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Zeitgeschichte: Düsterer Magnet

Zeitgeschichte : Düsterer Magnet

Das NS-Dokumentationszentrum in Köln verzeichnet im 14. Jahr in Folge einen Besucherrekord. Untergebracht ist es in der früheren Gestapo-Zentrale am Appellhofplatz. Jetzt liegt der Jahresbericht für 2015 vor.

Für die verbreitete Klage über mangelndes Interesse an Geschichte ist das Dokumentationszentrum der Stadt Köln zur Geschichte des Nationalsozialismus kein sehr gutes Beispiel. Die seit 1997 in der ehemaligen Zentrale der Kölner Gestapo (Geheime Staatspolizei) untergebrachte Institution hat nun im 14. Jahr in Folge einen Besucherrekord aufgestellt. Das berichtete Direktor Werner Jung, als er gestern den Jahresbericht für 2015 vorstellte.

In Zahlen ausgedrückt, haben sich im vergangenen Jahr 77 391 Gäste in das markante Gebäude am Appellhofplatz begeben. Das entspricht einer Steigerung von fast 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und einer Verdreifachung gegenüber 2002. Fast die Hälfte aller Besucher hat die Museumspädagogik betreut. Mit nahezu 2 200 Führungen hat sich deren Anzahl in den letzten Jahren verdreifacht. Dass neben Gruppen und Schulklassen, von denen knapp die Hälfte aus Köln stamme, vor allem auch Touristen und einheimische Einzelpersonen das Haus besuchten, freut den Gastgeber ganz besonders. Und: Dem international verbreiteten Reiseportal „Trip-Advisor“ zufolge nehme das Dokumentationszentrum bei den Bewertungen häufig Platz zwei aller Sehenswürdigkeiten Kölns ein – einzig der Dom kommt besser weg. Und das, obwohl man sich selbst bislang eigentlich nicht als „touristische Attraktion“ verstanden habe, wie Jung anmerkte.

Streng genommen ist das Haus, das 1934/35 eigentlich als Wohn- und Geschäftshaus gebaut worden war und dessen Architektur noch heute den authentischen Stil der 30er Jahre ausstrahlt, weit mehr als ein Museum. Darauf wies gestern auch Werner Jung noch einmal hin: „Wir sind Gedenkort, Lernort und Forschungsort“, sagte er gestern und verwies mit Blick auf den dritten Aspekt auf die Bibliothek, die inzwischen auf 21 000 Bände angewachsen sei. „Und immer wieder kommen neue Sammlungen hinzu“, berichtete er. Allein in den Jahren 2014 und 2015 habe ein Privatmann die Bibliothek um fast 1000 Werke aus seinen heimischen Regalen bereichert. Ergänzt werden die Bestände zudem durch Quellen, bei denen es sich nicht um Bücher handele, sondern um Alltagsgegenstände, Kleidung und Dachbodenfunde aller Art.

„Sollte jemand alle unsere Veranstaltungen besuchen, muss es sich um sein Freizeitprogramm keine Sorgen mehr machen“, sagte Jung gestern scherzhaft, als er auf die 179 Vorträge, Tagungen, Diskussionsrunden und Führungen – etwa durch eine der fünf Sonderausstellungen – verwies, die das Zentrum im vergangenen Jahr durchgeführt habe. Ehe zugeknöpft gibt sich der Direktor hingegen beim Thema Geld: Die Frage von Journalisten, wie hoch der Etat des Hauses mit seinen 14 Vollzeitstellen sei, wollte er auch auf Nachfrage nicht beantworten. Etwas nebulös sagte er, er sei mit der bisherigen Ausstattung zufrieden und hoffe, „dass uns die gleichen Möglichkeiten erhalten bleiben“.

Besondere Ausdruckskraft entfaltet der Originalschauplatz nationalsozialistischer Geschichte vor allem im Zellentrakt des Baus: Hier warteten einst Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Angehörige des Widerstands auf ihre Verhöre – oder auf ihre Hinrichtung.

Das NS–Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Appellhofplatz 23-25, ist dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie am ersten Donnerstag des Monats (außer an Feiertagen) von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Der 192 Seiten starke und reich bebilderte Jahresbericht 2015 ist für drei Euro auch im Buchhandel erhältlich.