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In der Jugendhilfe: Im Rhein-Sieg-Kreis macht sich Fachkräftemangel bemerkbar

In der Jugendhilfe : Im Rhein-Sieg-Kreis macht sich Fachkräftemangel bemerkbar

Im Rhein-Sieg-Kreis macht sich der Fachkräftemangel in der Jugendhilfe deutlich bemerkbar. Laut einer Einschätzung wird sich dieser Bedarf in den nächsten Jahren nicht durch den demografischen Wandel und die damit abnehmende Kinderzahl verringern.

Der Fachkräftemangel in Pflegeberufen wird viel diskutiert. Deutlich weniger im Fokus ist der bei den Kinder- und Jugendhilfen. Laut Einschätzung der Arbeitsgemeinschaft für Kinder und Jugendhilfe (AGJ) wird sich dieser Bedarf in den nächsten Jahren nicht durch den demografischen Wandel und die damit abnehmende Kinderzahl verringern. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass freie Träger der Jugendhilfe wie die in Eitorf ansässige gemeinnützige Gesellschaft „Mutabor – Mensch & Entwicklung“ Alarm schlagen. Konkreter Hintergrund dazu ist die Schließung einer Wohngruppe mit sechs Kindern in Eitorf-Käsberg, die normalerweise von bis zu sechs pädagogischen Fachkräften betreut werden.

„Wir haben keine Fachkräfte für die ausgeschriebenen Stellen gefunden“, erklärt Jürgen Sellge, der Gründer von Mutabor und geschäftsführender Gesellschafter. Gemäß dem pädagogischen Leiter Matthias Holland macht sich der Fachkräftemangel auch in anderen Bereichen bemerkbar. „Wir haben 50 bis 60 Inklusionsanfragen für die Schulbegleitung, die wir nicht bedienen können“, sagt er.

Alle Träger haben Schwierigkeiten

Den steigenden Bedarf im Bereich der Schulbegleitung bestätigt auch das Kreisjugendamt. Alle Träger hätten Schwierigkeiten, ausreichend Fachkräfte für die stationäre und ambulante Leistungserbringung zu finden, sagt Kreissprecherin Rita Lorenz. „Das wirkt sich besonders auf die Sicherstellung der Angebote im ländlichen Raum aus, aber auch auf die Intensivangebote in der stationären Jugendhilfe“, sagt sie weiter. Diese Situation habe bereits in mehreren Einrichtungen zur Schließung von Intensivgruppen und zu einem Rückzug eines Jugendhilfeträgers an der oberen Sieg geführt.

Sonja Boddenberg, Heimleiterin und Geschäftsführerin des Kinderheims und der Kita Pauline von Mallinckrodt in Siegburg, bestätigt, dass die Fachkräftegewinnung für Regelgruppen einfacher ist als für den Intensivbereich. „Die herausfordernde Arbeit mit schwierigen Kindern und Jugendlichen trauen sich weniger Pädagogen zu“, sagt sie. Im Kinderheim mussten indes noch keine Gruppen geschlossen werden. „Wir stecken auch einen sehr hohen Aufwand in die Begleitung von Praktikanten, in die Ausbildung und die Vernetzung mit den Fachschulen“, so Boddenberg, die zudem den zentralen Standortvorteil in Siegburg sieht. Sascha Dinspel, pädagogischer Einrichtungsleiter der Caritas-Jugendhilfe-Gesellschaft St. Ansgar mit Sitz in Hennef-Happerschoß, befürchtet ebenfalls aufgrund des Personalmangels mittelfristig eine erhebliche Unterversorgung an geeigneten Hilfemaßnahmen im vollstationären und intensivpädagogischen Bereich.

Die Personalgewinnung sei deutlich schwieriger geworden und der Bedarf deutlich gestiegen. „Durch den Anspruch auf einen Betreuungsplatz im Rahmen der Kindertagesstätten, den Ausbau der U 3-Betreuung sowie den Ausbau von Betreuungsplätzen im Rahmen des offenen Ganztags an Grundschulen werden insgesamt mehr Mitarbeitende benötigt“, sagt er.

Als „zentralen Stolperstein“ bei der Ausbildung sieht Dinspel, dass die Erzieher aufgrund der Struktur der Ausbildung in den ersten Ausbildungsjahren keine Vergütung erhalten, Ausnahme sei die praxisintegrierte Ausbildung. „Die Lösung kann und muss sein, insgesamt mehr Fachkräfte an den Fachschulen, Fachhochschulen und Universitäten auszubilden und die Bedingungen so zu gestalten, dass die Ausbildung finanzierbar und die Karriere im sozialen Bereich attraktiver wird“, so der Heimleiter.

Fachkräfte fehlen in der Jugendhilfe an vielen Stellen. Besonders schwierig sei es, Stellen mit unattraktiven Arbeitszeiten zu besetzen, erklärt die Einrichtungsleiterin des Dr.-Dawo-Kinderheims in Rheinbach, Dorothee Poschwatta. „Wer bei uns arbeitet, muss Früh- und Spätdienst bedienen können“, erläutert sie. Und das auch am Wochenende und an Feiertagen. Lediglich die Nachtschichten müssen nicht von allen Mitarbeitern übernommen werden. Da seien die Arbeitszeiten in Kindertagesstätten für viele angenehmer, vermutet Poschwatta. Denn auch dort können die gesuchten Heil- und Erziehungspfleger unterdessen arbeiten. Es kam schon vor, dass sich auf ein Stellenangebot niemand meldete. Das Heim setzt daher auf eigene Ausbildung. Immerhin sei das Betriebsklima gut. „Unsere Mitarbeiter brennen für die Sache“, so die Leiterin. Und damit wolle man punkten.

Ganz zufrieden mit der Fachkräftesituation ist derzeit die Katholische Jugendagentur Bonn (KJA), die im Rhein-Sieg-Kreis unter anderem den offenen Ganztag an Grundschulen und Jugendtreffs im Vorgebirge betreibt. „Das kann aber morgen schon wieder ganz anders aussehen“, sagt KJA-Pressesprecherin Eva Plettenberg.

Jugendagenturen werben mit Internet-Portal um Fachkräfte

Bei der KJA spricht man indes nicht gerne vom Fachkräftemangel, sondern von einer benötigten Fachkräfteoffensive. Die betreffe alle Jugendhilfeeinrichtungen im Kreis, die in einem engen Netzwerk zusammenarbeiten würden. Die KJA hat beispielsweise mit anderen Jugendagenturen im Erzbistum Köln das Internetportal starkestellen.de geschaffen. Dort wirbt sie mit Videos für diese Berufsfelder. Ausbildung und Werbung bei Berufskollegs gehören ebenfalls zur Strategie. „Das stellt uns immer wieder vor Herausforderungen“, so Plettenberg. Eng wurde es in der Vergangenheit aber schon mal in der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Wenn dort Stellen nicht schnell nachbesetzt werden konnten, mussten Angebote oder Öffnungszeiten eingeschränkt werden.

Das Familienhaus des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Bornheim hat nach Aussage der Pressestelle derzeit immerhin keine offenen Stellen zu verzeichnen. Auch sei es immer gelungen, für ausscheidende Mitarbeiter schnell Ersatz zu finden. Das Haus sei als Arbeitgeber attraktiv, was die Leitung laut LVR mit der guten Lage an der Rheinschiene begründet. Allerdings denkt man hier bereits an die Zukunft. Viele Mitarbeiter sind schon lange im Familienhaus. Wenn sie in Rente gehen, könnte die Neubesetzung der Stellen eine Herausforderung werden.