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Im Einklang mit der Natur: Solidarische Landwirtschaft in der Grafschaft

Im Einklang mit der Natur : Solidarische Landwirtschaft in der Grafschaft

Nachhaltig und im Einklang mit der Natur leben: In der Grafschaft setzt der Verein Frankensiedlung Nithrindorp diese Idee seit zwei Jahren mit dem „Solawi-Projekt“ in die Tat um. Im einen Hektar großen Naturgarten gibt es immer etwas zu tun – und 24 Familien aus der Region machen mit.

Im Einklang mit der Natur und in einer solidarischen Gemeinschaft zu leben ist ein Trend, über den gerade in der jetzigen Ausnahmesituation vielen Menschen als nachhaltigen Lebensstil nachdenken. In der Grafschaft wird die Idee schon seit zwei Jahren im „Solawi-Projekt“ des Vereins Frankensiedlung Nithrindorp in die Tat umgesetzt. Solawi ist dabei die Abkürzung von „Solidarische Landwirtschaft“.

Nach dem Start mit fünf Familien im Jahr 2018 nehmen heute 24 Familien aus der ganzen Region an dem Projekt teil. Damit ist auch die Kapazitätsgrenze des Projektes erreicht, so Initiator Mathias Heeb: „Mehr geht wirklich nicht, obwohl es noch jede Menge Interessenten gibt.“

Gerade erst hat das neue Solawi-Jahr begonnen, seit Anfang März sind täglich einige der Teilnehmer des Projektes auf dem Gelände der Frankensiedlung oberhalb des Regenrückhaltebeckens von Nierendorf bei der freiwilligen Gartenarbeit anzutreffen. „In unserem einen Hektar großen Naturgarten gibt es immer etwas zu tun“, sagt Heeb, der die Freiwilligen nach ihren Fähigkeiten und Vorkenntnissen und ihrem Alter entsprechend einteilt. „Hier muss niemand aktiv mitmachen, aber die Leute reißen sich fast darum, mithelfen zu dürfen.“ Für viele sei es eine schöne Abwechslung zur Büroroutine, und viele hätten zuvor überhaupt keine Erfahrung mit Gartenarbeit gehabt. Andere wiederum seien Fachleute, die mal etwas anderes ausprobieren wollten.

Am Dienstag beispielsweise war die ganze Familie Fieseler aus Oedingen im Einsatz. Während sich Vater Clemens, seines Zeichens Referent in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, mit Sohn Simon damit beschäftigt, aus abgelagertem Pferdedung ein neues Kürbisbeet zu bauen, rücken Mutter Dorothea und Tochter Mia am anderen Ende des Geländes dem Unkraut in einem der insgesamt 60 Gemüsebeete zu Leibe. Immerhin müssen 2000 Gemüsepflanzen versorgt werden. Wobei Heeb befürchtet, dass auch in diesem Sommer wieder die Wasserversorgung angesichts der zu erwartenden Trockenheit ein Problem darstellen werde, weshalb man bereits in einigen Beeten eine Tröpfchenbewässerung installiert hat.

Das Gemüse wird zum Teil in Perma-Kulturflächen gezogen, wobei keine künstlichen Pestizide zum Einsatz kommen. Als Mittel gegen Pilzkrankheiten werden Schachtelhalm oder Brennnesseljauche eingesetzt, erläutert Heeb. „Der Boden wird nicht umgepflügt, dadurch bleiben die Organismen erhalten. Außerdem wird der Boden mit vergänglichem Material abgedeckt, um ihn zu schützen.“ Zuerst kommt eine Schicht Pferdemist auf den Boden, dazu Urgesteinsmehl und Holzkohlestaub, der durch seine große Oberfläche die Ansiedlung bestimmter Bodenorganismen ermöglicht. Zum Abschluss wird das Ganze noch mit Komposterde abgedeckt, in die dann die Einsaat oder die Pflanzen eingebracht werden. Somit soll sich dieser Boden über Jahre ohne die Zufuhr von künstlichen Düngemitteln erhalten.

Jeden Freitag oder Samstag zwischen April und November werden die teilnehmenden Familien mit einer großen Gemüsekiste beliefert, in der all das zu finden ist, was der Garten zu dieser Jahreszeit hergibt. Hinzu kommen alle zwei bis drei Wochen Eier und Honig aus eigener Produktion, dazu auch hin und wieder Holunderblütenlikör oder verschiedene Marmeladen, die von den Mitgliedern selbst hergestellt werden. Das Angebot umfasst zahlreiche verschiedene Gemüsesorten, vom einfachen Salat und der Gurke angefangen über Rote Bete und Möhren, diverse Kohlsorten und Rettich bis hin zu Mangold und Kohlrabi.

Bei der Auswahl der Pflanzen versucht man, sich so gut es geht am „Capitulare de Villis“ zu orientieren, das zu Zeiten des Karolingerkönigs Karl der Große um das Jahr 800 nach Christus als Leitfaden für eine vorbildliche Landwirtschaft verfasst wurde und unter anderem eine Liste der damals gebräuchlichen Pflanzenarten enthält.

Wobei Heeb zugibt: „Die Pflanzen von heute sind aufgrund der Zucht­entwicklung nicht mehr vergleichbar mit den Pflanzen von damals, und einige Pflanzenarten gibt es heute gar nicht mehr als Nutzpflanze.“ Dafür kommen neue Pflanzen hinzu, wie die Kartoffel oder die Tomate, die aber im Naturgarten nicht angebaut werden. Wobei man jetzt überlegt, demnächst doch Tomaten anzupflanzen, weil einfach die Nachfrage sehr groß sei und heutzutage eine Tomate einfach in eine Gemüsekiste gehöre.

Wer bei dem Projekt mitmachen möchte, muss aus steuerrechtlichen Gründen Mitglied des Vereins Frankensiedlung Nithrindorp sein, der mittlerweile auf 140 Mitglieder angewachsen ist. Dafür gibt es dann gesundes regionales Gemüse und Obst, Eier und Honig aus eigenem Anbau zu fairen Preisen, verspricht Heeb.

Die Gemüsekisten werden übrigens an Depots geliefert, die sich in Remagen, Gelsdorf und in der Frankensiedlung befinden, wo die Mitglieder sie dann abholen können. Doch im Mai und Juni ist die Ernte manchmal so gut, dass man auch Bedürftigen damit eine Freude machen kann, indem der Überschuss kostenlos an die Tafel oder an das Sozialprojekt Kerit in Ahrweiler weitergegeben wird.