1. Region

Gipseier ersetzen Anti-Baby-Pillen

Gipseier ersetzen Anti-Baby-Pillen

Pilotprojekt in Bad Godesberg soll zu einem stadtverträglichen, gesunden Tauben-Bestand führen - Tiere sollen auf bestimmte Standorte konzentriert werden - Fragebogenaktion läuft

Bad Godesberg. Wie in allen größeren Städten ist auch in Bonn das Thema Stadttauben ein Dauerbrenner. In Bad Godesberg konzentriert sich das Problem vor allem auf den Theaterplatz.

Hier will Bürgermeister Horst Naaß jetzt gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Stadttauben neue Wege beschreiten, nachdem alle bisherigen Maßnahmen wie das Ausstreuen von Gift oder der Einsatz von Falken "nicht zielführend" gewesen seien. Zudem verstießen Vergiftungsaktionen gegen das Tierschutzgesetz, meint die Vorsitzende der Bonner Arbeitsgruppe Stadttauben, Rosemarie Dolatshahi.

Stadttauben seien keine Wildtauben, sondern verwilderte Haustiere, erklärte Dolatshahi anlässlich einer Ortsbegehung in der Godesberger Innenstadt. Die Urform aller gezüchteten Tauben sei die Felsentaube. Ihre domestizierten und wieder verwilderten Nachfahren, die Stadttauben, seien daher auf Gebäude "als Felsenersatz" angewiesen, da sie nicht auf Bäumen nisten könnten.

Zudem steuerten sie ihr Brutverhalten nicht mehr nach Jahreszeit und Nahrungangebot, sondern pflanzten sich das ganze Jahr über fort. Dieses geänderte Instinktverhalten lasse sich nicht mehr rückgängig machen. Kern des Konzepts, das bereits in mehreren deutschen Städten erfolgreich umgesetzt wurde und vom NRW-Umweltministerium empfohlen wird, ist die Einrichtung betreuter Taubenschläge, in denen die Vögel mit artgerechtem Körnerfutter und Trinkwasser versorgt werden.

Zusätzlich werden zur "Geburtenkontrolle" die Eier gegen Gipsattrappen ausgetauscht, weil es noch keine wirksame "Anti-Baby-Pille" für Tauben gebe, sagt Naaß. Das jetzt gestartete Pilotprojekt stelle einen "tiergerechten und ökologisch sinnvollen Weg zur Bestandskontrolle der Stadttaubenpopulation dar".

Der Bonner Umweltdezernent Volker Kregel unterstützt das Projekt laut Naaß. Eine Vorreiterrolle nimmt die Stadt Augsburg ein. Sie praktiziert seit acht Jahren dieses Konzept und hat für die dort lebenden rund 2 000 Tauben bereits sieben Taubenschläge eingerichtet, die Zahl soll auf 15 erhöht werden. Daneben nutzt man in Augsburg weiterhin "Vergrämungsmaßnahmen".

Ein kaum zu überwachendes Fütterungsverbot wie in Bonn gibt es nicht. Statt auf Bußgelder setzt die Augsburger Verwaltung auf Information und Aufklärung. Auch Naaß will sich nun bei der Bonner Stadtverwaltung um die Herausgabe eines Info-Flyers bemühen. Dolatshahi ist überzeugt, dass die Einrichtung von Taubenschlägen "Vergrämungsmaßnahmen" in der näheren Umgebung sogar überflüssig machten. Ziel des Gesamtvorhabens sei ein "stadtverträglicher, gesunder Taubenbestand".

Am Donnerstag startete eine Fragebogenaktion zur Bestandsaufnahme der in Bad Godesberg lebenden Stadttauben. Die Fragebögen werden an direkt Betroffene wie Hauseigentümer und Geschäftsleute verteilt. Wichtig seien aber auch Beobachtungen von nistenden Tauben, deshalb sollten sich "alle Godesberger angesprochen fühlen", so Naaß. Nach der Auswertung der Fragebögen, die im Stadtmarketing-Pavillon am Ria-Maternus-Platz abgegeben werden können und auch dort ausliegen, sollen Standort und Größe des Taubenschlages festgelegt werden.

Anschließend sollen die Tiere in der Nähe angefüttert werden, um sie dort zu binden. "Tauben sind sehr standorttreu", erklärt Dolatshahi dazu, "sie bewegen sich in der Regel nur in einem Radius von etwa 100 Metern." Darum müsse der Taubenschlag in unmittelbarer Nähe der Problemzone angebracht werden. Nach dessen Fertigstellung soll dort ein brütendes Taubenpärchen angesiedelt werden, um Artgenossen anzulocken.

Dort werden die Tauben auch mit Grit gefüttert, das Muschelkalk und "Magensteinchen" enthält, welche die Vögel zur Verdauung benötigen. Damit werde verhindert, dass die Tauben den Mörtel von Häusern abknabbern, weiß Dolatshahi. Auch kranke Tiere könnten im Schlag leichter behandelt werden. Weil die Tauben sich meistens im Schlag aufhalten - die Stadt Augsburg berichtet von 17 bis 18 Stunden pro Tag -, sammle sich dort auch größtenteils ihr Kot.

Zusätzlich zu allen Maßnahmen müssten auch die bisherigen Nistplätze "tierschutzgerecht verschlossen werden", meint Dolatshahi. Die Tierschützerin, die selbst seit 15 Jahren eine "Taubenauffangstation" in Dottendorf betreibt, ist zuversichtlich, das Pilotprojekt über Sponsoren und Spenden finanzieren zu können. Die Betreuung der Tauben soll von Ehrenamtlichen geleistet werden.