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Mordprozess um Hannahs Tod - Angeklagter gesteht grausame Tat

Mordprozess um Hannahs Tod - Angeklagter gesteht grausame Tat

Der mutmaßliche Mörder wiederholt vor dem Bonner Schwurgericht sein Geständnis - 25-Jähriger widerspricht jedoch seiner Aussage bei der Polizei, dass ein Film ihm als Vorbild für seine Tat gedient habe

Bonn. Im Publikum ist leises Schluchzen zu hören, als Staatsanwalt Michael Hermesmann die Einzelheiten der Tat verliest, die vor drei Monaten die Menschen in der gesamten Region erschütterte und immer noch fassungslos macht.

Der Mann, der sie beging, sitzt mit gesenktem Kopf in Anzug und Krawatte, geschützt von Panzerglasscheiben vor dem Bonner Schwurgericht, als ihm der Staatsanwalt Freiheitsberaubung, besonders schwere Vergewaltigung und Mord an der 14-jährigen Hannah aus Oberdollendorf vorwirft.

In Handschellen ist der 25-jährige Zdenek H. von Wachtmeistern in den Saal geführt worden - im Blitzlichtgewitter der Fotografen. Mit der Erlaubnis zur Ablichtung des Angeklagten beugte sich das Gericht der Drohung einiger Medien, notfalls vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, das in vergleichbaren Fällen stets zugunsten der Pressefreiheit entschied.

Dass sein Mandant fotografiert wird, moniert Verteidiger Uwe Krechel nicht. Wohl aber, dass das Gericht glaube, den Angeklagten vor möglichen Angriffen durch einen Käfig schützen zu müssen. "Damit setzt man die Zuschauer ins Unrecht", meint er, und: "Das macht den Eindruck, als würde man von ihnen etwas erwarten, was man von ihnen nicht erwarten darf." Aus dem Zuschauerraum kommt verhaltener Beifall. Tatsächlich lässt das Gericht später die vom Publikum abgewandten Glaswände entfernen.

Der Zuschauerraum ist voll an diesem Tag, die Menschen wollen den Mann sehen, der diese Tat beging. Sie erleben einen Angeklagten, der aussieht wie ein ganz normaler junger Mann. Mit leiser Stimme, so leise, dass Kammervorsitzender Udo Buhren ihn immer wieder auffordern muss, lauter zu reden, schildert er die Tat in allen Details, beantwortet emotionslos alle Fragen nach dem Wie - aber nicht nach dem Warum.

Und macht über sein Leben Angaben, die im Widerspruch stehen zu denen seines Lebensgefährten aus Oberdollendorf, mit dem er seit seiner Verhaftung keinen Kontakt mehr hat. Der 53-Jährige soll am Mittwoch als Zeuge gehört werden. Glaubt man Zdenek H., so verließ er 2000 sein Heimatdorf in Tschechien, weil er dort etwas gestohlen hatte.

Erst auf Nachfrage gibt er zu, dass auch seine homosexuelle Neigung ein Grund war. Aber er bestreitet vehement, in Prag als Stricher gearbeitet zu haben, wie sein Freund sagt. 2004 sei er zu dem Freund gezogen, sagt er. Der sei seit Anfang 2007 krank, zu krank für sexuelle Aktivitäten. Seit Anfang 2007 habe er selbst als Fahrzeugreiniger gearbeitet, auf dem Autohof an der Oberkasseler Straße die Busse gesäubert - und Zugriff auf die Schlüssel gehabt.

Sexuellen Kontakt zu einer Frau habe er nie gehabt. Aber am Abend des 29. August haben wollen. "Plötzlich kam die Idee in meinen Kopf, ein Mädchen zu wollen", sagt er. Was er mit dem Mädchen gewollt habe, wird er gefragt. "Vergewaltigen", sagt er. Und: "Ich wollte es mit einer Frau probieren." Warum denn dann vergewaltigen, wird er gefragt. Er zuckt mit den Schultern: "Weiß nicht."

Bei der Polizei hatte er erklärt, ein Film über die Entführung und Vergewaltigung eines Kindes habe ihn gefesselt, er habe das "auch haben wollen". Das bestreitet er nun und behauptet, aus einem anderen Grund an den Film gedacht zu haben: "Das Kind in dem Film tat mir leid." Mitleid mit Hannah hatte er nicht. Nicht, als er sie auf dem Weg von der Haltestelle packte, obwohl er merkte: "Sie hatte Angst, als sie mich sah."

Er folgte seinem Plan, wie er nun ruhig schildert. Er hielt Hannah das Messer an den Hals, bedrohte sie mit dem Tod, warf sie zu Boden und ließ sie auch nicht los, als sie bat: "Lass mich laufen, meine Mutter wartet." Er fesselte und knebelte sie, führte sie in ein Gartenhäuschen auf dem Gelände neben dem Autohaus, und als es dort ruhig war, brachte er sie in einen Bus. Dort wartete er, bis niemand mehr da war, vergewaltigte Hannah, nachdem er ihr sein Sweatshirt aufs Gesicht gelegt hatte: "Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen."

Warum, will Anwältin Gudrun Roth, die Vertreterin von Hannahs Familie, wissen. Er schweigt, dann weiß er: "Aus Scham." Danach habe er schweigend neben Hannah gesessen. Ob er sie nicht noch einmal vergewaltigt habe in den eineinhalb Stunden, die er anschließend mit ihr in dem Bus verbracht habe, wird er gefragt. "Es war nicht so toll", sagt er, und: "Ich wollte es einmal, das war`s."

Dann habe er überlegt, sie zu töten, und dann wieder, sie laufen zu lassen. Nach Mitternacht, als der letzte Bus auf dem Hof war und alle Fahrer gegangen waren, brachte er Hannah nach draußen. Dort habe sie sich zu ihm umgedreht, ihn angesehen, und er habe zugestochen, so lange, bis sie tot war.

Ob er nicht an die Qual des Mädchens, an das Leid ihrer Familie gedacht habe. "Doch", sagt er, "aber erst danach." Da hätten ihn die Bilder von Hannah und dem Blut verfolgt, ihm sei tagelang schlecht gewesen. So, wie er immer wieder Hannahs Namen nennt, klingt es, als habe er sie gekannt. Dabei erfuhr er ihren Namen erst nach der Tat und beteuert, es hätte jede sein können an diesem Abend.

Warum er es tat? Er weiß es nicht. Getötet habe er sie, weil er Angst hatte, sie könnte ihn verraten. Was er getan hat, wird durch das Gutachten von Gerichtsmediziner Professor Burkhard Madea erschreckend deutlich. Bei dessen Auflistung der Verletzungen verlassen immer mehr, vor allem junge Zuhörer den Saal. Hannahs Familie, die als Nebenkläger fungiert, nimmt nicht an dem Prozess teil. Sie hat für die Zeit des Prozesses die Gegend verlassen. Hannahs Vater aber wird am Mittwoch in den Zeugenstand treten.