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Symposium in Remagen: Wiederaufbau nach dem Hochwasser an der Ahr

Symposium in Remagen : Wie der Wiederaufbau an der Ahr nach der Flut gelingen kann

Welche Schlüsse zieht man aus der Flutkatastrophe, und was kann man dafür tun, dass etwas Vergleichbares nicht mehr passiert? Auf einem Symposium im Remagen haben Wissenschaftler, Umweltexperten und Politiker nach Antworten gesucht.

Während die Menschen im Ahrtal weiter mitten in der Bewältigung der Flutschäden stecken, wurden in dieser Woche in Remagen große Fragen diskutiert. Was lässt sich aus dem verheerenden Hochwasser vom 14. Juli lernen? Und vor allem: Was kann man unternehmen, damit ein solches Unglück nicht erneut passiert? Auf einem Symposium mit dem Titel „Ökologisch nachsteuern nach der Flut!“ haben sich auf Einladung des Landesverbands des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Experten und Politiker mit diesen Fragen beschäftigt. Eine Erkenntnis der Veranstaltung vor rund 90 Personen in der Rheinhalle: Solche Katastrophen lassen sich nicht verhindern, die Folgen lassen sich jedoch abmildern. 

„Aus den verschiedenen Blickwinkeln der Vortragenden wurde deutlich, dass wir jederzeit und nahezu überall mit einem solchen Ereignis rechnen müssen und dass die Wahrscheinlichkeit hierzu durch den Klimawandel erhöht wird. Wir werden solche Extremhochwasser nicht verhindern können, technische Hochwasserschutzmaßnahmen können Auswirkungen etwas reduzieren, aber nicht verhindern“, fasst Sabine Yacoub, Landesvorsitzende des BUND Rheinland-Pfalz, zusammen

Wichtig sei aus ihrer Sicht, den Faktor Hochwasser zum Beispiel bei der Planung von Baugebieten zu berücksichtigen. In dem Zusammenhang sei ein Blick in Geschichte aufschlussreich. Beim Ahr-Hochwasser 1804, so eine Erkenntnis, habe es ähnliche große Wassermengen gegeben wie im vergangenen Sommer. Der Unterschied: Der Pegel der Ahr habe damals deutlich niedriger gelegen als in diesem Jahr. „Grund hierfür ist eine die heute deutlich dichtere Bebauung“, so Yacoub.

Die Niederschlagsmengen im Ahrtal brachen historische Rekorde

Macht der Klimawandel Hochwasser wie im Juli wahrscheinlicher? Diese Frage erörterte auf dem Symposium Philipp Reutter von der Universität Mainz. Er zeigte zunächst die meteorologischen Umstände auf, die zu der Hochwasserkatastrophe geführt haben. Eine Kombination des sehr langsam ziehenden Tiefs, einer sehr feuchten Luftmasse und ein allgemein durch viele vorherige Regenfälle gesättigter Boden seien Mitte Juli die Ausgangslage gewesen. Die Niederschlagsmengen hätten deutlich historische Rekorde gebrochen.

Im Vergleich zu einer um 1,2 Grad kälteren Welt habe der Klimawandel die Intensität der maximalen Tagesniederschläge um drei bis 19 Prozent erhöht. Die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis wie am 14. Juli dieses Jahres sei heute um den Faktor 1,2 bis neun erhöht, so Reutter in seiner Präsentation. Das Fazit: Der Klimawandel mache ein solches Starkregenereignis „wahrscheinlicher und intensiver“.  

Für Akzeptanz von Hochwasserschutz werben

Wie kann ein effektiver Hochwasserschutz für das Ahrtal aussehen? Laut Robert Ueberfeldt, Geschäftsführer von Fischer Teamplan mit Sitz in Erftstadt, müsse man das Ahrtal als Ganzes betrachten und bei den Maßnahmen vier Aspekte zusammenbringen: die Wirtschaftlichkeit, die städtebauliche Verträglichkeit, die wasserwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die ökologische Verträglichkeit. Zwar ist es theoretisch denkbar, eine drei Meter hohe Schutzwand zu bauen. Jedoch sei es sehr wahrscheinlich, dass ein solches Bauwerk in einem Ort auf Ablehnung stößt. Auch die Schaffung von Hochwasserrückhaltebecken bedeute – je nach Dimensionierung – einen unterschiedlich großen Eingriff in die Natur. Um Akzeptanz für Hochwasserschutzmaßnahmen zu erzeugen, sei es auch deshalb wichtig, viel Aufmerksamkeit auf einen Dialogprozess zu richten.    

Die Planung und Umsetzung effektiver Hochwasserschutzmaßnahmen benötige Zeit. „Ich warne vor schnellen Lösungen“, so Ueberfeldt. Für eine solide Studie brauche es seiner Einschätzung nach zunächst ein bis zwei Jahre. Bis zur Umsetzung könnten noch einmal fünf bis zehn Jahre vergehen. Die Hochwasserschutzbauwerke hätten einen Lebenserwartung von rund 80 bis 100 Jahren. Auch wenn die Bauwerke wie Rückhaltebecken oder Mauern Sicherheit suggerieren, müsse man nach der Fertigstellung als Anwohner weiter damit rechnen, dass Überflutungen möglich sind.

 Lothar Kirschbauer von der Hochschule Koblenz war einer der Vortragenden bei dem Symposium des BUND in Remagen.
Lothar Kirschbauer von der Hochschule Koblenz war einer der Vortragenden bei dem Symposium des BUND in Remagen. Foto: Jutta Dietz

Auch Orte können auch Niederschläge speichern

Gibt es neben dem klassischen Hochwasserschutz Maßnahmen, die ein Hochwasser abschwächen können? Lothar Kirschbauer, Professor an der Hochschule Koblenz, brachte den Begriff der Schwammstädte und Schwammdörfer in die Debatte ein. Durch Schaffung von dezentralen Rückhaltemaßnahmen – zum Beispiel in Form von tiefergelegten Straßen, multifunktionalen Flächen oder Retentions-Zisternen – könne Niederschlag aufgefangen werden. Um die Auswirkungen von Starkregen abzumildern, sei es wichtig, die versiegelte Fläche zu reduzieren. Auch der Straßenraum könne dahingehend umgestaltet werden, dass Regenwasser nicht sofort abfließt, sondern in Mulden aufgefangen wird, wo es versickern und verdunsten kann. Jedoch: Bei einem Starkregen wie am 14. Juli hätten solche Maßnahmen wenig ausrichten können, da die Speicherräume bereits gefüllt und der Boden gesättigt war. Für Ereignisse mit kleineren Ausmaßen seien Schwammstädte eine Nachhaltige Option, da das Wasser langsamer und später in die Gewässer gelange. Zudem werde das Stadtklima verbessert.