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Ahr-Flutopfer finden in Bad Honnef eine Unterkunft im Seminaris-Hotel

Unterkunft im Seminaris-Hotel : Hilfe für Ahr-Flutopfer in Bad Honnef

Die Opfer der Katastrophe aus Dernau haben vorübergehend im Bad Honnefer Seminaris-Hotel eine Bleibe gefunden. Für viele bleibt die Zukunft aber noch Ungewiss.

Rainer und Marion Wagner reisen gerne. Dass sie jedoch eines Tages in einem Hotel obdachlos Zuflucht finden würden, hätten sie sich nicht träumen lassen. Bei der Flutkatastrophe an der Ahr haben sie fast alles verloren, auch ihre Wohnung. Das Hotel Seminaris in Bad Honnef hat die beiden aufgenommen, gibt ihnen ein Dach über dem Kopf. Und Mitgefühl.

„Die Leute hier sind voller Empathie, wir werden toll umsorgt. Wir haben Frühstück und Abendessen, alles frei. Diese Mitmenschlichkeit rührt uns sehr. Wir sind demütig geworden, wir sind alle noch am Leben“, sagt Marion Wagner. Ihr Mann ergänzt: „Mein Bild über Deutschland habe ich seit der Kata-
strophe revidiert. Aus ganz Deutschland kommen Helfer. Da ist sehr viel Privatinitiative dabei.“

Das Haus muss erstmal trocknen

Am Freitag waren sie in dem Backsteinhaus, in dem sie die erste Etage gemietet hatten, 30 Meter von der Ahr entfernt, hinter der Bahn und in zweiter Häuserreihe. Das Wasser stand in ihren Räumen. Nur, bis zur Galerie, da, wo Marion Wagner und ihre 93 Jahre alte Schwiegermutter ausharrten, kletterte es in dieser grausamen Nacht glücklicherweise nicht. Sachen, die sich in diesem oberen Bereich befanden, haben die Wagners mittlerweile zusammengepackt. Kleidungsstücke und ein Sofa blieben, auf dem die beiden Frauen hockten, während draußen das Wasser rauschte und wütete. Alles andere musste auf den Sperrmüll-Lastwagen. Wann sie ihre geretteten Habseligkeiten abholen und wohin sie die bringen können, wissen die Eheleute noch nicht.

„Das Haus muss trocknen, die Böden werden entfernt. Wir suchen eine neue Wohnung, hier in Bad Honnef, in Königswinter, Sankt Augustin, Siegburg oder Troisdorf. Wir möchten etwas finden, wo wir den Rest unseres Lebens bleiben können“, so der 70-Jährige, der noch an drei Tagen in der Woche auf dem Autohof Eifelhof in Köln arbeitet. Auch an dem Flutabend. Er war auf der Heimfahrt, als ihn seine Frau telefonisch warnte: „Du kannst nicht nach Hause kommen, wir sind vom Wasser umschlossen.“

Draußen war alles dunkel. „Wir waren ganz allein“, erinnert sich Marion Wagner an diese fürchterlichen Stunden. „Wir hatten einen Film gesehen, der war um 21.45 Uhr zu Ende, plötzlich fiel der Strom aus. Ich habe eine Kerze angezündet, eine Taschenlampe gesucht. Gewarnt worden sind wir nicht. Die Feuerwehr hatte am späten Nachmittag Sandsäcke ausgelegt.“ Das half bekanntlich nichts. „Draußen wurden Autos weggeschwemmt. Das Wasser stieg, ich schaute immer wieder nach dem Wasserstand im Haus und legte Handtücher vor die Tür. Sinnlos. Innerhalb weniger Minuten stand das Wasser 30 bis 40 Zentimeter in unserer Wohnung.“

Auf Schleichwegen nach Dernau

Die Schwiegermutter, sie kaufte in Dernau ein, jeder kannte sie, obwohl die Wagners erst vor sieben Jahren aus Ahrweiler hergezogen waren, war stets eine starke Frau. „Aber jetzt hatte sie Panik, Angst vorm Ertrinken“, so Marion. Kurz vor Mitternacht sprach sie noch einmal mit ihrem Mann, dann brach das Netz zusammen. Rainer Wagner irrlichterte umher, auf Schleichwegen fand er mit Hilfe einer ortskundigen Autofahrerin nach Dernau, in ein etwas höher liegendes Neubaugebiet. „Das ganze Dorf war auf den Beinen. Wer noch rausgekommen war, war hier oben. Morgens halb sechs konnte ich mich endlich orientieren, ich war nur 100 Meter hinter unserem Haus, wollte los, aber ein Feuerwehrmann hielt mich wegen der Strömung zurück. Die Feuerwehr fing an, nach Menschen zu suchen.“

Marion Wagner lächelt einen Augenblick bei den Erinnerungen: „Meine Schwiegermutter ging durch den Schlamm auf den Balkon, um die Pflanzen aufzurichten.“ Dabei wurde sie von einem Feuerwehrmann entdeckt. Rainer Wagner erklärt: „Die Dimension dieser Katastrophe für das ganze Ahrtal war uns an diesem Morgen noch nicht klar. Totenstille herrschte im Dorf.“ Auf einen kleinen Platz brachten nicht betroffene Bewohner Brot, Obst, Wasser. „Ab Freitag bekamen wir Mineralwasser. Und private Helfer von der Mosel versorgten uns mit Bratkartoffeln und Müllsäcken – diese vielen Helfer, das war die größte Hilfe.“

Am zweiten Tag nach der Flut gelang es, die Seniorin aus dem Chaos hinauszubringen, erst zu einer Verwandten, mittlerweile ist Rainers Mutter in ihrem Heimatort im Westerwald, in einer Senioren-Wohngemeinschaft. „Das Erlebte hat ihr arg zugesetzt.“ Geschlafen haben die Wagners die ersten Tage nach der Flut in ihren feuchten Betten. Am Samstag vor einer Woche noch einmal Entsetzen. „Es gab Alarm, alle Bewohner und Helfer sollten in Höhenlagen, weil die Talsperre zu brechen drohe. Vermutlich handelte es sich um eine Verwechslung, weil es bei uns in der Nähe Steinbergsmühle gibt. Wir sind die steilen Weinberge hoch. Nach 45 Minuten die Entwarnung. Aber dann wurden wir erneut hochgeschickt“, berichtet Rainer Wagner. Seine Frau: „Ich habe gesagt, lieber würde ich ertrinken als noch einmal da hoch zu gehen. Nur gut, dass wir Oma nicht mehr im Schlepptau hatten.“

Auch die alte Dame muss sich daran gewöhnen, dass sie wie Sohn und Schwiegertochter die meisten ihrer Sachen verloren hat. Die Bettwäsche, Leibwäsche, die Möbel, die Waschmaschine – alles unbrauchbar. Der Fernseher, das Geschirr blieb den Wagners. Die Alben mit den fotografischen Zeugnissen des Lebens steckten im Schlamm. Eine Tochter haben sie, Joana, die in Heimersheim wohnt. „Die wäscht für uns und sorgt vor allem für ihren Schwager, ein Feuerwehrmann, dem nur noch die Uniform blieb.“ Der Sohn aus Frankfurt brachte einen Ersatz-Laptop. Die Kinderbilder – auch alle weg.

Rainer Wagner, Großhandelskaufmann und Hotelfachmann, hatte mit seiner Frau 20 Jahre eine Bundeswehrkantine geführt und sich einen Lebenstraum erfüllt, als er 1999 in Ahrweiler das Szenelokal „Boths“ eröffnete, das er bis zum Ruhestand 2009 hatte. Seine Sammlung mit 10 000 Langspielplatten lagerte auf der Empore. Gerettet! Nur eine wertvolle Platte hatte er Tage zuvor mit nach unten genommen. Die ist nun total verschlammt.

Aber die Wagners trauern dem nicht nach. Marion: „19 Leute aus Dernau sind umgekommen. Meine Physiotherapeutin in Rech ist mitsamt ihrem Haus weg. Was ist mit Leuten zwei Häuser weiter, die wir nicht mehr gesehen haben? In Dernau gehen Existenzen verloren – alles ist zerstört.“ Das Hotel Appel in Rech, in dem die Hotelfachfrau bis zuletzt gearbeitet hat, steht auf einem Berg, aber die Straße dahin ist kaputt. „Aber alle leben.“

Erste Dusche bei einer Freundin in Bonn

Bei einer Freundin in Bonn konnten die Eheleute zunächst unterkommen. „Da habe ich zum ersten Mal wieder duschen können.“ Durch Vermittlung gelangten die Wagners zwei Tage später ins Seminaris (siehe Kasten). „Alle sind unglaublich lieb. Jeden Morgen werde ich umarmt, der Hausmeister, die Köche und Kellner, alle fragen, wie es uns geht. Alle fühlen mit“, sagt Marion Wagner.

„Wir haben alles erledigt, jetzt müssen wir abwarten. Von der Soforthilfe haben wir noch nichts gehört.“ Der Neubeginn stellt eine enorme finanzielle Belastung dar. Den Urlaub haben die beiden abgesagt. „Das wird unsere neue Waschmaschine.“ Rainers Kollegen sammelten. Auch der Chef zeigte sich großzügig. Dem Hotel Seminaris sind die Wagners unglaublich dankbar. Und letzten Samstag holte Marion in Bad Honnef einen Termin nach, der eigentlich für den Samstag nach der Flut in Dernau gebucht war – einen Friseurbesuch.