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GA-Nachtwächterwanderung in Unkel: Bei Vollmondschein in die Vergangenheit

GA-Nachtwächterwanderung in Unkel : Bei Vollmondschein in die Vergangenheit

Ach, was wäre das eine ruhige Schicht für Nachtwächter Werner Geißler gewesen. Es ist still, sehr still in Unkel, als es dämmert und sich der Vollmond in Stellung bringt. Nirgends irgendwelche Unruhestifter, die Ärger machen. Niemand, der in den schmalen Gassen herumstrolcht und Böses im Sinn hat.

Doch Geißler muss an diesem Dienstagabend nicht wirklich patrouillieren. Er ist aus der Zeit gefallen, oder besser: in die Vergangenheit geschlüpft. Der graue Mantel, der lange Stab, das flackernde Laternenlicht - alles Requisiten für eine Nachtwächterwanderung, die den Spuren des alten Unkel entlang der Stadtmauern folgt.

Die Führungen des Geschichtsvereins Unkel sind so gefragt, dass die Veranstaltungen weit im Voraus ausgebucht sind. Der General-Anzeiger gab 20 Lesern die Gelegenheit, exklusiv bei einer Stadttour mitzugehen.

"Rafft euren ganzen Mut zusammen - und folgt mir!" So beginnt sie, diese Zeitreise, die zuallererst zum Fronhof an der Rheinpromenade führt. Zu jenem ältesten, steinernen Gebäude in Unkel - gebaut im Jahr 1057 -, das ins Hochdeutsche übersetzt Herrendiensthaus heißt. Weiter geht's.

Es ist der Mix aus Wissen und Humor, aus lebendig werdender Geschichte und der spätabendlichen Rheinromantik, der die Führung zu einem kurzweiligen Erlebnis macht. Eine Erlebnistour, die von der Überraschung lebt: Da winkt plötzlich auf einem Balkon oberhalb des letzten existierenden Torbogens Richeza, die Königin von Polen und Fronherrin von Unkel. Wenige Meter weiter trottet unerwartet der Dichter Ferdinand Freiligrath vorbei, der in Unkel sein Leben als freier Schriftsteller begann.

Es sei fürchterlich gewesen, in der Silvesternacht 1839 mitansehen zu müssen, wie der Rolandsbogen - "mein Sinnbild für die Rheinromantik" - einstürzte. Er gab folglich einen Spendenaufruf auf: "Damals noch bei der Kölnischen Rundschau. Heute würde ich das natürlich im General-Anzeiger machen", sagt Freiligrath, der von Günter Küpper gespielt wird, augenzwinkernd.

Sie war halt exklusiv, diese GA-Führung. Er habe damals so viel Geld eingesammelt, dass der Rolandsbogen wieder aufgebaut werden konnte - mit dem Geld, das die damalige Eigentümerin dadurch gespart hat, wurden Schulen in Remagen gebaut. "Wegen mir können sie da drüben lesen und schreiben", kalauert Freiligrath. Gelächter. Und weiter.

Im Jahr 886 ist Unkel erstmals urkundlich erwähnt worden. Es komme vermutlich aus dem Lateinischen, erzählt Nachtwächter Geißler, und bedeute so viel wie Bogen oder Krümmung. Doch für zu viele nackte Zahlen und Fakten bleibt an diesem Abend keine Zeit.

Es geht hinauf in den Gefängnisturm, wo bereits Rex Stephenson alias Anton Kühlwetter, ein Gewohnheitsdieb, auf die Vollstreckung seiner Todesstrafe wartet. Er dürfe noch einen letzten Wunsch äußern - "möchte eine der Damen in meiner letzten Nacht bei mir bleiben?" Keine stimmt zu. Also: schnell weiter.

Die Tour zieht weiter zum alten Vikariat, das als Fachwerkhaus mit vier Giebeln allein deshalb schon sehenswert ist. Gestaunt wurde am Pax-Haus: Hier hat Konrad Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, ein Jahr im Exil gelebt. Weil zu seinen Ehren während einer Veranstaltung der Badenweiler Marsch gespielt wurde - und der war ausschließlich Adolf Hitler vorbehalten.

Die Tour endet in der Pützgasse. "Bei Hausnummer 8 atmen Sie bitte tief ein. Dort hat Adenauers letzte Haushälterin gewohnt", sagt Geißler. Dann noch hinüber zur Voigtsgasse, ehe die Führung nach zwei Stunden endet. Der Applaus, der folgt, signalisiert: Toll war's. Stephanie Hank, die mit Mutter Hildegard dabei war, resümierte: "Geschichte so lebendig zu erleben, ist klasse. Und dann noch der Vollmond - wunderbar."