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Der Fall des Koma-Patienten beschäftigt Gericht

Der Fall des Koma-Patienten beschäftigt Gericht

Drei Bonner Polizeibeamte und ein Arzt sitzen auf der Anklagebank - Opfer hat irreparablen Hirnschaden - Am ersten der zwölf Verhandlungstage sucht man die Sachverständigen vergebens im Saal

Bonn. "Die Mitnahme von Schusswaffen in den Saal 0.11 ist untersagt", steht an der Tür. Der ungewöhnliche Hinweis im Landgericht richtet sich an Polizisten, die gewöhnlich die Säle mit der Waffe im Holster betreten dürfen. In diesem Prozess vor der 3. Großen Strafkammer aber will deren Vorsitzende Liesel Bürger auf Nummer sicher gehen und verbietet den Beamten das Tragen der Waffe.

Denn vor Gericht stehen seit Dienstag die drei Polizisten und der Arzt, die in der Nacht des 16. November 2004 in Gewahrsamszelle 5 des Polizeipräsidiums einen 31-jährigen Italiener so misshandelt haben sollen, dass er seitdem mit irreparablem Hirnschaden im Koma liegt.

Staatsanwalt Heinz Clemens wirft den Kommissaren zwischen 45 und 47 Jahren vor, den stark alkoholisierten und hochgradig erregten Mann in der Zelle bäuchlings in "Jesus-Haltung" an Händen und Füßen gefesselt und gemeinsam mit körperlicher Gewalt 26 Minuten lang so auf die Matratze gedrückt zu haben, dass er fast erstickte.

Zweck der Maßnahme: Der 45-jährige Arzt sollte dem Mann Blut abnehmen, was ihm erst nach mehreren Versuchen gelang. Dann wurde der Mann so liegen gelassen, obwohl es ihm laut Anklage sehr schlecht ging. Und selbst als Rettungssanitäter, die den Italiener ins Krankenhaus bringen sollten, feststellten, dass er röchelte, soll der Arzt gesagt haben: "Das ist ein Trick." Doch plötzlich stand das Herz des 31-Jährigen still.

"Sein Zustand ist hoffnungslos", zitiert Staatsanwalt Clemens die Mediziner. Drei Sachverständige sind in den Fall eingeschaltet, der dritte wurde erst kürzlich vom Gericht beauftragt. Doch für die ersten der insgesamt zwölf Verhandlungstage sucht man die Sachverständigen vergebens im Saal, der Staatsanwalt ist sichtlich konsterniert über das Fehlen der wichtigsten Experten zur Beurteilung des Falls.

Er versteht nicht, warum sie nicht, wie sonst üblich, am gesamten Prozess teilnehmen, um Angeklagte und Zeugen zu hören und befragen zu können. Doch die Richterin erklärt: Das ist hier nicht nötig. Man habe ja den Film aus der Überwachungskamera von Zelle 5 mit dem Geschehen, und außerdem könne man notfalls einen Zeugen auch ein zweites Mal laden, falls ein Gutachter Fragen habe.

An diesem Tag ist nur einer der Polizeikommissare zur Aussage bereit und schildert, wie er damals zusammen mit einem Kollegen zu einer Randale in der Kölnstraße gerufen wurde, wie aggressiv der Italiener Widerstand geleistet habe, und wie man beschlossen habe, ihn in den Gewahrsam zu bringen - "auch zu seinem Schutz".

Dort sei der Mann den beiden Mitangeklagten übergeben worden, er selbst habe Schreibkram erledigt und sei erst später von den Kollegen gebeten worden, sich auf die Fußfesseln des Italieners zu stellen, damit der bei der Blutentnahme still liege.

Ob er denn nicht gemerkt habe, dass der Mann in genau der Erstickungsgefahr war, vor der ein Leitfaden des Innenministers warne? Die Antwort: Er habe den verantwortlichen Gewahrsamskollegen und dem Arzt vertraut. Zwei Schwestern und ein Bruder des Komapatienten hören als Nebenkläger fassungslos zu. Ihr Bruder verfällt, wie sie in einer Pause schildern, immer mehr.