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"Hannah war voller Lebenslust"

"Hannah war voller Lebenslust"

Vater tritt in den Zeugenstand - Für die Familie gehört sie weiterhin dazu

Bonn. "Unsere Familie besteht aus fünf Personen, inklusive unserer getöteten Tochter Hannah." Die Worte von Volker W. scheinen die Stille im Schwurgerichtssaal zu zerschneiden. Der Vater des ermordeten Mädchens hat den schweren Gang in den Zeugenstand angetreten, begleitet von seiner Frau und Rechtsanwältin Gudrun Roth, die die Familie des Opfers vertritt.

Das Gericht hatte lange überlegt, ob man das Martyrium der Menschen, denen Hannah am nächsten stand, noch verlängern solle. "Die Öffentlichkeit und das Gericht sollen aber auch etwas vom Opfer sehen, das in den Hauptverhandlungen meistens untergeht", so Richter Udo Buhren.

Wie Volker W. dann die Folgen der Tat schildert, weckt bei den Prozessbeobachtern größte Hochachtung. Der 48-Jährige spricht mit fester Stimme, die nur für ganz kurze Augenblicke vom Schmerz gebrochen wird.

Nicht mit einem Wort erwähnt der Vater den Angeklagten. Statt dessen beschreibt er Hannah. "Sie war absolut offen und aufgeschlossen, kraftvoll, voller Phantasie, Lebenslust und Lebenshunger." Wie bei den meisten Jugendlichen in ihrem Alter habe es vor einem halben Jahr Probleme gegeben.

"Sie hatte einen starken Freiheitsdrang, war sehr individuell. Doch in der letzten Zeit war sie auf einem guten Weg, sich an Regeln zu halten", erzählt er.

Seit Hannah tot ist, können die Eltern, die sich in ihrem Beruf als Erzieher und Heilpädagogin um geistig Behinderte kümmern, nicht mehr arbeiten. Die 16 und 18 Jahre alten Schwestern sind zur Zeit nicht in der Lage, zur Jugenddorf-Christophorusschule (CJD) zu gehen. "Die Situation hat uns vor unlösbare Probleme gestellt. Wir brauchen Hilfe, um den Alltag bewältigen zu können. Es fehlt eine aus unserer Mitte", so der Vater.

Dennoch ist die Familie auch Anlaufstelle für Hannahs Freunde. Volker W.: "Sie sind immer bei uns eingeladen, wenn sie eine Erinnerung an Hannah haben wollen."

Wie er seine Gefühle beschreiben würde, fragt der Richter. "Es ist eine große innere Leere", sagt der Vater, "Unruhe, tiefe Trauer und Schmerz." Trotz seiner gesundheitlichen Probleme nehme er nur homöopathische Mittel. "Wir müssen das erleben", sagt er. Ganz bewusst.

Statt den Schmerz zu betäuben, ihm begegnen. Wie dem Angeklagten Zdenek H., der wenige Meter entfernt sitzt und das Gesicht verbirgt.

"Ich bewundere die Eltern. Der Vater war um sehr große Sachlichkeit bemüht, obwohl eine andere Reaktion verständlich gewesen wäre", sagt Gudrun Roth später in ihrem Plädoyer.

In Hannahs alter Klasse in der Königswinterer Schule sprechen die Lehrer und Notfallseelsorger Helmuth Knörzer an diesem Tag im Politik- und Geschichtsunterricht mit den Schülern über das deutsche Rechtssystem. "Wir haben gesagt, dass Täter nach dem Empfinden der Familie und des Umfeldes nie gerecht bestraft werden, ein Gericht aber nicht emotional urteilen darf", sagt Knörzer. Nichts fällt an diesem Tag schwerer als das.