„Unsere Verschiedenheit ist die Chance“: Katholiken und Protestanten handeln in Ahrweiler gemeinsam

„Unsere Verschiedenheit ist die Chance“ : Katholiken und Protestanten handeln in Ahrweiler gemeinsam

Protestanten und Katholiken an einem Tisch. Ein vor 50 Jahren im Ahrtal noch unvorstellbares Szenario. Ein Tisch fehlte zwar im Evangelischen Gemeindehaus von Bad Neuenahr, doch dafür gab es bei der Premiere einen Stuhlkreis.

Stuhlkreise gibt es sonst eher in Kitas, doch beim ersten Zusammentreffen des Presbyteriums der evangelischen Kirchengemeinde um Rüdiger Humke und des katholischen Pfarreienrats Bad Neuenahr-Ahrweiler mit seiner Vorsitzenden Beatrix Knieps-Müller sorgte gerade dies für Augenhöhe. Weil es eine ökumenische Erstaufführung im 500. Jahr der Reformation war, gab es zu Beginn auch Posaunenklänge, dirigiert von Pfarrer Rüdiger Stiehl.

Mit dabei neben den Vertreten der Gremien waren auch die Stadt-Geistlichen beider Konfessionen. Evangelisch oder katholisch, alle schienen den Protestanten Helmuth Karl Bernhard von Moltke gelesen zu haben. Denn der kaiserliche Generalfeldmarschall hatte im 19. Jahrhundert die Devise ausgegeben: „Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen.“

Zwar wollen die Kirchen weder schlagen noch marschieren, doch in neuneinhalb Thesen haben sie für das Ahrtal beschlossen, aus Anlass des 500. Jahrestages des Wittenberger Thesenanschlags durch Martin Luther „Erinnerungen zu heilen und gemeinsame Schritte in die Zukunft zu wagen“.

Gemeinsames Papier wurde ausgearbeitet

Neueneinhalb Thesen deshalb, weil „allein die Zahl unfertig wirkt“, wie Pfarrer Thomas Rheindorf erklärte. Zehn wäre ein Dekalog und dieser ist eben den Geboten, die Moses erhalten hat, vorbehalten. Neuneinhalb sind aber immerhin zehn Prozent von Luthers Thesen.

Mitglieder beider Gremien haben das Positionspapier in Arbeitsgruppen erstellt und bis zur letzten Minute gefeilt. Die gemeinsame Verabschiedung nannte Rheindorf denn auch unisono mit seinen katholischen Kollegen Jörg Meyrer und Peter Dörrenbächer einen „historischen Akt“. Denn, so ein Auszug aus These acht: „Nach 500 Jahren des Nebeneinanders begreifen wir: Unsere Verschiedenheit ist die Chance.“

Eine Verschiedenheit, die beide Konfessionen in der jüngsten Vergangenheit nicht mehr daran gehindert hat, gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen. Aktuelle Beispiele sind die ökumenische Flüchtlingshilfe, die Ahrweiler Tafel mit ihrer Sinziger Dependance oder auch die Aktion Mahlzeit, die einsamen und auch bedürftige Menschen zum gemeinsamen Essen zusammenführt.

Letzteres steht auch in These sieben, die von vielen Vertretern in der Runde als herausragend gesehen wird. Denn wenn umgesetzt wird, was dort steht, heißt es für Politik und Gesellschaft, sich warm anzuziehen. Denn da kommt im Wortsinne Urchristentum durch: „Wir verstehen Gottes Auftrag als Handeln in der Welt, in der wir leben. So wollen wir gesellschaftliche und politische Entwicklungen in unserer Lebensmitte aufmerksam wahrnehmen und dort, wo es geboten scheint, Stellung beziehen und handeln.“

Ansichten sorgen für Diskussion

Soweit die These, deren Umsetzung Presbyter Klaus Liewald sofort konkret mit Blick auf die jährlichen Aufmärsche von Neonazis in Remagen einforderte: „Dagegen gilt es Front zu machen. Da müssen wir uns politisch und gesellschaftlich einmischen.“

Neuanfänge und Kurskorrekturen sehen beide Konfessionen nicht als Niederlagen an, sondern als Siege der Einsicht. Die Thesen werden nicht als Kompromiss gesehen, sondern „als Assoziation von etwas, was hoffentlich weiter wächst“.

Eher hypothetisch war dagegen der Einwurf des protestantischen Schulpfarrers Rüdiger Stiehl, „wie lange sich eine Stadt oder ein Land noch zwei Kirchen leisten kann“. Ein Ruf nach Einigkeit, der seinem Kollegen Dörrenbächer in der trauten Runde dann doch etwas zu weit ging. Schließlich erhebt die katholische Kirche Ewigkeitsanspruch. Für Dörrenbächer ist es wichtig, „als Christ zu handeln“. Die 500 Jahre Trennung seien ja wohl auch „vom Heiligen Geist abgesegnet, sonst hätte es sie nicht gegeben“. Es gelte jetzt von einander zu lernen. Dass das „schwierig ist, macht es nicht einfacher“.

Der Fundamental-Theologe Thomas Fößel, Vorsitzender des Pfarrgemeinderates Bad Neuenahr, sieht in der künftigen gemeinsamen Arbeit „noch einiges auf uns zukommen“. Und richtete einen ausdrücklichen Dank in Richtung der Lutheraner, denn ihnen sei die katholische Identität zu verdanken: „Ohne sie wüssten wir gar nicht, dass wir katholisch sind.“

Katholisch hin, evangelisch her, Pfarrerin Elke Smidt-Kulla brachte es auf den Punkt: „Wir brauchen Pluralität.“ Da sollen die neuneinhalb Thesen der Leitfaden sein. Dieser wird dann auch beim Bürgerfest unter dem Motto „Brückenschlag im Glauben“ am Reformationstag, 31. Oktober, auf der Kurgartenbrücke präsentiert.