Dombauhütte bietet Hilfe an Kölner Fachleute könnten Fenster aus Notre-Dame retten

Paris · In der Dombauhütte in Köln könnten einige Fenster der ausgebrannten Pariser Kathedrale Notre-Dame restauriert werden. Die Fachleute stehen bereit, doch es gibt noch diplomatische Unwägbarkeiten.

 Mitarbeiter der Dombauhütte in Köln bei der Arbeit. Die Kölner könnten bei der Restaurierung der Fenster helfen, die beim Brand der Kathedrale Notre-Dame beschädigt wurden.

Mitarbeiter der Dombauhütte in Köln bei der Arbeit. Die Kölner könnten bei der Restaurierung der Fenster helfen, die beim Brand der Kathedrale Notre-Dame beschädigt wurden.

Foto: Knut Krohn

Glas ohne Licht ist tot. Auf dem großen Arbeitstisch liegt folglich eine Leiche, fast schwarz und unglaublich verdreckt. Nur die regelmäßigen, manchmal geschwungenen Erhebungen lassen erahnen, dass hier nicht eine gewöhnliche Glasscheibe aufgebahrt ist. Bei genauem Hinsehen schimmert an manchen Stellen ein undefinierbares Rot oder Blau durch die dicke Schmutzschicht. Ulrike Brinkmann hat ein Erbarmen und tastet an der Seite des Tisches nach dem Schalter für die Beleuchtung unter dem transparenten Arbeitstisch. Mit einem kurzen Flackern erweckt die Leiterin der Glasmalereiwerkstatt der Kölner Dombauhütte das erbärmliche Etwas zu einem überraschenden Leben. Durch den Dreck schimmern plötzlich satte Farben, Konturen werden deutlich, die erwachte Leiche erzählt nun eine bunte Geschichte.

Ulrike Brinkmann kostet diesen kurzen Moment des Erstaunens lächelnd aus. „So sehen die Stücke aus, wenn sie zu uns gebracht werden“, sagt sie und erklärt, dass es sich in diesem Fall um das Teil eines Fensters des Kölner Domes handelt. Stundenlang werden sich ihre Mitarbeiter über das Fragment beugen, zuerst den Zustand begutachten, Schäden an den Bleiprofilen ausbessern und vor allem die kleinen, manchmal nur wenige Quadratzentimeter großen Scheibenteile reinigen. Im Laufe der Jahrzehnte sammelt sich auf den Fenstern alles, was durch die Luft schwebt: Rußrückstände – im Kircheninnern von den Kerzen, außen von den Autoabgasen -, Textilfasern der Kleidung, Hautschuppen der Kirchenbesucher, Staub und vieles mehr. „Besonders hartnäckig ist der Weihrauch“, erklärt Ulrike Brinkmann, „das sind klebrige Rückstände, die sich nur schwer entfernen lassen.“ Am Ende der langwierigen Prozedur erstrahlen die Fenster dann im Sonnenlicht in ihrem alten Glanz.

Stundenlang könnte die Fachfrau dozieren, nicht nur über das Restaurieren von Kirchenfenstern, sondern auch über die oft einzigartige Geschichte, deren Bedeutung für die Gläubigen oder auch über die Handwerker, die diese Kunstwerke einst hergestellt haben. Ulrike Brinkmann und ihre zehn Mitarbeiter in der Glasmalereiwerkstatt haben im Laufe der Jahrzehnte einen Erfahrungsschatz angesammelt, der in ihrer Zunft wohl einzigartig ist. Aus diesem Grund liegt die Idee nahe, dass die Kölner Dombauhütte beim Wiederaufbau der Kathedrale von Notre-Dame in Paris hilft, die bei dem verheerenden Feuer am 15. April 2019 schwer beschädigt wurde.

„Im Herbst nach dem schrecklichen Brand hatte die europäische Dombaumeister-Vereinigung eine Tagung in Basel“, erinnert sich Peter Füssenich, Dombaumeister von Köln. Damals habe Frankreichs Chefarchitekt für historische Bauwerke, Philippe Villeneuve, über den Stand der Dinge in Paris referiert. „Alle meine Kollegen versicherten, dass der Wiederaufbau auch eine europäische Aufgabe ist und haben ihre Hilfe angeboten.“ Natürlich würde Frankreich diese Herkulesaufgabe auch selbst bewältigen können, unterstreicht Peter Füssenich, „aber wir wären zu einem Akt der Solidarität sofort bereit.“

Zum Jahrestag der Brandkatastrophe wurde das Angebot von deutscher Seite weiter konkretisiert. „Deutschland ist es ein Herzensanliegen, bei dieser gewaltigen Aufgabe weiter an der Seite Frankreichs zu stehen“, betonte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im April in einer gemeinsamen Mitteilung mit dem deutsch-französischen Kulturbevollmächtigten, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, und der Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission, Maria Böhmer (alle CDU). So könnte etwa die Erfahrung der Glaswerkstätten in den deutschen Dombauhütten genutzt werden. An dieser Stelle fiel der Name Köln. Das liegt nahe, denn die Koordinatorin für die deutsche Hilfe beim Wiederaufbau von Notre-Dame, Barbara Schock-Werner, ist die ehemalige Dombaumeisterin von Köln. Ihr Vorschlag: die deutschen Fachleute könnten die französischen Kollegen insbesondere bei den Arbeiten an den Obergadenfenstern unterstützen, die sich über den Seitenschiffen der Kathedrale befinden.

 Die Fenster der Kathedrale Notre-Dame, bevor ein verheerendes Feuer ihnen zusetzte.

Die Fenster der Kathedrale Notre-Dame, bevor ein verheerendes Feuer ihnen zusetzte.

Foto: Tupungato - stock.adobe.com/Adobe Stock

Ein solches Projekt wäre allerdings nicht nur eine handwerkliche Herausforderung, sondern auch ein diplomatischer Balanceakt, weshalb alle Beteiligten ihre Worte sehr vorsichtig wählen. Für viele Franzosen repräsentiert Notre-Dame die Seele der Nation. Sich ausgerechnet von Deutschland helfen zu lassen, wird nicht überall mit Wohlwollen gesehen. Entsprechend zurückhaltend fiel die erste Reaktion in Paris aus. Frankreichs Kulturminister Franck Riester bedankte sich und nannte den Vorschlag „ein starkes Symbol der Solidarität, das uns daran erinnert, wie eng die Schicksale unserer beiden Nationen miteinander verbunden sind“.

Auch Peter Füssenich will erst gar keine Euphorie aufkommen lassen. „Noch ist alles in weiter Ferne“, bremst der Dombaumeister, „zudem hätten die Verantwortlichen in Paris im Moment noch ganz andere Probleme.“ Tatsächlich sind die Arbeiter ein Jahr nach dem Brand erst dabei, die entstandenen Schäden überhaupt erst aufzunehmen und es besteht noch immer die Gefahr, dass Teile des Mauerwerkes in sich zusammenstürzen. Zudem hat die Corona-Pandemie zuletzt die Arbeiten über Wochen stillgelegt.

Dennoch ist die Neugier zu spüren, die in der Kölner Dombauhütte angesichts dieser möglichen Herausforderung herrscht. Der Kunstglaser Sascha Aretz hat sich Gedanken gemacht, welche Schäden die Kirchenfenster durch die Rauchentwicklung genommen haben könnten. „Es wird schon interessant sein zu sehen, ob die Bleiprofile gerettet werden können, die die einzelnen Gläser zusammenhalten“, sagt er. Da bei dem Brand zudem fast 500 Tonnen Blei geschmolzen sind, die im Dach verbaut waren, werde man sehen müssen, wie hoch die Belastung durch Giftstoffe an den Fenstern ist. Schwierig sei es auch zu sagen, ob das freigesetzte Harz der verbrannten Eichenbalken im Dachstuhl die Kirchenfenster nachhaltig beschädigt hat.

Natürlich sei es etwas Besonderes, wenn einige Fenster von Notre-Dame in Köln restauriert würde, ergänzt Sascha Aretz, doch die handwerkliche Herausforderung sei nicht allzu ungewöhnlich. Die in Frage kommenden Fenster stammen aus dem 1960er Jahren, seien also nicht allzu alt. Die Glasrestauratorin Mayre Maquiné gibt ihrem Kollegen recht, wendet allerdings ein: „Wir dürfen die Objekte nicht werten, die wir bearbeiten.“ Jedes Fenster sei gleich wichtig, egal wie alt es ist. Sie sieht die Herausforderung vor allem darin, wie die Arbeiten bei der Restaurierung der Fenster koordiniert werden. Jedes Land, sogar jede Werkstatt habe eine andere Art, das Glas zu bearbeiten. „In Frankreich werden viel häufiger Chemikalien zum Reinigen verwendet, wo wir in Köln noch rein mechanisch mit dem Skalpell oder dem Pinsel zu Werke gehen,“ erklärt sie. Da werde es sicherlich schon vorher einigen Abstimmungsbedarf geben, denn am Ende müsse alles einheitlich aussehen. „Und vielleicht“, hofft Mayre Maquiné, „kann bei dieser Art der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit einer vom anderen noch einiges lernen.“

Auch die junge Frau sieht vor allem die technische Herausforderung, Fenster aus der Kathedrale Notre-Dame zu restaurieren. Sie persönlich sei gespannt zu sehen, wie sich die enorme Hitze bei dem Brand auf die aufgemalten Farben ausgewirkt habe. Dann allerdings erzählt sie, wie sie am Abend des Unglücks bis tief in die Nacht starr vor Schreck vor dem Fernseher gesessen habe. „Es war fürchterlich - und nun haben wir vielleicht bald einige der geretteten Fenster hier auf dem Tisch“, sagt Mayre Maquiné, „das ist schon etwas ganz Besonderes.“ Notre-Dame sei eben nicht nur ein Gebäude, die Kathedrale sei ein europäischer Mythos.