1. Region

Rettungseinsätze nach Hochwasser in Erftstadt: Fahrzeuge stehen zwölf Meter unter dem Wasserspiegel

Rettungseinsätze nach Hochwasser in Erftstadt : Fahrzeuge stehen zwölf Meter unter dem Wasserspiegel

Am vierten Tag der Jahrhundertkatastrophe kämpfen Rettungskräfte in Erftstadt weiter gegen die Fluten. Auf der B265 räumen Panzer unter Wasser stehende Fahrzeuge von der Straße. Der Bundespräsident schaute sich die Schäden vor Ort an.

„Wir haken den an der Felge ein und ziehen ihn dann direkt rüber“, ruft ein Soldat der Bundeswehr, der auf der überfluteten B265 in Erfstadt neben zwei verkeilten Lastwagen steht. „Was haltet ihr davon?“ Seine Kollegen nicken. Die Männer befestigen ein Stahlseil am Laster und verbinden es mit einem 1500-PS starken Räumpanzer. „Haste“, ruft der Soldat dem Fahrer im Kettenfahrzeug zu. Dann wird der Lkw herausgezogen. Windschutzscheibe und Motorraum sind zum Teil eingedrückt; aber niemand sitzt mehr im Führerhaus. Die Rettungskräfte atmen auf. Man sieht ihnen an, wie erleichtert sie sind, keine Leiche vorgefunden zu haben.

Die Bundesstraße durch Erfstadt hat sich in ein Katastrophengebiet verwandelt und gleicht einer Trümmerlandschaft. Dort müssen sich am Freitag dramatische Szenen abgespielt haben. Als die Wassermassen kommen, befinden sich zahlreiche Autos und Lkw auf der Bundesstraße; in dem Bereich liegt eine Senke. „Wir sind dort zwölf bis 13 Meter unter dem Wasserspiegel“, erklärt ein Sprecher der Feuerwehr. Binnen Minuten läuft die Senke voll. Einige Menschen können sich retten. Ob sich noch Personen in den untergegangenen Autos befinden, kann derzeit noch niemand sagen. „Uns wurden keine Vermissten gemeldet“, sagt der Feuerwehrsprecher. Wie lange die Bergungsarbeiten dauern werden, ist nicht absehbar; vermutlich wird mit Einbruch der Dunkelheit aus Sicherheitsgründen abgebrochen und dann am Sonntag bei Tageslicht weitergemacht. „Wir warten auch bis das Wasser zurückgeht. In der braunen Brühe ist es für Taucher zu gefährlich.“

Am vierten Tag der Jahrhundertkatastrophe wird ein Teil des Ausmaßes in Erftstadt langsam sichtbar. Der Ortsteil Blessem, der direkt an der B265 liegt, ist abgeriegelt. Niemand kommt und darf mehr rein; nur Rettungsgeräte sind noch dort. Und Statiker, die prüfen sollen, ob die Häuser noch sicher sind. Es könnte sein, dass der Ort in Teilen unterspült ist. „Es wird sehr lange dauern, bis wir wieder da sind, wo wir vor der Katastrophe waren. Wenn überhaupt“, so der Feuerwehrsprecher. Nach dem Einsturz von drei Häusern und Teilen der historischen Burg besteht die Sorge, dass weitere Gebäude einstürzen und in den Krater abrutschen könnten.

Am Nachmittag macht sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Bild von der Flutkatastrophe auf der B265. Er steht auf einer Brücke und lässt sich von Rettungskräften das Ausmaß schildern. „Vielen Menschen hier in den Regionen ist nichts geblieben außer ihrer Hoffnung. Und diese Hoffnung dürfen wir nicht enttäuschen“, sagt das Staatsoberhaupt. Ihm geht die Katastrophe sichtlich nahe. Der Ruf nach Hilfe aus allen Teilen der Region sei „groß und drängend“, sagt er. „Aber den großen Verlust haben diejenigen zu tragen, die Angehörige verloren haben in den Fluten“, betont Steinmeier weiter. „Ihr Schicksal zerreißt uns das Herz.“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der mit Steinmeier nach Erfstadt gekommen ist, bezeichnet das Hochwasser als „Jahrhundertkatastrophe“, deren Folgen Land und Kommunen nicht alleine stemmen könnten. In NRW hat die Katastrophe nach Angaben des NRW-Innenministeriums bislang landesweit mindestens 43 Todesopfer und viele Verletzte gefordert. Mitten im Chaos gibt es in Erfstadt aber auch Zeichen der Hoffnung. Denn bislang gibt es hier keine bestätigten Todesopfer. Man könne aber nicht ausschließen, noch Tote zu finden, so ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises.

„Achtung, Achtung“, ruft ein Polizist plötzlich auf der Brücke über die B265. „Gleich müssen alle hier runter. Es kann gefährlich werden“, sagt er. Der Panzer zieht gleich einen weiteren Laster heraus. „Das Stahlseil kann reißen. Dann fliegen Splitter“, erklärt der Polizist. Dazu kommt es aber nicht. Das Seil hält und das nächste Fahrzeug wird aus dem Wasser gezogen. Zuvor haben Helfer das Wort „leer“ an den Lkw geschrieben; das heißt, dass niemand in dem Fahrzeug gefunden worden ist.

Dann rückt die DLRG mit zwei Rettungsbooten an; je vier Männer ziehen die Boote ins Wasser auf der Bundesstraße. Sie sollen weitere Fahrzeuge unter Wasser suchen. Schnell steht einigen Männern, die das Boot ziehen, das Wasser bis zu den Schultern. Taucher machen sich bereit. Niemand weiß, was sie finden werden.