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Ökologische Tierhaltung: Gruppenkuscheln für Schweinefamilien

Ökologische Tierhaltung : Gruppenkuscheln für Schweinefamilien

Die Familie Bollig aus Wachtberg hat ihren Wittfelder Hof auf ökologische Tierhaltung umgestellt. Die Schweine können in Boxen miteinander kuscheln und im Sommer gibt es eine Dusche im Außenbereich.

Viele kleine Hufen rascheln über das Stroh und neugierige Rüssel erkunden die Umgebung. Eine Sau grunzt müde während sie ihre Ferkel säugt. In einem ruhigen Eck kuscheln zwei Ferkel beim Mittagsschlaf. Seitdem Familie Bollig ihren Wittfelder Hof 2019 vollständig auf Bio umgestellt hat, profitieren nicht nur die Tiere von einer besseren Haltung, sondern auch die Landwirte sehen wirtschaftliche Vorteile.

„Wir haben den Schritt unternommen, weil wir uns aus mehreren Gründen gefragt haben, wie wir den Betrieb noch erhalten können“, sagt Judith Bollig (37). Trotz großer Ferkelaufzucht mit 300 Sauen sei die Vermarktung in konventioneller Haltung immer schwieriger geworden. „Als der Preis fiel, sind wir auf die ökologische Landwirtschaft gekommen, mittlerweile machen wir das aus Überzeugung“, so die Wachtbergerin. „Es ist ein neues Arbeitsgefühl, dass uns richtig Spaß macht.“ Rund 80 Sauen zählt der Wittfelder Hof derzeit in seinen Ställen. Für die ökologische Schweinehaltung ist gesetzlich vorgeschrieben, dass eine Sau 7,5 Quadratmeter im Innenbereich und 2,5 Quadratmeter im Außenbereich zur Verfügung haben muss. „Wir bieten den Tieren noch etwas mehr Platz“, sagt Thomas Bollig (37). Demnach sollen auf 72 Quadratmetern im Innenbereich und 25 Quadratmeter im Außenbereich acht Sauen kommen. „Im Schnitt wirft eine Sau im Jahr 22 Ferkel, die wir rechnerisch verkaufen können“, erklärt Bollig.

Um die Tiere möglichst artgerecht zu halten, habe man sich für die Gruppenhaltung entschieden. „In der Abferkelung werden jeweils acht Sauen in einem Stall gehalten, die innerhalb von drei Tagen gemeinsam abferkeln“, sagt Bollig. Während des Geburtsvorgangs könne sich jede Sau in ihre Box zurückziehen. „Die Boxen sind offen und im Prinzip nur Abtrennungen. Meistens klappt es, dass sich die Tiere ihre eigene Box aussuchen und dann auch die Aufteilung beibehalten. Manchmal teilen sich die Tiere aber ihre Boxen oder besuchen sich gegenseitig.“

Sonnenschutz und Sprühkühlung

Der Außenbereich sei durchgehend passierbar. „Im Hochsommer werden Ferkel auch draußen geboren“, erzählt der Agrarbetriebswirt. Eine Sprühkühlung sorgt für das wohlige Klima im Innenraum, die mobile Markise schützt im Außenbereich vor direkter Sonneneinstrahlung. „Ob im Stall oder im Außenbereich, die Tiere haben die freie Wahl, wo sie sich gerade aufhalten wollen“, sagt Bollig.

Der Landwirt sieht in der ökologischen Gruppenhaltung nur Vorteile: „Die Tiere sind selten krank und haben spürbar weniger stress.“ Sechs bis sieben Wochen lang wachsen die Ferkel in der Gruppe mit Geschwistern und Tanten auf. Anschließend werden sie von den Sauen getrennt und wechseln in die Aufzucht. „Wir haben im gegenüberliegenden Teil 13 Buchten mit identischen Außenbereichen. In jedem Abschnitt leben 25 Ferkel. Sie bleiben dort bis sie eine Größe von 25 und 30 Kilogramm erreicht haben.“ Anschließend kommen die Tiere in die Mast. „Da wir zurzeit keinen Mastbereich haben, bringen wir die Tiere zu zwei Mästern am Niederrhein, wo sie nach Bio-Richtlinien bis zu einer Größe von 120 Kilogramm heranwachsen.“ Ebenfalls am Niederrhein werden die Schweine in einem Bioschlachthof geschlachtet und verarbeitet. „Leiden müssen die Tiere in ihrem Leben nicht“, betont Bollig. Denn alle Stationen seien nach Biorichtlinien konzipiert und die Tiere hätten kurze Wege. „Außerdem sind keine Fremdarbeitskräfte oder externe Speditionen in die Kette eingebunden“, sagt Bollig. Und im Schlachthof würden die Schweine in „überschaubarer Stückzahl“ geschlachtet.

Bald soll es einen Mastschweinestall geben

Bislang hat sich der Wittfelder Hof auf die Ferkelaufzucht spezialisiert. Ein Mastschweinestall nach Biorichtlinien soll im nächsten Jahr folgen. „Die Ferkel werden bei uns etwa vier Monate alt. Bis dahin wollen wir versuchen, dass die Tiere ein schönes und glückliches leben haben, solange sie bei uns sind“, sagen die Bolligs. Ihr Hof ist Bioland-Zertifiziert und muss die EU-Ökoverordnung erfüllen. Das wird einmal im Jahr kontrolliert. „Wir haben dadurch die Chance über die ökologische Haltung und die Direktvermarktung Tiere zu halten oder auch Sachen anzubauen, die sich im konventionellen einfach nicht darstellen lassen. Wir können den nötigen Preis über die Vermarktung gewährlisten und es sind wieder Dinge möglich, die im ersten Moment nicht wirtschaftlich scheinen“, freut sich Bollig. Etwa den Erhalt von vom Aussterben bedrohten Schweinen, wie dem Angler Sattelschwein oder dem Schwäbisch-Hällisches Landschwein.

Insgesamt hat der Biohof fünf Rinder, 600 Hähnchen, 600 Legehennen und 80 Sauen mit rund 250 Ferkeln. Eier und Fleisch verkaufen die Bolligs in ihrem Hofladen. „Die Hähnchen laufen jetzt in kleinen Gruppen auf der Weide und die Legehennen haben mehr Platz bekommen.“ Das Futter für die Tiere bezieht der Hof aus eigenen Erzeugnissen aus dem Bio-Ackerbau. „Wie Zuckerrüben, Weizen, Gerste, aber auch Mais, Bohnen und Erben.“ Trotz wirtschaftlicher Vorteile soll der Umstieg auf den Biohof vielen Betrieben schwerfallen, beobachten die Landwirte. „Bis zu vier Jahre kann es dauern, bis man eine Baugenehmigung für den neuen Stall bekommt. Hinzu kommen viele teure Gutachten, die man beantragen muss.“ Die Bolligs wünschen sich von der Politik daher weniger Bürokratie.

Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen schätzt die Biofleischproduktion in NRW weiterhin als Nische ein. „Sie macht nur einen kleinen einstelligen Bereich der Fleischproduktion in NRW aus. Eine Umstellung ist für die Landwirte nicht ganz günstig. In jedem Fall muss vor einer Umstellung der Absatz der Fleischprodukte gesichert sein“, sagt Pressereferentin Lea-Kathrin Piepel.