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„Ich bin ein armer Mann und brauche Geld": Frau aus Wesseling findet Hilferuf in Hemdkragen

„Ich bin ein armer Mann und brauche Geld" : Frau aus Wesseling findet Hilferuf in Hemdkragen

In seiner Not wusste der ausgebeutete Textilarbeiter Gazi aus Bangladesch nicht mehr weiter und versteckte 2005 einen Zettel in einem Hemd, den Claudia Klütsch aus Wesseling fand. Daraus entstand eine ungewöhnliche Freundschaft, über die sie nun ein Buch geschrieben hat.

Vier Zeilen, in gebrochenem Englisch verfasst, haben das Leben der Familie Klütsch aus Wesseling auf den Kopf gestellt. „Ich bin ein armer Mann und brauche Geld. Bitte helft mir, Gott schütze euch“ – auf einem Stück Pappe schickte ein junger Mann namens Gazi seinen Hilferuf aus Bangladesch in die Welt. Im Jahr 2005 arbeitete er in einer Textilfirma, die auch Hemden produzierte. Er war in der Verpackungsabteilung tätig und steckte seine Nachricht in den Hemdkragen, auf eine Seite des Zettels notierte er seine Adresse.

Claudia Klütsch entdeckte den Zettel durch Zufall: „Mein Mann hatte Hemden zum Geburtstag bekommen. Also wollte ich sie waschen, habe alle Etiketten entfernt und das Hemd vorsichtshalber noch einmal ausgeschüttelt, da flog mir dieser kleine Zettel vor die Füße.“ Sofort war Claudia Klütsch sich sicher, dass etwas mit dem Zettel nicht stimmt. „Ich bin direkt zu meinem Mann und habe versucht, die Adresse zu googeln.“ Doch sie fand weder den Namen noch die genaue Adresse. „Weil mich der Gedanke daran nicht loslassen wollte, habe ich 30 Euro an die Adresse geschickt und einen Brief geschrieben.“

Wunsch nach einem persönlichen Treffen

Acht Wochen später kam die Antwort von Gazi mit Familienfotos und vielen Informationen zu ihm und seiner Familie. „Wir haben erfahren, wie arm er und die Menschen vor Ort sind. Dass sie keine richtigen Häuser haben“, so die 53-Jährige. Daraufhin entstand eine Brieffreundschaft. Doch der Wunsch nach einem persönlichen Treffen wuchs. Gemeinsam mit Stern-TV machte sich Claudia Klütsch mit ihrem Mann Martin schließlich 2006 auf den Weg nach Bangladesch. „Es war ein kompletter Kulturschock. Es war heiß, überall hungernde und kranke Menschen. Es hat furchtbar gestunken und war wirklich schlimm anzusehen“, blicken die beiden zurück.

Schließlich trafen sie Gazi und seine schwangere Frau Raija in ihrem Dorf. „Erst war es distanziert, doch nach kurzer Zeit war das alles vergessen, und als wir uns auf den Rückweg machten, war uns klar: Wir haben eine Familie adoptiert“, so Klütsch. Dank eines Handys haben Gazi und die Familie Klütsch beinahe täglich Kontakt: „Anfangs bekamen wir SMS, mittlerweile sind es Nachrichten über Whatsapp.“ Gazi schickt ihnen Fotos und erzählt, wie es ihm und seiner Familie ergeht.

Anfangs lebte er in einer Hütte, die bei Unwettern regelmäßig kaputt ging. „Doch er hat sich von dem Geld, das wir ihm geschickt haben, jeden Monat 30 Steine gekauft, und nach Jahren hatte er alles für ein komplettes Haus zusammen“, so Claudia Klütsch. Es sei das einzige Haus aus Steinen im ganzen Dorf. „Erst später wurde mir gesagt, dass die ersten 30 Euro, die ich ihm geschickt habe, ein ganzer Monatslohn dort sind.“ Doch Gazi habe immer wieder bewiesen, dass er das Geld nicht verschwendet oder sich darauf ausruht. „Er geht arbeiten und schickt seinen Sohn dafür in die Schule. Der Kleine kann mittlerweile besser Englisch als sein Vater“, erzählt sie.

30 Euro entsprechen einem Monatslohn

In diesem Jahr, fast 13 Jahre später, machte sich das Ehepaar noch einmal auf den Weg zu seinem Freund. Vor Ort hätten sie gesehen, was Gazi aus ihren monatlichen Überweisungen gemacht habe. Neben dem kleinen Steinhaus hat er einen Brunnen im Garten und versorgt damit das ganze Dort mit frischem Wasser.

„Meine größte Hoffnung ist, dass die Politik etwas tut und es nicht mehr erlaubt ist, dass große Unternehmen machen dürfen, was sie wollen, wenn es den Menschen vor Ort so geht.“ Gazi, seine Frau und zwei Kinder sind für die Klütschs mittlerweile wie ihre eigene Familie. „Im Rentenalter würde ich gerne halb in Deutschland und halb in Bangladesch leben und dann vor Ort hoffentlich noch mehr bewegen“, erzählt Claudia Klütsch.

Für sie seien die Erlebnisse wie ein Märchen und eine Geschichte, die sie gerne mit anderen teilen möchte. „Gerade aktuell wird so viel über Flüchtlinge geschimpft und kritisiert – wer einmal vor Ort war, kann verstehen, warum Menschen aus diesen Lebensumständen fliehen“, sind sich Claudia und Martin Klütsch einig. „Für uns ist das wie Schicksal – dass genau wir diesen Zettel erhalten haben und so eine Freundschaft entstanden ist, das ist wie ein Sechser im Lotto“, so Martin Klütsch.

Um andere Menschen an den Erlebnissen teilhaben zu lassen, hat Claudia Klütsch sich dazu entschieden, ein Buch darüber zu schreiben.

„Von einem kleinen Zettel, der in einem Herrenhemd um die halbe Welt reiste und unser Leben für immer veränderte“ von Claudia Klütsch und Dirk Höner, Blanvalet Verlag, 254 Seiten, 16 Euro.