Bevölkerungsentwicklung in Bad Neuenahr: "Dem Wandel 20 Jahre voraus"

Bevölkerungsentwicklung in Bad Neuenahr : "Dem Wandel 20 Jahre voraus"

Fliegende Autos wie in Science-Fiction-Filmen und blitzblanke Wolkenkratzer. Denke ich an eine Stadt der Zukunft, sind die ersten Assoziationen hektisch, laut, silberblauglänzend. Blicke ich in die Realität, bedeutet ein Projekt namens "Zukunft Bad Neuenahr", dass es in der Innenstadt keine Bordsteine mehr gibt, damit der gesamte Einkaufsbereich barrierefrei ist.

Für Menschen mit Rollstuhl oder Rollator. Oder mit Kinderwagen, wie die Stadt betont. Außerdem gibt es seit "Zukunft Bad Neuenahr" mehr Bänke an den Brunnen zum Ausruhen beim Einkauf. Ist die Stadt der Zukunft eine Rentnerstadt?

Fast schon erschreckende Zahlen haben mich hierher gebracht: 90 Prozent der Haushalte in der Bad Neuenahrer City haben keinen Nachwuchs im Kindesalter. Außerdem sind im Kernbereich der Stadt knapp zwei Drittel der Bewohner über 50 Jahre alt. Das geht aus einem Prüfbericht der Stadt hervor. Grund genug, sich einmal genau anzusehen, wer hier lebt und wo eigentlich die Kinder abgeblieben sind.

"Wir sind dem demografischen Wandel in Deutschland etwa 20 Jahre voraus", erklärt mir Bürgermeister Guido Orthen. Deshalb also "Zukunftsstadt". Experten erwarten von diesem Wandel hauptsächlich, dass sich das Durchschnittsalter in Deutschland deutlich erhöht.

"Schrumpfung ist außerdem die zweite Konstante, die den Wandel ausmacht", erklärt Harald Herrmann, Direktor und Professor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Die Alten bleiben, die Jungen gehen weg, die kleineren Städte vergreisen. "Mit sinkenden Bevölkerungszahlen haben wir aber nicht zu kämpfen", sagt Orthen.

Wie passt das zusammen? Bad Neuenahr liegt malerisch im Ahrtal, ist ein traditioneller Kurort, mitten in einer Wander- und Weinregion. Ein älteres Publikum scheint nicht nur touristisch, sondern auch dauerhaft davon angezogen zu werden: Seit Jahren steigen die Zuzugszahlen.

Und die Preise: Laut Manuel Efferz, Geschäftsführer von Efferz und Hoppe Immobilien in Bad Neuenahr, werde hochwertiger Wohnraum immer gefragter: "Alle zieht es in die Städte - egal ob Jung oder Alt. Die Preise hier zeugen von der Attraktivität Bad Neuenahrs: Eine Neubau-Eigentumswohnung kann durchaus 3500 Euro den Quadratmeter kosten."

Die flache Tallage ist dabei für Senioren besonders interessant - deshalb gehört der Stadtteil zu den Gewinnern der demografischen Entwicklung, meint der Bürgermeister: "Es ist doch ein Kompliment an diese Stadt und diese Region, wenn Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, sagen: Bad Neuenahr ist unser Wunschstandort für das Alter." Er überreicht mir ein dickes Paket Broschüren: "Stein und Wein", "Wieder aufleben" und "Lust am Leben".

Es ist ein sonniger Vormittag. Ich gehe die bordsteinlose Einkaufsstraße entlang und senke den Altersdurchschnitt. Gesäumt wird diese von vielen Kleiderstangen voller grell-geblümter Blusen. Daneben hängen Hosen in allen Farben - mit Gummizug am Bund. Außerdem: Regale mit beigefarbenen Schuhen mit Klettverschluss.

Eine Drogerie wirbt im Schaufenster: "Finde uns bei Instagram". Ich frage mich, wie viele der Kunden wohl den Internet-Bilderdienst nutzen. Vor einer Eisdiele treffe ich Lucas, 18 Jahre alt. Wie ist es denn in Bad Neuenahr? Er überlegt kurz, dann sagt er trocken: "Es ist die Stadt der lebenden Toten." Mehr fällt ihm nicht ein. "Ich fahre gerne nach Bonn oder Koblenz."

Guido Orthens großer Traum ist es, die Modekette H&M nach Bad Neuenahr zu holen. Doch der Regionalmanager war mal morgens hier und hat wahrscheinlich das gesehen, was auch ich sehe: kein potenzielles H&M-Publikum. "Dabei sind jeden Tag fast 5000 Schüler in der Stadt", erklärt Orthen. Sie kommen hauptsächlich aus den umliegenden Stadtteilen.

"Eine Wohnung in der Innenstadt ist für Familien teuer. In den umliegenden Gemeinden bekommen Sie für einen ähnlichen Preis ein frei stehendes Einfamilienhaus", erklärt Makler Efferz.

Orthen sieht trotzdem für Bad Neuenahr einen klaren Vorteil im Wettbewerb um die Familien: "Früher war ein gesicherter Kita-Platz ein weicher Standortfaktor, heute ist es ein harter. Und wenn man einen Kinderwunsch hat, kann man ihn in Bad Neuenahr gut leben."

In einer chaotischen Welt traditionelle Werte vermitteln

Ich möchte wissen, wie der Spagat funktioniert, wenn viele Alte und wenige Junge eng zusammenleben und treffe deshalb Marion Surrey, die Leiterin des Mehrgenerationenhauses.

"Gerade die Jüngeren profitieren in unserer chaotischen Welt von Werten wie Anstand und Benehmen, die sie hier von Älteren vermittelt bekommen", sagt sie. Aber auch die Älteren könnten von den Jungen lernen: So geben Schüler hier zum Beispiel Computerkurse.

Die räumliche Nähe stärke auch das Bewusstsein für die Probleme älterer Menschen und die Hilfsbereitschaft. Ob das ein Vorteil in der demografischen Entwicklung ist? "Wir sind gut vorbereitet auf das, was kommt. Weil wir es schon leben", meint Surrey. Doch sie hat auch eine klare Botschaft an mich: Nicht ganz Bad Neuenahr ist alt. Die Weststraße leistet Widerstand: Auf ein paar Hundert Metern gibt es hier das Mehrgenerationenhaus mit Jugendtreff, die Grundschule und drei Kindergärten.

Am Nachmittag ist sie gefüllt mit Fahrrädern und bunten Schulranzen. Surrey betont: Den Jugendlichen, die sie kenne, werde in Bad Neuenahr nicht langweilig. Die Jugendlichen, die ich getroffen habe, erklärten zumeist mit verschmitzter Miene: "Wir kommen schon zu unserem Spaß."

An den Prospekt mit dem Aufdruck "Lust am Leben" muss ich denken, als ich mich in einem Café mit Rosi, 74 Jahre alt, und Norbert, 77 Jahre, unterhalte. Sie sind vor einigen Monaten aus Köln zugezogen. Norbert erklärt: "Mir gefällt, dass die Senioren hier noch Energie mitbringen. Ich will hier den Lebensabend verbringen, nicht unterm Baum liegen."

Rosi meint: "So viele Zugezogene können sich ja nicht vertun." Wer heute (gut situierter) Senior ist, will noch etwas erleben, oder zumindest genießen. Einer der engagiertesten Vereine in Bad Neuenahr ist das Seniorennetzwerk. "Die Senioren sind das Kapital der Stadt", sagt Rainer Nennmann, Sprecher des Vereins. Auch für die Jüngeren.

"Bad Neuenahr kann im Pflege- und Unterstützungsbereich Karriere machen", glaubt er. "Zynisch gesagt ist Pflege das Geschäft der Zukunft." Auch die Gesundheitsversorgung ist harter Standortfaktor. Nach Angaben der Stadt sei das Geschäft auf dem Immobilienmarkt schlechter gelaufen, als die Ahrthermen vergangenes Jahr geschlossen waren, weil potenzielle ältere Käufer die Entwicklungen abgewartet hätten.

Senioren beleben die Innenstadt

Die Senioren bringen aber nicht nur Arbeitsplätze, sondern beleben auch die Innenstadt, so paradox das im Zusammenhang mit Gummizugbundhosen klingt. Für eine Kleinstadt ist die Einkaufsstraße bevölkert. Das Preisniveau ist hoch.

Meinen Eindruck bestätigt mir Stadtplaner Alfred Bach: "Der Einzelhandel hat klare Vorteile: Viele Personen, die nicht im Internet einkaufen und viele, die den Einzelhandel täglich nutzen. Auch das Handwerk profitiert davon, dass die Menschen gerne Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Und das sichert letztlich gesamtstädtisch eine gute Versorgung." Man profitiere von der Urbanität. "Als Kleinstadt haben wir die Vorteile einer Großstadt."

Wenn die Senioren so viel für die Stadt tun, wäre es nicht sogar eine Option, Bad Neuenahr zu einer Rentnerstadt mit Mindestalter zu erklären? Weder Bürgermeister noch Stadtplaner, Anwohner oder das Bundesinstitut halten das für erstrebenswert.

Letztlich muss die Stadt Bad Neuenahr einen Spagat schaffen: Es gilt, Infrastruktur für die Senioren aufrecht zu erhalten, gleichzeitig junge Familien herzuholen, die Arbeitsplätze besetzen, und an die Zukunft zu denken: Denn die Rentner von Morgen sind die 40- und 50-Jährigen von Heute, die bereits jetzt aufmerksam werden müssen auf ihren möglichen Sitz im Alter: Bad Neuenahr.