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Bagger-Fahrer rettete Steinbachtalsperre: „Wenn die Wand gebrochen wäre, hätte ich keine Chance gehabt“

Bagger-Fahrer rettete Steinbachtalsperre : „Wenn die Wand gebrochen wäre, hätte ich keine Chance gehabt“

Mit seinem 30 Tonnen schweren Bagger hat Bauunternehmer Hubert Schilles den blockierten Hauptabfluss der Steinbachtalsperre freigelegt. Eine heikle Mission, bei der er bereitwillig sein Leben aufs Spiel setzte. Im Gespräch erzählt er von seinem dramatischen Einsatz.

Hubert Schilles ist so etwas wie der Mann der Stunde, auch wenn er das nicht gern hört. Dennoch fällt unweigerlich der Name des 67-jährigen Bauunternehmers aus Mechernich, wenn von der allseits herbeigesehnten Entwarnung an der bröckeligen Steinbachtalsperre die Rede ist.

„Ich wurde in Mechernich geboren, das hier ist meine Heimat. Man kennt jede Ecke, jeden Baum, jeden Strauch. Wenn man mich um Hilfe bittet und ich helfen kann, gibt es von mir ein glasklares Ja“, stellt Schilles klar. „Jeder Mensch braucht irgendwann Hilfe. Und wenn einer fragt, bin ich da, wohin ich gerufen werde." In diesem Fall war es die Steinbachtalsperre.

Steinbachtalsperre drohte zu brechen: Ein riskanter Plan

Dabei war das ihm angetragene Hilfegesuch alles andere als ein Kinderspiel. Infolge der Unwetter-Katastrophe in der Region war der Pegel im Auffangbecken der Steinbachtalsperre aufs Maximum angestiegen. Mehrere Tausend Liter Wasser waren sekündlich über die Staumauer geschwappt, rissen metertiefe Krater in den Erdwall davor. Die Dammkrone war beschädigt, die Staumauer rissig. Jeden Moment drohte der Schutzwall ob des immensen Wasserdrucks nachzugeben.

„Ich habe in einem Telefongespräch mit meinem Bruder von der Situation vor Ort erfahren“, sagt Schilles, der gemeinsam mit seinem Bruder Peter ein ansässiges Tiefbauunternehmen führt. „Es war die Rede davon, dass dort ein Großgerät, ein 30-Tonnen-Bagger, gebraucht wird, also bin ich hingefahren.“ An der Steinbachtalsperre angekommen, stieg Schilles den Hang zur Sohle der Dammmauer hinab und erfuhr von dem waghalsigen Manöver. Rund 18 Meter unter der Dammkrone sollte der verstopfte Hauptablass freigeschaufelt werden. Eine Mission, bei der Leib und Leben auf dem Spiel standen. „Wenn die Wand gebrochen wäre, hätte ich keine Chance gehabt. Das Risiko konnte keiner der Verantwortlichen tragen, also trug ich es selbst“, sagt Schilles nüchtern. „In diesem Augenblick war klar, dass wir keine Zeit mehr haben, also rannten wir los, um alles in die Wege zu leiten.“ 45 Minuten später stand sein Bagger da. „Und dann bin ich da reingefahren bis zum Hauptablauf.“

Teamarbeit bringt den Erfolg an der Steinbachtalsperre

Schilles brachte seine schwere Baumaschine an einer etwa sechs mal fünf Meter großen Sprühmarkierung in Position. Darunter sollte der Abflussschacht liegen. Schilles senkte die Schaufel. „Es kamen immer mehr Schlamm und Geröll. Plötzlich war dort Beton, die Wände.“ Er war auf die Einfassung des Abflusses gestoßen. Schilles legte den Kanal frei und zog sich in Sicherheit zurück. Der erhoffte Durchbruch blieb jedoch aus, denn der Wasserabfluss war noch immer durch geschlossene Schieber im Kanal blockiert.

 Eine Drohnenaufnahme zeigt den Einsatz, bei dem es Bagger-Führer Hubert Schilles gelang, den Grundablass am Fuß der Staumauer freizuschaufeln.
Eine Drohnenaufnahme zeigt den Einsatz, bei dem es Bagger-Führer Hubert Schilles gelang, den Grundablass am Fuß der Staumauer freizuschaufeln. Foto: Kreis Euskirchen

In diesen bangen Minuten schritt Bauingenieur Christian Lorenz zur Tat. „Herr Lorenz kennt die Talsperre in- und auswendig. Er ist dort rein gestiegen, obwohl er im teilgefluteten Kanal nur wenige Zentimeter Spiel zur Wasseroberfläche hatte. Mit einem weiteren Mitarbeiter ist es ihm dann gelungen, den Schieber zu öffnen. Vor diesen Männern ziehe ich meinen Hut. Danach hatten alle Tränen in den Augen.“

Baggerfahrer an der Steinbachtalsperre: Ein bescheidener Retter

Mit seinem Eingreifen hat Schilles maßgeblich zur Entschärfung der kritischen Situation an der Steinbachtalsperre beigetragen. Vermutlich hat er mehr als 10.000 unmittelbar von einem möglichen Dammbruch Betroffene vor noch größerem Leid bewahrt. Aus seiner selbstlosen Tat macht Schilles keinen Hehl, Huldigungen liegen ihm fern. „Ich bin überglücklich, dass ich den Leuten, die möglicherweise nicht hätten weglaufen können, ein bisschen die Angst nehmen konnte.“ Zudem sei er tiefgläubig, habe sich gesegnet, bevor er einzig mit seinen 50 Jahren Berufserfahrung im Gepäck hinab zur Staumauer fuhr. „Der Herrgott wird schon wissen, was er macht“, sagt Schilles. „Ich denke, dass es mir vorbestimmt war, an diesem Tag da zu sein. Ich bin froh, dass ich helfen durfte, mehr will ich nicht. Auch beispielsweise keine Bundesverdienstkreuze oder so etwas – das würde ich nicht annehmen. Ich bin ein ganz normaler Mensch, und will auch als ganz normaler Mensch gesehen werden und irgendwann in Erinnerung bleiben.“

 Schilles kommt noch immer jeden Tag zur Steinbachtalsperre. „Ich kann einfach nicht viel machen, ohne mich vorher davon zu überzeugen, dass die Arbeiten hier gut vorankommen.“ Dafür sorgen die Einsatzkräfte von THW und Feuerwehr an der Staumauer. Aufmerksam beobachtet er das Treiben vom Damm aus. „Es braucht immer helfende Hände, gerade in der gegenwärtigen Situation ringsum. Menschen, die denken und anpacken“, sagt der allseits bekannte Baggerfahrer. „Nur ist es in meinem Fall immer besser, wenn man beim Anpacken nichts kaputtmacht.“  

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