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Interview mit Thomas Ottersbach: "Ich hätte öfter Nein sagen sollen"

Interview mit Thomas Ottersbach : "Ich hätte öfter Nein sagen sollen"

Bonn, Auswärtiges Amt, siebter Stock. Wer hier oben sein Büro hat, muss sich die Rheinpromenade nicht als Ansichtskarte an die Wand klemmen. Der Blick aus einem der Fenster genügt. Thomas Ottersbach, 49, arbeitet hier. Er ist Leiter des Referates Organisation und muss als solcher seine Behörde ins rechte Licht rücken. In der Öffentlichkeit, in der Presse, bei Veranstaltungen. Doch diesmal soll er über sich reden. Über fast 20 Jahre politisches Engagement in der Stadt Unkel und darüber hinaus.

Fast zwei Dekaden, die nun enden sollen. Am kommenden Montag wird er als Stellvertreter des Bürgermeisters Gerhard Hausen zurücktreten. Dennis Betzholz sprach mit Ottersbach über einen rasanten Aufstieg, einen geplatzten Traum und ein Leben mit elf Ehrenämtern.

Sie ziehen bald von Unkel nach Rheinbreitbach. Ein Umzug von nur wenigen Kilometern, aber mit erheblichen Folgen: Ihr Ratsmandat erlischt dann automatisch, Ihr Amt als Bürgermeister-Vertreter legen Sie freiwillig nieder. Wieso?
Thomas Ottersbach: Ich hätte 2014 ohnehin nicht mehr kandidiert. Ich wollte mein Leben nicht nur inhaltlich, sondern auch äußerlich verändern. Wir haben lange nach einem solchen Haus gesucht.

Mit 31 traten Sie in die SPD ein und legten einen rasanten Aufstieg hin - zwei Monate später waren Sie Ortsvereinsvorsitzender in Unkel, vier Jahre später Bürgermeisterkandidat.
Ottersbach: Mir kam es trotzdem sehr lang vor. Gerhard Hausen, nicht nur mein Vorgesetzter, sondern auch Freund und der Patenonkel meiner jüngsten Tochter, hat mal zu mir gesagt: "Du darfst in der Politik nicht in Jahren, sondern in Dekaden rechnen."

Ihr Antrieb war über die Jahre dennoch einzigartig, bis zur Selbstaufgabe. Sie hatten elf Ehrenämter, einen kraftzehrenden Beruf und eine Familie. Konnten Sie früher nicht Nein sagen?
Ottersbach: Wissen Sie: Mir ist Verlässlichkeit sehr wichtig. Ich hatte immer Angst, dass die Dinge, die sehr auf mich zugeschnitten waren, scheitern könnten und ich so die Bürger enttäuschen würde. Und mein Irrglaube war: Je mehr du machst, desto schneller wirst du VG-Bürgermeister und erfüllst dir deinen Lebenstraum. Rückblickend muss ich sagen: Ich hätte öfter Nein sagen sollen.

Was öffnete Ihnen die Augen?
Ottersbach: Ich stand eines Abends im Dezember 2010 im Waschkeller, dachte an die nächsten Monate, an das, was auf mich zukommen wird. An die Eröffnung des Willy-Brandt-Forums, für die ich als Vorsitzender des Fördervereins verantwortlich war und insgesamt 300.000 Euro sammeln musste. An mein Aufstiegsverfahren in den höheren Dienst, das noch einige Lehrgänge und eine Prüfung vorsah. Ich dachte an die Monate Januar und Februar, in denen jedes Wochenende Auftritte mit den "Ratsherren" anstanden. Und an die Kandidatur zum VG-Bürgermeister. Plötzlich zog sich meine Brust zusammen, wie bei einem Herzinfarkt. Da wusste ich, ich muss etwas ablegen.

Wie haben Sie sich entschieden?
Ottersbach: Ich habe schweren Herzens auf meinen Lebenstraum verzichtet: auf die Bürgermeisterwahl der Verbandsgemeinde.

Die Notbremse zog letztlich Ihr Körper. Sie waren plötzlich ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwunden.
Ottersbach: Das lag aber nicht an den Ehrenämtern. Meine Mutter hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs und hörte bewusst auf zu essen. Sie wollte zu Hause sterben, bei vollem Bewusstsein. Und ich wollte im Moment ihres Ablebens bei ihr sein. Also saß ich Tag und Nacht an ihrem Bett, schlief nicht mehr, eine Woche lang.
Danach hatte ich eine Schlafstörung, glitt in eine Psychose, später in eine Depression und musste in eine Klinik. Sechs Monate wurde ich krankgeschrieben, eine schreckliche Zeit. Man kann spekulieren, ob mein Körper wegen der vielen Arbeit nichts mehr zuzusetzen hatte.

Was war Ihr innerer Kompass in dieser Zeit?
Ottersbach: Meine Familie. Und der Leitsatz meines Großvaters, dem auch ich folge: "Mit Gott und für die Heimat". Ich möchte mich nun mehr mit dem Glauben beschäftigen.

Sie engagieren sich jetzt in der Kirche?
Ottersbach: Ich brauchte nach all den gesundheitlichen Tiefschlägen einen neuen Lebensentwurf. So ging es nicht mehr weiter. Ich bin katholisch, seit meiner Kindheit in der Kirche aktiv. Ich möchte mich dort mehr engagieren, auch wissenschaftlich.

Reden wir über Ihre Zeit in der Politik. Welches war der emotionalste Moment Ihrer Laufbahn?
Ottersbach: Als mich Brigitte Seebacher, die Witwe von Willy Brandt und zunächst Kritikerin des Forums, beim Festakt zur Eröffnung versöhnend umarmte und mir Brandts letzten grünen Filzstift sowie einen Armreif aus Bagdad für die Ausstellung übergab. Das war ein rührender Vertrauensbeweis.

Sie sind anders als andere. Sie schrecken auch nicht davor zurück, als Einzelkämpfer Ihrer Partei gegen die Windparkpläne am Asberg zu skandieren.
Ottersbach: Ich bin froh, einer Partei anzugehören, in der ich meinem Gewissen folgen kann. Es geht hier um die Heimat und um nichts anderes. Es gibt Wälder, die sich für Windkraft eignen, manche weniger und manche gar nicht. Und dieses Waldgebiet eignet sich überhaupt nicht.

Was schockiert Sie in diesem Fall am meisten?
Ottersbach: Ich habe in den Ratssitzungen stets gesagt: "Ihr könnt doch nicht über etwas abstimmen, bei dem noch gar nicht alle Gutachten und Fakten auf dem Tisch liegen." Mit der Unterschrift unter den Vertrag mit der EVM haben sich die Ratsmitglieder disqualifiziert, unabhängig zu entscheiden.

Letzte Frage: Was nehmen Sie mit aus 20 Jahren Politik?
Ottersbach: Politik ist spannend, ernüchternd, lustig, erschreckend. Ich weiß nun, wie sie funktioniert und ich kann Ihnen sagen: Der Unterschied zwischen kleiner und großer Politik ist kaum existent. Wer schon mal in einem Vereinsvorstand tätig war, weiß auch, wie es in der Politik abgeht.

Kommunalpolitiker, Musiker, Familienvater
Thomas Ottersbach wurde am 7. März 1964 in Bonn geboren und ist dort aufgewachsen. Er studierte an der Fachhochschule für Rechtspflege mit dem akademischen Abschluss als Diplom-Rechtspfleger.

Vor 19 Jahren hinterlässt Thomas Ottersbach erste Spuren in der Politik: Er schreibt die Reden des damaligen Unkeler SPD-Bürgermeisterkandidaten Gerhard Hausen. Im Oktober 1995 tritt Ottersbach in die SPD ein und wird nur zwei Monate später SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Unkel. 1996 wird er sachkundiger Bürger im Stadtrat, schließlich auch Vorsitzender der Verbandsgemeinde-SPD und Europabeauftragter der SPD des Kreises Neuwied.

1999 tritt Ottersbach für die SPD als Bürgermeisterkandidat in der CDU-Hochburg Unkel an. Er besucht im Wahlkampf jeden der 2500 Menschen persönlich. Er verliert gegen Werner Zimmermann, hat aber ein besseres Ergebnis als seine Partei selbst. Er wird in den Stadtrat und den VG-Rat gewählt. 2003 tritt er zur Wahl des Verbandsbürgermeisters an. Wieder geht er von Haustür zu Haustür, diesmal sind es 6500 Haushalte.

Sein Lebenstraum scheitert hauchdünn, er erhält in der Stichwahl 48,3 Prozent der Stimmen.
Ihm fehlen 124 Stimmen zum Sieg. 2004 ist Ottersbach Wahlkampf-Manager für Kandidat Gerhard Hausen. Erstmals in der Unkeler Geschichte kommt die SPD an die Macht. Für Ottersbach dennoch das Jahr der dunkelsten Stunde: Im Ringen um den Ersten Beigeordneten kommt es wider Erwarten zum Losverfahren. Ottersbach verliert und muss sich mit dem Amt des Zweiten Beigeordneten zufrieden geben.

2007 gründet Ottersbach die Bürgerstifung Unkel mit, wird Vorsitzender und bringt das Willy-Brandt-Forum auf den Weg. 2009 wiederholt die SPD in Unkel das Ergebnis von 2004. Ottersbach ist fortan Erster Beigeordneter und Stellvertreter Hausens. Er initiiert die Zukunftswerkstatt mit dem Ziel, ein Leitbild für Unkel zu erstellen, gründet den Förderverein für das Freibad mit. 46-jährig erhält Ottersbach für sein ehrenamtliches Engagement die Verdienstmedaille des Landes. Ein Jahr später bricht er zusammen, wird zunächst sechs Monate krankgeschrieben und zieht sich nach und nach von allen Ämtern zurück. Auch seine Aktivitäten als Frontmann der Band "Ratsherren" stellt er ein. Ottersbach ist verheiratet und Vater dreier Töchter.