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Rau-Brand: Älteste Brennerei des Landes ist in Erpel in Betrieb

Rau-Brand : Älteste Brennerei des Landes ist in Erpel in Betrieb

Weit geöffnet war neulich das große Tor des ehrwürdigen Fachwerkhauses aus dem Jahr 1696 inmitten der "Alten und Freien Herrlichkeit Erpel". Der Grund: Klaus Siebertz hatte den gemauerten Ofen der 1817 von Louis Noll gegründeten Brennerei voll beheizt. In die daneben stehende Kupferblase hatte er bereits Pflaumen-Maische eingefüllt.

"Es ist von alters her Gesetz: Wenn gebrannt wird, müssen alle Türen offen sein, damit der Zoll jederzeit ohne Voranmeldung hereinkommen kann. Und im Brennkeller selber darf es auch nur einen Eingang geben, damit potenzielle Schwarzbrenner nicht durch die andere Tür vor den Beamten fliehen können", berichtete der Erpeler, der einen Getränkehandel im Ort betreibt.

Fliehen würde Siebertz, der vor einigen Jahren den Betrieb von Karl-Josef Klein übernommen hat, ohnehin nicht. Im Gegenteil, liebend gerne würde er in der ältesten Brennerei, die in Rheinland-Pfalz noch in Betrieb ist, weiter Trester, Korn und Doppelkorn, Jagdtropfen, Liköre und Obstbrände produzieren. "Aber mein Pachtvertrag läuft im März aus und die Besitzer haben für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude einen für mich zu hohen Kaufpreis angesetzt", so der Schnapsbrenner.

Währenddessen hat Karl Schopp, der schon 1957 als Lehrling bei den Kleins das Brennen erlernt hatte und mit der uralten Anlage bestens vertraut ist, den Wasserkessel weiter angeheizt. "Ohne seine Unterstützung und die von Manfred Weißenfels, der auch schon weit über 40 Jahre ein Meister des Brennereifachs ist, hätte ich mich als Neuling gar nicht an die Öfen gewagt", sagte Siebertz.

Schopp überprüfte derweil die Temperatur des "Geistrohrs", das die Kupferblase mit dem großen Kühler verbindet. "Eine halbe Stunde wird es noch dauern, bis aus dem Geistrohr der erste Rau-Brand tröpfelt", so der Fachmann. Zuvor muss der Dampf aus dem Wasserkessel über eine Kupferhaube, den "Helm", durch ein Verbindungsrohr in den mit Maische gefüllten Behälter steigen.

"Dadurch wird das Obstgemisch, ohne anbrennen zu können, so erhitzt, dass sich der Alkohol von der Maische löst und kondensiert durch das Geistrohr in den großen Kühler befördert wird", erklärte Siebertz. Dass er überhaupt Schnaps brennen konnte, hatte er Weißenfels zu verdanken, der - als gelernter Installateur - einen Riss in der Kupferblase fachgerecht verlötet hatte.

Mit dieser Blase ist die Kesselhaube in Erpel übrigens nicht verschraubt. Vielmehr sorgt eine Mischung aus Roggenschrot und Mehl, die durch die Hitze zu einem festen, äußerst harten Brotteig wird, für eine ideale Abdichtung. "Es geht los, der erste Alkohol fließt in die große Kanne", verkündete Siebertz. Alteingesessene Erpeler wissen noch, dass sie früher selber "Kännchen" genannt worden waren.

Die Bezeichnung stammt aus der Brennerei, in der mehrere Messkännchen zum Verkauf der Spirituosen gestanden hatten. Mit ihnen war die gewünschte Menge Schnaps aus den Fässern entnommen und in Behälter gefüllt worden, welche die Erpeler mitgebracht haben.

"Teste mal, ob noch genug Zunder in der Maische ist", forderte Schopp den Brennmeister nach einiger Zeit auf. Dazu schüttete Siebertz ein Gläschen Rau-Brand auf das heiße Kupfer des zweiten Ofens und hielt ein brennendes Holzstück daran. Und schon züngelten Flammen rund um die Haube. "Das lohnt sich noch, weiter zu machen", so sein Urteil.

Weitermachen will Siebertz mit der Brennerei auf jeden Fall, wenn auch in einem anderen Gebäude in Erpel. "Schön wäre es nur, wenn auch die uralte Anlage erhalten bliebe, die im Gegensatz zu dem Gebäude leider nicht unter Denkmalschutz steht", bedauerte er. Würde sie abgerissen, wäre ein Stück Heimatgeschichte unwiederbringlich verloren.