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"Rau war genauso betroffen wie ich"

"Rau war genauso betroffen wie ich"

Der langjährige Landrat des Rhein-Sieg-Kreises und ehemalige Bundestagsabgeordnete Franz Möller zum Umzugsbeschluss und zum Verhältnis zwischen Bonn und dem Kreis

Bonn. In losen Abständen interviewt der ehemalige Kölner Regierungspräsident (1978 bis 1999) Franz-Josef Antwerpes für den General-Anzeiger Prominente, die auch im Ruhestand nicht tatenlos bleiben. Sein heutiger Gesprächspartner ist der langjährige Landrat des Rhein-Sieg-Kreises und ehemalige Bundestagsabgeordnete Franz Möller (CDU).

Antwerpes: Sie waren 25 Jahre Landrat des Rhein-Sieg-Kreises. Wie haben Sie das ausgehalten?

Franz Möller: Das frage ich mich auch - vor allem in einer sehr schwierigen Zeit für die Region Bonn/Rhein-Sieg. Ich bin zwar ganz gut vom Herrgott mit Nerven ausgestattet, aber genau weiß ich das nicht.

Antwerpes: Man hat Sie anschließend zum Ehrenlandrat ernannt. Die Landesregierung wäre nie auf den Gedanken gekommen, mich zum Ehrenregierungspräsidenten zu ernennen, obwohl ich auch fast 22 Jahre dieses Amt innehatte. Was macht ein Ehrenlandrat?

Möller: Überhaupt nichts. Man hat wohl daran gedacht, meine Erfahrungen zu nutzen, zumal die Entscheidung für Berlin die Region vor große Strukturprobleme stellte.

Antwerpes: Sie waren 18 Jahre lang im Bundestag. Wann haben Sie sich entschieden, ins Parlament zu gehen?

Möller: 1970 kam ich in den Kreistag. 1974 schied der damalige Landrat aus Krankheitsgründen aus. Ich wurde sein Nachfolger und schließlich hat die Kreis-CDU mich zum Bundestagskandidaten gewählt. Die versprachen sich von einem bekannten Kommunalpolitiker bessere Chancen.

Antwerpes: Werden heute die Interessen der Kommunen im Bundestag vernachlässigt? Hat man nicht den Eindruck, die Abgeordneten hätten - soweit sie eine haben - ihre Vergangenheit in den Stadt- und Gemeinderäten vergessen?

Möller: Da kann ich Ihnen nicht widersprechen. Ich glaube, dass unter dieser - aber auch der vorigen - Regierung die kommunale Ebene völlig vernachlässigt wird. Die da oben reden zwar immer von der Gemeinde als Keimzelle der Demokratie, aber wenn es ums Geld geht, zum Beispiel um die Gewerbesteuer, dann sind die Gemeinden die letzten, die die Hunde beißen. Wenn es den Gemeinden und den Städten schlecht geht, dann ist die Politik schlecht. Eine Rückbesinnung ist erforderlich.

Antwerpes: Sie haben ein Buch über die Bonn/Berlin-Entscheidung geschrieben. Was gab Ihrer Meinung nach den Ausschlag für Berlin?

Möller: Ich habe in meinem Buch einige Thesen aufgestellt. Die eine war, dass der Bundestag in Bonn viele Jahre immer wieder betont hat, Berlin bleibt unsere Hauptstadt. Dabei ist immer von Glaubwürdigkeit die Rede gewesen. In der Diskussion ist dieses Wort auch 69 Mal gefallen. Die zweite ist, dass Leute wie Richard von Weizsäcker im Vorfeld schon viele Weichen stellten. Ich war Vertreter des Bonn-Antrags aus der CDU. Den haben sogar acht Mitglieder unterzeichnet, die später für Berlin stimmten.

Antwerpes: Ich habe einen Tag nach der Entscheidung ein Interview gegeben und gesagt, die Entscheidung müsse man bei klarem Verstand rückgängig machen. Darauf habe ich einen Anruf der Staatskanzlei bekommen, ich solle solche Äußerungen unterlassen. Von da an war ich der festen Überzeugung, Johannes Rau ist für Berlin. Glauben Sie das auch?

Möller: Das glaube ich nicht. Ich bin am Abend nach der Entscheidung in der NRW-Landesvertretung gewesen und habe Rau getroffen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er Berlin präferierte. Er war genauso betroffen wie ich.

Antwerpes: Steht zu befürchten, dass weitere Ministerien und Verwaltungen nach Berlin abwandern?

Möller: Ich glaube, dass die Regierungen Kohl und Schröder bisher Wort gehalten haben und sich an die Beschlüsse halten, mal abgesehen von Einzeläußerungen wie die von den Herren Trittin und Struck, die mehr Mitarbeiter nach Berlin haben möchten. An eine Änderung des Bonn/Berlin-Gesetzes in dieser Legislaturperiode glaube ich nicht. Wichtig ist, dass die Ersatzdienststellen, die nach Bonn kommen sollten, inzwischen alle gut etabliert sind.

Antwerpes: Wie beurteilen Sie den Status der Region Bonn/Rhein-Sieg heute?

Möller: Wir haben den Strukturwandel in der Industrie aber auch die Abwanderung nach Berlin gut verkraftet. Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass Post und Telekom in Bonn blieben.

Antwerpes: Die Beziehungen zwischen den Spitzen von Bonn und dem Kreis sind nicht die besten. Liegt das an Personen oder ganz einfach an der Konkurrenz?

Möller: Es liegt an beiden, aber es liegt auch daran, dass die Region in einer schwierigen Phase zusammengehalten hat, und dass man jetzt glaubt, man könne ein bisschen kürzer treten. Außerdem kann eine gewisse Konkurrenz zwischen Frau Dieckmann und Herrn Kühn nicht schaden.

Antwerpes: Wie verbringen Sie die Woche, wenn keine offiziellen Termine stattfinden?

Möller: Ich bin jetzt zu Hause bei meiner Frau im schönen Bad Honnef. Ich schreibe Bücher und wissenschaftliche Artikel und halte Vorträge. Mein nächstes Buch beschäftigt sich mit dem Rhein-Sieg-Kreis.