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Nach dem Sieg setzt beim HFV der Boom ein

Nach dem Sieg setzt beim HFV der Boom ein

Bad Honnefer erinnern sich an das große WM-Finale 1954 - Auf dem Asphalt wird den Helden nachgeeifert - 1962 kommen die Weltmeister mit Fritz Walter nach Honnef

Bad Honnef. "Der rechte Läufer der Ungarn hat den Ball, verloren diesmal an Schäfer, Schäfer nach innen geflankt, Kopfball abgewehrt. Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt. Tooor, Tooor, Toooooor, Toooooooor!!!!" Und sechs Minuten später: "Das Spiel ist aus, aus, aus-.! Deutschland ist Fußball-Weltmeister!"

Während der Rundfunkmoderator Herbert Zimmermann den 3:2-Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Ungarn in legendärer Weise ins Mikrofon jubelte, begann für einen Knirps in Bad Honnef das Match erst so richtig.

Gerade hatte er noch mit Eltern und Geschwistern am Volksempfänger geklebt, da stürmte Heinz-Willi Faßbender auch schon auf die Straße Im Gier. Dort hatten die Jungs ihren Fußballplatz.

Auf Asphalt eiferten sie damals ihren Helden von Bern nach. "Ich wollte Fritz Walter sein", erinnert sich Faßbender an diesen 4. Juli des Jahres 1954. Später trug er, längst im grün-weißen Trikot des Honnefer Fußballclubs, die Rückennummer 10. So wie Fritz Walter, der Kapitän der Weltmeister-Elf.

"Wir hatten keinen Lederball", lacht Heinz-Willi Faßbender heute, "als Torbegrenzung dienten Grasbüschel vom Bürgersteig." Während der Siebenjährige mit seinen Kumpels um den Ball holzte, nahm in der Schweiz Gisela Holtkott die Huldigungen einer Gruppe von etwa 15 Engländern entgegen. Die Touristen waren zu ihr in die Hotelhalle getreten, wo sie am Radio die Endspielübertragung aus dem Berner Wankdorf-Stadion zwischen Ungarn und Deutschland verfolgte.

Die heutige Bewohnerin der Parkresidenz: "Ich habe denen übersetzt, was der Radioreporter sagte. Als das Ergebnis feststand, hat mir jeder einzelne die Hand gegeben und sich verbeugt. Das war beeindruckend. Ich bin viel gereist und habe es häufig erlebt, dass uns Deutschen vor die Füße gespuckt wurde. Wer wollte es denen auch verdenken, nach all dem, was geschehen war? Das war für mich das eigentliche Wunder von Bern."

Gisela Holtkott war nicht etwa als Schlachtenbummlerin in Sachen Fußball unterwegs. Dass sie sich in der Schweiz aufhielt, hatte andere Gründe. Die Berlinerin erholte sich im Seehotel "Hirschen" ihrer Schwiegermutter von einer Krankheit.

Das Haus befand sich in Gunten am Thuner See, direkt gegenüber von Spiez, an der anderen Uferseite gelegen. Die damals 36-Jährige war täglich mit dem Schiff unterwegs. Vom Dampfer aus konnte sie Sepp Herberger und die deutschen Fußballer beim Training beobachten.

Jetzt, fünfzig Jahre später, holten die Ereignisse von damals die Seniorin wieder ein. Im Film "Das Wunder von Bern" ist nämlich der "Hirschen" zu sehen. Die edle Herberge diente dem Regisseur des Streifens als Kulisse für den Kino-Hit über die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. "Das Belvédère eignete sich nicht, denn es liegt am Berg hoch über dem Ufer", berichtet Gisela Holtkott.

Mit ihrem Neffen ging sie ins Kino. "Ein schöner Film mit einer netten Rahmenhandlung." Das Hotel, das sich noch immer im Familienbesitz befindet, war natürlich für sie besonders interessant. Übrigens, die Schwiegermutter Gisela Holtkotts lebte später in Rhöndorf.

Auch Fritz Jass hockte vor dem Radio. "Ich saß im Kreis der Freunde vom HFV im Lindenhof. Das war ein einmaliges Erlebnis", berichtet der einstige, langjährige Vorsitzende des Honnefer Fußballvereins. "Alfons Gilgen war damals mit dabei, Peter Lemmerz. Wir haben auf den Sieg angestoßen."

Die Folge: Beim HFV setzte ein Boom ein. Sehr viele Jugendliche kamen, wollten so werden wie Fritz Walter, Helmut Rahn und all die anderen der Elf, die den Deutschen wieder Selbstvertrauen und Anerkennung neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschaffte. Auch der kleine Faßbender stieß, endlich das Eintrittsalter von zehn erreicht, am 11.11.1957 zum HFV.

"Ich habe noch meinen alten Spielerpass", zeigt Fassbender stolz das Dokument, das ihm "45 aktive, wunderschöne Jahre beim HFV" bescherte. Er wollte nie den Verein wechseln. Da hatte Fritz Walter quasi die Vorlage geliefert.

Der Kapitän der Weltmeistermannschaft ist auch für Fritz Jass "der größte Fußballer": "Damals haben sich die Spieler stärker verbunden gefühlt mit ihren Vereinen, sie waren stolz, für Deutschland spielen zu dürfen." Peter Lemmerz aus der "Hörergemeinschaft" im "Lindenhof" hatte den HFV 1919 mitgegründet.

Sein Sohn Willi spielte aktiv. Und natürlich interessierte dieser sich für die Weltmeisterschaft 54. "Aber zunächst war sie ein Randereignis. Den Deutschen wurde ja keine Chance eingeräumt. Die Wunderelf Ungarn, die England mit 6:3 besiegt hatte, galt als Favorit. Aber als die Deutschen im Verlauf des Turniers immer weiter gewannen, setzte die Begeisterung ein", erzählt der mittlerweile 85-Jährige.

"Vor dem Elektrogeschäft Kliesing in Honnef versammelte sich eine Menschentraube. Ein Fernseher stand im Schaufenster." Der Begeisterungssturm beim 3:2 gegen Ungarn indes ereilte Lemmerz in Kripp. Auch dort wurde geschossen - allerdings nicht aufs Tor, sondern auf den Königsvogel. Willi Lemmerz besuchte mit den Sebastianus-Schützen Honnef das dortige Schützenfest.

"Auf dem Festplatz war ein Fernseher aufgebaut. Wir waren zu bang, aufs Klo zu gehen während der Übertragung, hatten Angst, etwas zu verpassen. Das war Gänsehaut-Fußball", schmunzelt Lemmerz. "Nach dem großen Sieg haben wir gut gefeiert." Und auch er beschwört den Geist von Bern, den Zusammenhalt.

"Die spielten damals noch mit Herz", sagt Lemmerz, "pflegten gute Kameradschaft, wie auch wir im Verein." Heinz-Willi Faßbender fügt an: "Wenn ich heutzutage die Spieler bei der Nationalhymne Kaugummi kauend sehe, schaue ich weg. Die Mannschaftsaufstellung von 1954 kann ich herunterbeten. Die von anderen Weltmeisterschaften bekomme ich nur zur Hälfte zusammen." Und: "Das Buch von Fritz Walter, das 1954 nach der Weltmeisterschaft erschien, habe ich mehrfach gelesen. Es hat mich geprägt."

Faßbender hat sein Idol kennengelernt. 1962 war es. Da trat Fritz Walter mit Toni Turek, Horst Eckel, Werner Liebrich und Ottmar Walter in einer Prominentenmannschaft gegen die Alten Herren des HFV auf dem Sportplatz an der Schmelztalstraße an. "Das werde ich nie vergessen", ist Fassbender überzeugt. Genauso wenig wie den 4. Juli 1954.