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Rheinische Redensarten: Do häst do en Kartuffel

Rheinische Redensarten : Do häst do en Kartuffel

Der General-Anzeiger stellt schöne und sinntiefe rheinische Redewendungen vor. Dieses Mal geht es um „Do häst do en Kartuffel“ - doch damit war natürlich keineswegs ein Erdapfel gemeint.

Geht es Ihnen auch so? Man hat das Gefühl, dass sich die Zeiten in immer schnellerem Wandel befinden. Was gestern galt, ist heute schon nicht mehr wahr. Und was vorgestern einen Wert hatte, daran kann sich heute niemand mehr erinnern. Man merkt das besonders, wenn man sich mit seinen heranwachsenden Kindern, oder wahlweise Enkeln, unterhält. Vieles von dem, was einst zum Lebensgefühl gehörte, davon hat die nachwachsende Generation noch nie etwas gehört.

Nehmen wir mal das Fernsehprogramm. In den 70er Jahren etwa gab es davon zweieinhalb: Erstes, Zweites und Drittes. Na ja, wer guckte schon das Dritte? Die Folge: Man sah sich an, was gerade lief. Um 17.10 Uhr versammelten sich die Kinder mit dem Opa vor der Flimmerkiste. Wickie, Lassie, Flipper, der rosarote Panther, Western von gestern, das Haus am Eaton Place, Daktari, unsere kleine Farm und die Waltons. Damals gab es noch keine Streamingdienste, Mediatheken und Handybildschirme. Man konnte nicht gucken, was man wollte und wann man wollte. Und doch war es schön.

Es war noch Vieles gut

Es war auch noch vieles gut! Ich meine jetzt im Sinne von qualitätvoll. Wenn man sich einmal etwas angeschafft hatte, dann wurde es gepflegt und bei Bedarf ausgebessert oder geflickt und nicht einfach weg geworfen nach dem Motto: kapott un neu. Und an dieser Stelle kam der beliebte rheinische Satz zum Einsatz: „Do häst do en Kartuffel.“ Die wörtliche Übersetzung ins Hochdeutsche versteht sich von selbst: Da hast du eine Kartoffel. Meist war der Satz der Mutter begleitet von einem Fingerzeig. Man ahnt es: Mit Kartoffel war keineswegs ein Erdapfel gemeint. Vielmehr sollte das bedeuten: Du hast ein Loch im Strumpf. Dieser fiese Befund deutete darauf hin, dass sich in unserer Socke eine Frischluftschneise gebildet hatte. Meist war die auf Höhe der Zehen zu finden, und meist bildete sich dort ein ovaler Einlass, der den Blick auf die Haut zuließ. Ohne Zweifel sah das aus wie eine Kartoffel.

Mama und der Stopfpilz

Wenn dem so war, dann nahm sich die Mama (ja, so waren die Zeiten damals) den Stopfpilz, zog den Strumpf darüber und stopfte das gute Teil. Ich erinnere mich schwach, dass das eine Wissenschaft für sich war. Denn es durfte ja nicht knubbeln. Es musste geschmeidig glatt bleiben. Heute ist der Ausdruck „Socken stopfen“ aus der Mode gekommen. Eigentlich schade, oder?