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Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs: Opfer starb offenbar erst Tage später in den Trümmern

Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs : Opfer starb offenbar erst Tage später in den Trümmern

Im Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs haben Zeugen ihre dramatischen Erlebnisse geschildert. Ein Opfer starb offenbar erst Tage später in den Trümmern.

Nur drei Zeugen benötigte es am achten Verhandlungstag, um die Dramatik des Archiveinsturzes vor knapp neun Jahren drastisch vor Augen zu führen: Ein Gerichtsmediziner erklärte, warum eines der beiden Opfer höchstwahrscheinlich noch Tage in einem Hohlraum überlebte. Der pensionierte Schulleiter des gegenüberliegenden Gymnasiums schilderte, wie ihm in seinem Büro fast das Archiv und seine Schüler auf den Kopf gefallen wären. Und die Archivleiterin beschrieb ihre vergeblichen Versuche, die städtische Gebäudewirtschaft lange vor dem Einsturz davon zu überzeugen, dass von etlichen entdeckten Schäden am Haus eine Gefahr ausgehe.

Der Rechtsmediziner hat damals beide Leichen untersucht, die von der Feuerwehr geborgen wurden. Der 17 Jahre alte Bäckerlehrling Kevin K. war eindeutig sofort tot. Er war wenig bekleidet im Bett überrascht worden. Der 24 Jahre alte Kahlil G. allerdings muss vermutlich tagelang "im Wesentlichen bekleidet" in einem Hohlraum gelegen haben, bevor er in dichtere Trümmer abrutschte. Unterkühlung oder Flüssigkeitsmangel dürften zum Tod geführt haben. Allerdings sah der Mediziner auch ein gebrochenes Bein und eine Brustverletzung, die zum Ersticken hätte führen können. Die Feuerwehr fand ihn erst nach dem Abriss zweier Gebäude zehn Tage nach dem Einsturz - etwa neun Meter unter der Erde. Aus religiösen Gründen hatten Angehörige erreicht, dass keine Obduktion erfolgte, sondern die Leiche schon am nächsten Tag nach Marokko zur Bestattung gebracht wurde.

Den Tag des Einsturzes wird der längst pensionierte Leiter des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums nie vergessen: "Die sechste Stunde war vorbei, als ich in meinem Büro saß." Das war in dem auf Stelzen stehenden Vorbau des Gymnasiums - unten der Haupteingang, oben gerade Unterricht für 50 Oberstufenschüler. "Von meinen 1050 Schülern waren vielleicht noch 200 im Haus." Dann hörte er etwas: "Wie wenn Stahlseile reißen. Es rumpelte - heftiger als bei dem mittleren Erdbeben, das ich mal in Griechenland erlebt habe." Der Mann dachte, der Baukran sei umgefallen, und auf der Straße "etwas Schlimmes passiert". Er veranlasste umgehend die Evakuierung der Schule.

Die Leiterin des Archivs durchlebte im Zeugenstand erneut die Minuten des Einsturzes, die ihre Knie weich und ihre Hände so zittrig machten, dass sie nicht telefonieren konnte. Der Hausmeister hatte sie zur Flucht getrieben. Und der Einsturz hatte aus ihrer Sicht Vorboten.

Zwei Jahre lang habe sie immer wieder Schäden beim Hauseigentümer, der städtischen Gebäudewirtschaft, angemeldet. Türen im Archivgebäude schlossen nicht mehr, selbst in Obergeschossen zerstörten Wassereinbrüche wertvolle Dokumente. Bis kurz vor dem Einsturz pochte sie auf eine Begutachtung. Doch die Gebäudewirtschaft habe einen Schadensregulierer der Verkehrsbetriebe statt eines unabhängigen Gutachters geschickt. Der bescheinigte zwar, wie dem Gericht vorliegt, dass das Haus standfest ist, riet aber wegen des Schadensbildes zu weiteren Untersuchungen.

Über Karneval gab Richter Michael Greve den Juristen und Schöffen Hausaufgaben auf: 14 000 Seiten haben sie zu lesen, und zwar - wenn es geht - bis Aschermittwoch. Dann geht der Prozess um zehn Uhr im Saal 142 weiter.