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GA-Serie: Rheinische Redensarten

Rheinische Redensarten : Do kannste misch för anluhre

In der Serie „Rheinische Redensarten“ beleuchten wir bedeutungstiefe Redewendungen. Dieses Mal: Do kannste misch för anluhre

Der Rheinländer hält auf sich. Das bedeutet, er ist sich seiner selbst und seines Wertes bewusst. Diese Feststellung hat viele Implikationen. Denn es bedeutet, er ist in der Welt orientiert, weiß, wo oben und unten ist, was gut und was schlecht ist. Und was man tun soll und was besser nicht.

An dieser Stelle kommt die rheinische Redensart ins Spiel: „Do kannste misch för anluhre.“ Diese Formulierung geht tief ins rheinische Herz des Dialektsprechers. Die wörtliche Übersetzung ins Hochdeutsche hilft nicht sofort weiter und würde wohl lauten: „Da kannst Du mich für ansehen.“ Ja, wie jetzt? Da soll man also jemanden betrachten für etwas. Dieses etwas ist im allgemeinen Mundartdialog in der Regel ein Statement, eine Feststellung, eine Aussage oder eine Behauptung des Protagonisten. Anluhre im Sinne von ansehen, da steckt außerdem das Substantiv Ansehen drin. Da stellt also jemand sein Ansehen zur Disposition für den Wahrheitsgehalt dessen, was er gesagt hat. Er will also sagen „Ich sage Dir etwas, und das meine ich völlig ernst“, oder: „Was ich Dir hier sage, da kenne ich mich aus, da bin ich eine Instanz, darauf kannst Du Dich voll und ganz verlassen.“ Zwischen den Zeilen bedeutet das: „Egal, was die anderen sagen, das hier stimmt!“

Aber woher kommt das Verb „luhre“? Da stoßen wir auf eine große Bedeutungsvielfalt, die unter anderem meint: gespannt warten, beobachten, auf etwas achten. Rein vom Wortstamm her ist der Begriff zurückzuführen auf das Wort „lauern“. Eigentlich sogar umgekehrt hat sich lauern aus dem mittelalterlichen luren entwickelt. Und noch heute gibt es in den Niederlanden die Wendung loeren für spähen. Das, was wir im Rheinland als Mundart identifizieren, ist in ähnlicher Form in die Standardsprache des Niederländischen übergegangen. Deshalb klingen Formulierungen unserer Nachbarn in vielen Teilen sehr vertraut.

Übrigens gibt es bei uns auch die abgeschwächte Form der Redewendung, die dann heißt „Do kannste misch för ansinn.“ Das ist von der Sprachrhythmik her noch gefälliger, bedeutet aber am Ende dasselbe: Ich habe Recht!

Der General-Anzeiger und der Verlag Lempertz haben die neuen Kolumnen von Jörg Manhold unter dem Titel „Rheinisch für Fortgeschrittene“ veröffentlicht. Das Buch ist im Handel erhältlich.