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GA stellt Rheinische Redensarten und Redewendungen vor

Rheinische Redensarten : Wenn se all en de Rhing sprenge, mir sprenge net!

Der GA stellt sinntiefe und schöne Dialektredewendungen vor. Heute: Wenn se all en de Rhing sprenge, mir sprenge net!

Die Massenpsychologie kennt das Phänomen, dass sich Menschen eher zu etwas hinreißen lassen, wenn sie den Eindruck haben, viele andere tun es auch. Im allgemeinen Sprachgebrauch nennt man das Herdentrieb.

Im Rheinland hat sich in Verbindung mit diesem Befund ein Satz entwickelt, der als erzieherischer Hinweis gelten kann. Die rheinische Redensart lautet: „Wenn se all en de Rhing sprenge, mir sprenge net“. Das ist so ein Satz, der sich im Laufe der Jahre auch in anderen Gegenden verbreitet hat, zumal ja der für unseren Landstrich namensprägende Fluss auch durch andere Gebiete schlängelt. Übersetzt ins Hochdeutsche heißt das: Wenn alle in den Rhein springen, wir springen nicht. Der Hinweis besorgter Eltern an ihren Nachwuchs existiert in verschiedensten Varianten. Man kann auch provokant fragen: Wenn andere in den Rhein springen, springst du dann etwa auch?

Wunsch nach Selbsterkenntnis

Diese Formulierung rechnet mit der Selbsterkenntnis des angesprochenen Nachwuchses. So oder so geht der Erwachsene davon aus, dass das Kind oder der Jugendliche deutlich beeinflussbarer ist als er selbst. Ja, vielleicht, dass dem Sprössling noch die automatische Sperre fehlt, zu erkennen, dass ein Sprung in den Rhein auf unterschiedliche Art und Weise gefährlich sein kann. Früher dachte man wohl vor allem an den steinigen Untergrund und vielleicht das für eine Sprung viel zu seichte Wasser. Heute – mit den riesigen Containerfrachtschiffen – kommen noch gefährliche Unterströmungen hinzu, die mensch mitreißen kann. Wer einmal ruhig am Rhein gestanden hat und die Vorbeifahrt eines tiefliegenden Frachters beobachtet hat, der konnte einen kleinen Tsunamie miterleben. Zuerst zieht sich das Wasser zurück, weil es von der Bugwelle des Schiffes angesogen wird, aber nur, um wenig später überflutend zurückzukehren. Das ist eine Gefahr für alle, die das Prozedere nicht kennen und damit nicht gerechnet haben.

Eltern wollen Leid vom Kind abwenden

So oder so hat der Satz etwas Bewahrendes. Man möchte Leid vom Kind abwenden und es zu einer selbstbewussten Entscheidung bringen. Im Hochdeutschen gibt es einen ähnlich intendierten Satz, und der lautet: Nur die Krähen fliegen im Schwarm, der Adler zieht alleine seine Kreise. In dieser Form zeigt sich auch die qualifizierende Unterscheidung zwischen Dummheit und Intelligenz. Dass es Spaß machen kann, in den Fluss zu springen, wird hier gar nicht erwähnt. Aber so sind Erziehungsregeln nun mal. 

Hören Sie auch unseren Podcast „So geht Rheinisch“, abrufbar auf allen Medienplattformen und unter www.ga-bonn.de/podcast. Haben Sie auch eine rheinische Lieblingsredensart? Dann schreiben Sie uns per E-Mail unter der Adresse rheinisch@ga.de