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Rheinische Mundart: Der Forscher geht, der Dialekt bleibt

Rheinische Mundart : Der Forscher geht, der Dialekt bleibt

Der rheinische Sprachwissenschaftler Georg Cornelissen geht in den Ruhestand. Und er hinterlässt seinen neuen Sprachatlas „Dat & Wat“.

Kaum vorstellbar, aber Dr. Georg Cornelissen hört auf. Der oberste Dialektforscher des Landschaftsverbandes Rheinland geht in den Ruhestand. So steht es zumindestens auf dem Papier. Ende April ist Feierabend. Und weil aktuell kein großer Abschiedsempfang möglich ist, setzte die Vorstellung seines neuen Buches den Schlusspunkt. Niemand Geringerer als der Wahlrheinländer Konrad Beikircher führte bei der Videokonferenz des Greven-Verlages ins Werk ein. „Ein tolles Buch. Wissenschaftlich und trotzdem lesbar. Ein Navigator für die Heimat“, sagt Beikircher, und ihm ist die Freude anzumerken. Denn er und Cornelissen sind Brüder im Geiste. Beide lieben den Erkenntnisgewinn rund um die Sprache gewordene Geschichte des Rheinlandes, und beide lieben es, ihr Wissen unterhaltsam an den Menschen zu bringen.

„Dat & Wat“ heißt der Sprachatlas für das Land am Rhein zwischen Emmerich und Eifel. Er ist das Ergebnis eines Forscherlebens, dessen Ertrag undenkbar ist ohne die Knochenarbeit der Materialsammlung, Auswertung und Destillation. Letzteres dauert am längsten und bringt am meisten Gehaltvolles. Und so enthält der Sprachatlas im Kern 50 kommentierte Verbreitungskarten von Begriffen aus Dialekt, Regiolekt und Hochsprache. Daraus lassen sich Sprachgebiete und -Grenzen ableiten. Man erkennt, wie Wörter gewandert und manchmal gesprungen sind.

Dorf und Dörp

Beispiel: Das Wort Dorf. In Bonn Zentrum inklusive Endenich und Ippendorf wird es im Dialekt oft Dorf genannt. In Bad Godesberg, Beuel und Bonn Nord sagt man hingegen überwiegend Dörp. Und in Küdinghoven und Ramersdorf ist Dorp verbreitet. Interessant ist der Befund, weil die viel weiter südlich liegende Sprachgrenze zwischen Ripuarisch-Zentralrheinisch und Moselfränkisch an der Ahr als Dorp-Dorf-Linie bezeichnet wird. Die Bonner sprechen ursprünglich die P-Variante.

„Sprache entwickelt sich ständig“, sagt Cornelissen, und sie ist zugleich Ergebnis der Ortshistorie. Auf den Sprachkarten ist das ablesbar.

Cornelissen ist gewissermaßen der Vater dieser Form der Sprachgeschichtsvermittlung. Er bezeichnet sich scherzhaft als „weltweiter Erfinder der Dreiviertel-Diagramme“ und meint damit die Farbkreise auf den Sprachlandkarten, die selten nur eine Kolorierung enthalten.

Sprache in Zeit und Raum

Sprache in Zeit und Raum, das ist sein Thema. Dazu gehört auch, dass er und sein langjähriger Mitstreiter, Peter Honnen, unermüdlich mit den Menschen gesprochen haben. Das LVR-Sprachinstitut war immer offen für Dialektsprecher, deren Fragen und Erkenntnisse. „Deshalb sind wir auch sicher, dass unsere Forschungsergebnisse immer valide und aussagekräftig waren“, so Cornelissen. Und so sei man täglich auf neue spannende Fragestellungen gestoßen. „Nur die Worte Langeweile und Leerlauf waren für mich Fremdworte.“ Wer forscht und das Wissen mehrt, der entlarvt zuweilen auch Legenden. Und Sprachlegenden gibt es im Rheinland viele. So war es Cornelissen, der herausfand, dass der Begriff „Fisematenten“ nicht – wie oft und gern erzählt – aus der französischen Besatzungszeit und von „Visite ma tente“ (besuche mein Zelt) stammt und als Warnung der Mutter an ihre Tochter ausgesprochen wurde. Tatsächlich konnte Cornelissen „visimetent“ mit der Bedeutung „dummes Zeug“ in der Kölner Koelhoffschen Chronik aus dem Jahr 1499 nachweisen. Schade um die schöne Geschichte, ein Gewinn für die Wahrheit.

Für den Sprachforscher ist jetzt erst einmal Schluss. Aber so ganz kann er dann doch nicht aufhören. Er ist ein gefragter Fachmann für Fernsehen, Radio und Zeitung. Nicht zuletzt, weil er seine Erkenntnisse mit viel Humor zu vermitteln versteht. Und er hat eine Idee davon, was die Aufgabe von Dialektforschung in der Zukunft sein kann, auch wenn alle Welt davon spricht, dass das rheinische Platt im Niedergang begriffen ist. „Es wird tatsächlich immer seltener als Alltagssprache gesprochen, insofern sind wir immer auch Trauerbegleiter in Sache regionaler Sprache“, so Cornelissen. Auf der anderen Seite bleibt noch so viel zu erforschen. Etwa Herkunft und Geschichte von Ortsnamen und Familiennamen. Da ist das berechtigte Interesse aller Generationen spürbar. Denn jeder möchte wissen, wie sich sein Dorf und seine Familie entwickelt hat. Wer die Leitung seiner Sprachabteilung übernimmt und damit seine Nachfolge übernimmt ist noch nicht klar.

Was man tun müsste, um den Dialekt zu retten und zu pflegen, das ist Cornelissen dagegen ganz klar: „Die 40- bis 70-Jährigen, die den Dialekt gut verstehen, aber selten benutzen, müssen motiviert werden, ihn regelmäßig zu sprechen.“ Da sieht er alle Institutionen in der Pflicht, die mit dem Dialekt zu tun haben. Er selbst würde wahrscheinlich als Motivator und Dozent in Frage kommen.