1. Region
  2. Köln & Rheinland

Glühweintassen auf dem Weihnachtsmarkt: Wenn der Clown den Engel bützt

Glühweintassen auf dem Weihnachtsmarkt : Wenn der Clown den Engel bützt

Sie sind Teil einer besonderen Erinnerungskultur: Glühweintassen von einem der rund 2500 Weihnachtsmärkte im ganzen Land. Auch in Bonn und Köln finden die jährlich neuen Exemplare viele Fans. Im Corona-Jahr greifen manche Ausrichter zur alternativen Vermarktung - und gehören selbst Mund-Nasen-Masken zum Design.

Die Verteidigungslinie verläuft quer durch unseren Küchenschrank. Das weiße Alltagsgeschirr auf der einen Seite. Auf der anderen Seite Porzellanbecher, die in Form und Farbe unterschiedlicher kaum sein könnten. Wann immer es ans Tischdecken geht, liefern die nur unzulänglich stapelbaren Erinnerungsstücke an vergangene Weihnachtsmarktbesuche Stoff zur Diskussion. Manches am Glühweinstand ergatterte Andenken wanderte so, vom einen Teil der Familie verbannt, schon klammheimlich in den Keller. Um ebenso sicher am Tag darauf vom anderen Teil der Familie vor dem Vergessen gerettet zu werden.

Glühweinbecher: Am Nutzen der Mitbringsel von einem der rund 2500 Weihnachtsmärkte im Land scheiden sich sicher nicht nur in unserer Familie die Geister. Und doch landen jedes Jahr Abertausende der Gefäße nicht wieder in den Lagern der Marktbeschicker oder gehen im Gedränge den Weg alles Vergänglichen. Vielmehr bereichern sie Haushalte hierzulande oder reisen als touristische Andenken rund um den Globus.

Der geografische Mittelpunkt unseres Weihnachtsmarktrituals liegt in der Domstadt. Und das seit mehr als 30 Jahren, seit wir uns in der Universität zu Köln über den Weg gelaufen sind. Und der Vorlesung im Stehen spontan die Cafeteria vorzogen. Wochen später verlegten wir das Proseminar „English Grammar“ auf den Neumarkt. Beim Treffen auf dem „Markt der Engel“ ist es geblieben – woran seit 2009 die Becher nicht unschuldig sein dürften: Seitdem gestaltet der Bonner Künstler Jan Künster mit unnachahmlichem Pinselstrich die Motive. Clown „bützt“ Engel oder Engel mit Pappnas: Der rheinische Charme der Künster-Kunst ist über jede Wegräum-Offensive erhaben.

Viele Glühweinbecher stehen im heimischen Schrank, werden aber selten benutzt

Konnte früher die studentische Aussteuer dem Becher To-go schon rein ökonomisch einiges abgewinnen, so haben die Porzellan gewordenen Erinnerungen heute emotionaleren Stellenwert. Freilich, mancher Becher fristet ein verstaubtes Dasein. Wer will schon den ersten Kaffee am Morgen aus einem dickwandigen Glühweintopf trinken, wenn Bone China zur Wahl steht? Zugleich haben sich die Henkeltassen zum Teil einer Erinnerungskultur an gesellige Stunden mit Familie, Freunden und Kollegen gemausert.

Und zum Sammlerobjekt, wie der Blick ins Netz verrät. Ausrichter von Weihnachtsmärkten haben das Becherwesen aber auch selbst zum Kult erhoben, mit jährlich neuen Auflagen samt auflasiertem Verfallsdatum. Kaum auszudenken, stünde der Becher mit der Aufschrift 2019 wie Blei im Regal. Schließlich ist die Order fürs Folgejahr oft ausgemachte Sache, kaum dass die letzten Noten von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ verklungen sind. Spätestens ab Ostern wird produziert, was Glühwein, Punsch & Co. erst komplett macht.

Viele Glühweintassen für den Weihnachtsmarkt sind mittlerweile aufwendig gestaltet

Vorbei sind die Zeiten der unifarbenen Keramik-Tristesse in Ocker und Dunkelblau. Man muss es ja nicht gleich halten wie die Ausrichter des Dresdner Striezelmarktes, auf dem neben dem Alltgagsmodell jährlich eine streng limitierte, handgefertigte Kreation zum Kauf feilgeboten wird. Auch fernab solcher Exklusivität sind liebevoll designte Modelle wie der Wimmelbecher vom „Markt der Herzen“ am Kölner Dom Objekte der Begierde.

Die Becher einfach mitzunehmen, erfüllt juristisch übrigens den Tatbestand des Diebstahls. Schließlich wechselt nur der Inhalt den Besitzer. Trotzdem wird das „Entwenden“ nicht geahndet, sondern über das Pfandgeld einkalkuliert und akzeptiert, oft gar gewünscht. „Nehmen Sie besser einen gespülten, sonst klebt´s im Rucksack“, lautete 2019 der freundliche Hinweis.

Oft kommen die Rohlinge der Glühweintassen aus China

Modellnamen wie Bozen oder Cadiz führen in die Irre: Die Rohlinge fürs vorweihnachtliche Porzellan kommen in aller Regel aus China, Mutterland des Porzellans. „In Deutschland geht es meist nur ums Dekorieren“, sagt Guido Schlepütz. Der Geschäftsführer der Firma Mohaba muss es wissen: Das Unternehmen ist so etwas wie der „Global Player“ auf dem Gebiet der Glühweintassen. Millionenfach gehen die Becher jedes Jahr von Düren aus auf die Reise, nicht nur nach Bonn, Köln oder Düsseldorf, sondern bis in die USA. Dort übrigens ist Pfand ein Fremdwort: „Wer etwas trinken will, muss den Becher kaufen. Mehrweg wie bei uns kennen die nicht“, so Schlepütz.

Mit „nur“ ist es beim Dekor natürlich nicht getan. Qualität zählt, vom Rohling übers Design bis zum  Brennen der Lasur. Schließlich müssen die Becher heiße Getränke aushalten und ebensolche Spülgänge. Die günstigsten Varianten aus Glas gibt es ab 75 Cent, aufwendigere Tassen landen schnell bei drei Euro, so Schlepütz.

Beim Bonner „Glühweinkarussell“ nehmen viele Kunden die Tassen gleich mit

Und natürlich ist der „Tassenschwund“ umso höher, je aufwendiger und schöner das Design ist, wissen auch die Bonner Unternehmer Ulla und Peter Barth: Bis zu 70 Prozent ihrer Tassen finden am „Glühweinkarussell“ stets ihre Fans. Gefertigt werden die Becher nach eigenen Vorgaben, 60 Prozent mit Jahreszahl, 40 Prozent ohne – „so können wir die übrig gebliebenen Tassen im nächsten Jahr noch verwenden“, sagt Ulla Barth. 2,40 Euro kostet jede Tasse im Einkauf. Bei einem Pfand von drei Euro wird „da also kein hoher Gewinn erwirtschaftet. Es liegt uns aber am Herzen, unsere Gäste jedes Jahr neu zu erfreuen“, so die Unternehmerin.

So sehen das auch Monika Flocke, Geschäftsführerin der Kölner Weihnachtsgesellschaft und zuständig für den Markt am Dom, und Britta Putzmann, Geschäftsführerin der CityProjekt Veranstaltungs-GmbH, die den „Markt der Engel“ unter den Fittichen hat. Laut Putzmann werden „80 bis 90 Prozent der Künstler-Becher nicht zurückgegeben, sondern als Souvenirs behalten. Die meisten Gäste kommen mit der Tasse an den Stand und wir tauschen sie gegen eine Neue aus.“

So halten das auch die Bonner – und hätten 2020 möglicherweise alles Bisherige übertroffen. Schließlich ist Beethoven im Beethovenjahr auch beim Glühwein das Maß der Dinge. Indes: Über den Prototyp ging es aktuell nicht hinaus, „da es uns mit der Corona-Pandemie zu unsicher war, ob der Weihnachtsmarkt dieses Jahr stattfinden kann. Leider ist es ja nun so gekommen, dass er nicht stattfindet“, so Ulla Barth – eine Frage leider auch der Existenz.

Aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben, hoffentlich bekommt der Beethoven-Jubiläums-Becher 2021 seine Chance. Zugleich wird mancher Becher geradezu zur Solidaritätsnote für die Corona-gebeutelten Schausteller: Den aktuellen Becher vom „Markt der Engel“ gibt es im Shop von Dom-Spekulatius, und eine limitierte Auflage des Wimmel-Pendants vom Dom kann im Netz reserviert werden. „Wir haben unzählige Anfragen, die weiteste aus Japan. Das hat uns auf die Idee gebracht“, sagt Flocke. Der Becher ist eine Erinnerung an ein besonderes weihnachtsmarktloses Jahr: Einige der Figuren tragen – Mund-Nasen-Masken.