1. Region
  2. Kreis Neuwied

Willy-Brandt-Forum: Museum in Unkel stellt sich für die Zukunft auf

Willy-Brandt-Forum : Museum in Unkel stellt sich für die Zukunft auf

Die Bürgerstiftung als Träger des Willy-Brandt-Forums geht optimistisch ins Jahr 2020. Sie kann dank Bundesförderung einen hauptamtlichen Geschäftsführer einstellen, eine Kooperation mit der Brandt-Stiftung in Berlin steht in Aussicht und das Jahresprogramm ist hochkarätig.

2020 wird für das Willy-Brandt-Forum (WBF) ein interessantes und entscheidendes Jahr. Zum einen sind Veranstaltungen geplant, nicht zuletzt zum 50. Jahrestag des Kniefalls in Warschau, mit dem Willy Brandt am 7. Dezember 1970 am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos um Vergebung bat für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Zum anderen: Mit der Bereitstellung von gut 300000 Euro aus dem Bundeshaushalt, festgelegt für hauptamtliches Personal, steht die Eingliederung in die Berliner Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (BWBS) an  – und damit eine ganz entscheidende Neuorientierung für das WBF.

Die Politikergedenkstiftung in Unkel stellt also Weichen für die Zukunft, sozusagen als drittes Standbein der Erinnerung an Willy Brandt neben der BWBS und der Stiftung in Brandts Geburtsstadt Lübeck. Ziel der Unkeler, betonte Christoph Charlier, Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Willy-Brandt-Forum: Das Forum müsse langfristig gesichert werden. Denn: Aus eigener Kraft könne das WBF dauerhaft kaum überleben. Finanziert wurde das 2011 eröffnete Forum überwiegend mit Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz sowie durch das Einbringen des alten Sparkassengebäudes in die Stiftung. Zusätzlich wurden 300 000 Euro Eigenmittel aufgebracht.

300.000 Euro für hauptamtliche Stellen

Charlier rechnet mit einer Umsetzung der Neugliederung noch in diesem Jahr. Der Betrieb für rund 50 000 bis 60 000 Euro jährlich müsse bisher allein aus den Einnahmen finanziert werden – was schon angesichts des Gebäudeunterhalts ambitioniert sei. 2019 kamen 4369 Besucher, 173 mehr als im Vorjahr, aber immer noch zu wenig. Und das, obwohl die Mitarbeit – 2019 war an 1920 Stunden geöffnet, es gab 108 Führungen und Veranstaltungen – komplett ehrenamtlich ist. Charlier: „Aber wenn im Winter das Dach undicht wird, kann man nicht sagen: Im Frühjahr regnet es schon nicht. Dann muss der Dachdecker ran.“

Charlier und die Vorstandskollegen Wolfgang von Keitz, Georg Walenciak und Sigrid Wesely, die das Jahresprogramm vorstellten, treibt die Frage um, wie das Forum etwa Fördergelder generieren kann. Richten soll es ein hauptamtlicher Geschäftsführer – und für diesen und eineinhalb weitere Stellen kommt das Geld vom Bund. Charlier: „Die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung hat diesen Beschluss als Auftrag interpretiert, das Forum in die Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung zu integrieren.“

Wie das geschehen soll, wird Thema einer Sondersitzung des Kuratoriums der BWBS im ersten Quartal 2020. Der Vorstand des WBF habe „seine Vorstellungen für einen Zusammenschluss in einem Schreiben an den Vorsitzenden der BWBS artikuliert. In dem jetzt einsetzenden Umsetzungsprozess des Bundestagsbeschlusses wird das WBF bestrebt sein, seine Mitspracherechte zu verbriefen“, so der Vorstand. Vorstellbar seien verschiedene Konstruktionen, „bis hin zur kompletten Fusion“, so Charlier. Wünschenswert aus Unkeler Sicht wäre aber ein Gleichklang mit Berlin und Lübeck und somit ein Modell ähnlich dem des Willy-Brandt-Hauses in Lübeck, das einen Sitz im BWBS-Kuratorium hat. Man wolle eben weiter mitgestalten, was die Bürgerstiftung mit enormem Engagement aufgebaut habe.

Forum kann einiges in die Waagschale werfen

Klar sei aber auch: Die „Dienstherreneigenschaft“ für die Stellen im WBF werden „in den Händen der BWBS liegen“. Für das Mitspracherecht habe man beste Argumente, sind sich die Vertreter des Forums sicher. „Wir bringen einiges mit“, so Charlier. Etwa das eigene Gebäude sowie eine Ausstellung mit vielen Unikaten wie die Möbel aus Brandts Arbeitszimmer, ein hoch motiviertes Team aus 26 Mitgliedern plus Vorstand und hochkarätige Veranstaltungen. Von Keitz: „Das Forum genießt einen hervorragenden Ruf. Ich bin sicher, das alles wird auch in Berlin gesehen.“ Gerne sähe man auch, wenn das WBF über die Personalmittel hinaus Sachmittel bekäme.

Für Qualität bürgt das Team auch in diesem Jahr. Los geht das Programm am Freitag, 13. März, mit einer Lesung von Brigitte Glaser. Ihr Buch „Rheinblick“ behandelt das Bonner Polittheater des Jahres 1972, fiktional, aber fußend auf einer „sehr guten Recherche“ (Charlier).

Am Sonntag, 10. Mai, ist Allessandro Bellardita zu Gast mit seinem Vortrag „Mehr Demokratie wagen: Ein Prinzip im Spannungsverhältnis zwischen Populismus, Pluralismus und Integration“. Bellardita, Richter und Dozent mit italienischen Wurzeln, geht auch auf die Frage ein, welche Bedeutung das erste Anwerbungsabkommen zwischen Deutschland und Italien für die europäische Integration hatte.

Am Sonntag, 17. Mai, öffnet das WBF zum internationalen Museumstag. Am Freitag, 5. Juni, wird die Ausstellung „Helmut Schmidt. Hanseat – Staatsmann – Weltenbürger“ eröffnet. Zur Eröffnung spricht Ministerpräsident und Bundesminister a.D. Peer Steinbrück; die Ausstellung wird bis Mitte August zu sehen sein. Im Sommer wird die Reihe „40 Jahre Nord-Süd-Bericht“ fortgesetzt, gefolgt im September von einem Zwiegespräch zwischen Monika Wulf-Mathies, die ihre berufliche Karriere als Redenschreiberin von Willy Brandt begann und schließlich erste Frau an der Spitze einer Gewerkschaft wurde, und Sabine Köppe.

Kniefall von Warschau Thema für Künstlerwettbewerb

Die in der ehemaligen DDR aufgewachsene Köppe, früher Mitglied des dortigen Olympiakaders, ist Managerin bei der Ardagh Group. Ihr Gesprächsthema: „70 Jahre Gleichberechtigung“. Höhepunkt des Veranstaltungsjahrs, das im Oktober noch durch eine Ausstellung zu Willy-Brandt-Gedenkmünzen abgerundet wird, ist der Jahrestag des Kniefalls von Warschau im Dezember. Die Planungen laufen; noch ist offen, wer den Hauptvortrag halten wird. Gedacht ist laut Charlier dezidiert an eine polnische Beteiligung. Zudem wird das Forum einen internationalen Künstlerwettbewerb ausschreiben zu Brandts großer Geste der Humanität.