Niemand kennt die wirkliche Gefahr im Boden

Gutachter hat in der Wahner Heide 54 Flächen, Gebäude und Anlagen mit "hohem Kontaminationsrisiko" ausgemacht - 186 Jahre Militärnutzung haben ihre Spuren hinterlassen

  Etliche Altlasten  verbergen sich im Boden des Truppenübungsplatzes Wahner Heid

Etliche Altlasten verbergen sich im Boden des Truppenübungsplatzes Wahner Heid

Foto: Elsen

Troisdorf. Das Militär hat in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich dazu beigetragen, dass die Wahner Heide als Naturgebiet so erhalten geblieben ist, wie wir sie heute kennen. Diese Meinung ist weit verbreitet, wird von Politikern wie Umweltschützern gleichermaßen vertreten.

Preußisches Heer, kaiserliche Truppen, Reichswehr, Wehrmacht, französische, britische und kanadische Besatzer und zuletzt die belgischen NATO-Truppen: Sie alle haben die Wahner Heide seit 1817 als Schießplatz und Truppenübungsgelände genutzt - aber auch ein nicht ungefährliches Erbe hinterlassen: In der Heide und den Kasernen in Altenrath und Spich gibt es hunderte von Altlasten. Selbst wenn sich die meisten als harmlos erweisen sollten - derzeit weiß niemand wirklich, welche Gifte, Chemikalien, Munitionsreste oder Sprengstoffe sich unter dem Heideboden verbergen.

Das geht auch aus dem Gutachten "Historische Erkundung des Truppenübungsplatzes Wahner Heide" hervor, das am MIttwoch im Umweltausschuss des Kreises vorgestellt wurde. Im Auftrag der Kreise Rhein-Sieg, Rhein-Berg und der Stadt Köln hat der Altlasten-Sachverständige Harald Mark mit seinem Team vom Dortmunder Gutachterbüro MSP die Heide unter die Lupe genommen.

Anhand von alten Dokumenten, einschlägigen Akten und Plänen, historischen Landkarten und Luftbildern sowie durch zahlreiche Gespräche und Ortsbesichtigungen sammelten die Gutachter in den vergangenen Monaten etliche Informationen über mögliche Altlasten. Allein 207 Luftbilder aus den Jahren 1928 bis 1998 sichteten die Experten. Insgesamt listet der Bericht 941 verdächtige Flächen und Objekte auf.

Bei immerhin 54 Arealen attestieren die Gutachter ein "hohes" und bei 103 Flächen ein "mittleres Kontaminationsrisiko". Was sich dort im Boden verbirgt und welche konkreten Gefahren für Mensch und Umwelt von diesem Altlasten ausgehen, ist nach wie vor unbekannt.

Das bestätigt auch Helmut Hoffmann, Leiter des Amtes für Gewässerschutz und Abfallwirtschaft beim Kreis und damit auch für Altlasten zuständig. Das Gutachten sei gewissermaßen eine Bestandsaufnahme: "Wir haben hier eine orientierende Untersuchung, die nichts über tatsächliche Gefährdungen aussagt." Dass in bestimmten Gebieten der Wahner Heide im Boden etwas nicht in Ordnung ist, wissen Behörden und Politiker indes längst. So berichtete Kreis-Umweltdezernent Michael Jaeger bereits vor einem Jahr, dass es rund um die Kaserne Altenrath "eine deutliche Grundwasserkontamination" gibt, "die auch noch in größerer Entfernung feststellbar ist".

Die Palette möglicher und tatsächlicher Altlasten reicht von ehemaligen Sprengplätzen, Munitionslagern und Müllhalden über Werkstätten, Tanklager und Panzerwaschanlagen bis hin zu Arealen, in denen nach den beiden Weltkriegen Waffen und Munition einfach im Boden verschwanden. So wurden 1918 oder 1919 auf dem Gelände der ehemaligen Dynamit-Fabrik zwischen Lind und Spich größere Mengen des Giftgases "Blaukreuz" vergraben.

Und dann gab es östlich der Kaserne Spich - in der Nähe des Eisenweges - noch die amerikanischen Atombunker, in denen bis in die sechziger Jahre atomare Sprengköpfe gelagert worden sein sollen. Der ehemalige Soldat Clemens Bruch (CDU) wunderte sich am Mittwoch im Umweltausschuss, dass die nicht in dem Altlasten-Bericht auftauchten: "Die Bunker sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen."

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort