1. Region
  2. Köln & Rheinland

Krise im Erzbistum Köln eskaliert: Gläubige rebellieren gegen Kardinal Woelki

Krise im Erzbistum Köln eskaliert : Gläubige rebellieren gegen Kardinal Woelki

Seit Monaten macht der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki Negativ-Schlagzeilen in Serie. Jetzt wehren sich die Gläubigen: Ihre Vertretung, der Diözesanrat, kündigt dem Erzbischof das Vertrauen auf.

Das dürfte es in der katholischen Kirche noch nicht so oft gegeben haben: Die Gläubigen im größten deutschen Bistum kündigen dem Erzbischof offiziell das Vertrauen und die Zusammenarbeit auf. Der Diözesanrat - die Vertretung der praktizierenden Katholiken in den Gemeinden - stellte sich in einer außerordentlichen Vollversammlung gegen Kardinal Rainer Maria Woelki. Damit erreicht eine seit Monaten schwelende Krise ihren bisherigen Höhepunkt.

„Es ist schier unglaublich, wie sich die Leitung des Erzbistums verhält“, kritisierte am Freitag der Vorsitzende des Diözesanrats, der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD). „Wir befinden uns in der größten Kirchenkrise, die wir alle je erlebt haben. Der Erzbischof von Köln hat als moralische Instanz versagt und zeigt bis heute keine Haltung.“

Woelki steht seit Monaten in der Kritik, weil er ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Gutachten zurückhält. Dieses Gutachten untersucht, wie Verantwortungsträger des Erzbistums in der Vergangenheit reagiert haben, wenn Priester des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt wurden. Das Gutachten der renommierten Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl ist fertig, doch Woelki hält es unter Verschluss - er begründet das mit rechtlichen Bedenken. Der Diözesanrat fordert Woelki auf, das Angebot der Kanzlei anzunehmen, das Gutachten auf ihre alleinige Verantwortung auf ihrer Website zu veröffentlichen. Das Erzbistum lehnte dies in einer Stellungnahme erneut ab.

Als Konsequenz aus Woelkis Verhalten setzt der Diözesanrat seine Mitarbeit am sogenannten Pastoralen Zukunftsweg aus. Dabei geht es um die Neuorganisation der Gemeinden im Erzbistum - man könnte es als Woelkis Hauptprojekt bezeichnen. „Für eine weitere Mitarbeit muss erst wieder eine Vertrauensbasis geschaffen werden“, erläutert Kurzbach der Deutschen Presse-Agentur. Erstmal müsse die ganze Wahrheit zum Thema Missbrauch auf den Tisch - erst dann könne man ein eine Fortsetzung der Zusammenarbeit denken.

Der Aufstand im 1700 Jahre alten Kölner Bistum ist umfassend. „Wir haben annähernd aus jedem Stadt- und Kreisdekanat, aus jedem Verband, aus Dutzenden von Pfarrgemeinden, von über 50 Priestern schriftlich, wie tief der Vertrauensbruch geht“, schildert Kurzbach. Das habe es so noch nie gegeben. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (Zdk) erklärte sich am Freitag solidarisch mit der Stellungnahme des Diözesanrats.

Woelki hat das Vertrauen nicht nur durch die Zurückhaltung des Gutachtens verspielt, er macht auch sonst Negativ-Schlagzeilen in Serie. Der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln wurde die Website abgeschaltet, nachdem sie ein kritisches Papier veröffentlicht hatte. Einem Pfarrer, der Woelki scharf kritisiert hatte, drohte das Erzbistum mit Konsequenzen. Woelkis Weihbischof Ansgar Puff verglich die kritische Berichterstattung über Bischöfe mit den Fake News von Donald Trump und bemühte noch ein Goebbels-Zitat - als dies Empörung auslöste, entschuldigte er sich. Die Liste ließe sich fortsetzen. Derzeit sind beim Amtsgericht Köln alle Termine für Kirchenaustritte ausgebucht.

Von Woelki hat man zu all dem wenig oder gar nichts gehört - bis auf eine kurze Stellungnahme in der Christmette, in der er die Gläubigen um Verzeihung dafür bat, dass sie ständig Kritik an ihrem Erzbischof erdulden müssten. Ein ehemaliger Mitarbeiter Woelkis sagt, der Kardinal sei sich keines Fehlverhaltens bewusst, sondern glaube an eine Verschwörung der Medien: „Es sind die Journalisten, die ihm Böses wollen, weil er innerkirchlich so konservativ ist.“

Der Diözesanrat hofft, dass sich Woelki nun nicht länger verkriecht, sondern endlich Stellung bezieht. „Ich hoffe doch sehr, dass dieser schwerwiegende und bedeutsame Schritt zu einem Überdenken der bisherigen Strategie führt“, sagt Kurzbach. „Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, sich hinter Akten zu verschanzen, auf juristische Gutachten oder auf Rom zu warten. Jetzt muss hier im Bistum Köln gehandelt werden.“

Ob es aber tatsächlich dazu kommt, ist die Frage. Ein Erzbischof kann nicht abgewählt werden - nur der Papst könnte ihn entthronen. Im Vatikan aber soll die Kölner Eminenz über beste Verbindungen verfügen.