gefährtin an seiner Seite. Die Nazis versuchten, ihn für ihre Zwecke einzuspannen. Aber auf eine NS-Mitgliedschaft ließ sich Caracciola ebenso wenig ein wie auf eine Rückkehr nach Deutschland. Die Schweizer Staatsbürgerschaft nahm er nach dem Zweiten Weltkrieg an.

1946 versuchte er ein Comeback in Indianapolis. Er verunglückte in einem ihm zur Verfügung gestellten Wagen. Erst als 51-Jähriger konnte er wieder ins Renngeschehen eingreifen. Bei der Rallye Monte Carlo gewann er mit dem Team der Daimler Benz AG den Mannschaftspreis. Bei der Mille Miglia wurde er Vierter. Kurz darauf der Preis von Bern. In Runde 13 blockierte das Hinterrad, „Caratsch“ raste gegen einen Baum – so war auch sein linkes Bein lädiert.

Die Daimler-Benz AG setzte Rudolf Caracciola als Repräsentanten ein. Am 28. September 1959 starb Remagens berühmter Sohn in Kassel an einer Leberinfektion. Auf dem Friedhof von Ruvigliana wurde er bestattet, dort fand auch seine Frau Alice ihre letzte Ruhe. Die Trophäen des großen Rennfahrers befinden sich heute im Museum des Indianapolis Motor Speedway.