"150 Jahre Stadtrechte Bad Honnef" Aegidienberg bietet Platz für Baugebiete und Gewerbe

AEGIDIENBERG · Der Blick ist überwältigend. Selbst an diesem Tag, an dem winterlicher Dunst über Aegidienberg liegt, strahlt die Aussicht auf das Siebengebirge aus Bernhard Fiebigs Fenster Erhabenheit und Ruhe aus. "Mir fehlt nur der Kölner Dom. Den sieht man von etwas weiter oben", sagt der Vorsitzende des Bürgervereins. Aegidienberg und seine besondere Lage.

 Der Blick von Himberg aus auf das Neubaugebiet Rottbitze.

Der Blick von Himberg aus auf das Neubaugebiet Rottbitze.

Foto: Frank Homann

Die beschrieb einst auch Karl Gast in "Aegidienberg im Wandel der Zeiten": "Ein Wanderer, der auf den Höhen von Rottbitze steht oder vielleicht auf einer Ruhebank bedächtig verweilt, wird angenehm berührt von dem seltsamen Zauber, der von diesem herrlichen Flecken Erde ausgeht."

Als Karl Gast dies schrieb, da bildete Aegidienberg noch mit Ittenbach das Amt Königswinter-Land. Das war 1963. Aber die Jahre der Eigenständigkeit waren gezählt. 1969 wurden die 13 Ortschaften Teil der Stadt Bad Honnef. Mancher war überzeugt, dass ein neuer Zuschnitt Königswinters und Honnefs in Tal- und Bergschiene besser gewesen wäre. Vielleicht wäre einiges anders verlaufen, Aegidienberg nicht so lange, "zu lange" Stiefkind gewesen, so Fiebig: "Bad Honnef überlebt, weil es Aegidienberg hat."

Gewerbeansiedlungen wie am Zilzkreuz und an der Rottbitzer Straße, einst "eine Kreuzung mit Gaststätte", und Neubaugebiete belegten dies. Anfang der 60er Jahre lebten in Aegidienberg etwa 2800 Menschen, heute sind es an die 7000. Tendenz steigend. Die Infrastruktur, über und unter der Erde, ist mächtig gewachsen. Nur die Bahn hat man nie gekriegt. Und der Bus reicht oft nicht aus.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts verdiente das Gros der Aegidienberger das tägliche Brot in der Landwirtschaft. Reich war man nicht, "dies ist kein besonders fetter Boden", so Fiebig. Bis zu 25 Hektar groß waren einzelne Gehöfte. Zugleich, schrieb Gast 1963, "fanden viele Männer in Steinbrüchen, Erzgruben oder als Waldarbeiter Beschäftigung und Verdienst", schufteten dort 14, 16 Stunden, dazu auf dem Feld. Wichtig für den Erhalt der Kulturlandschaft, so Fiebig: Viele Flächen seien heute in Pflege durch das Gestüt Feldmann, das mit dem Aegidienberger gar eine eigene Gangpferderasse hervor gebracht hat. Zugleich verfüge man über ein Wanderrevier, das, viel "ruhiger als am Oelberg", besonders reizvoll sei.

Der Aegidiusplatz ist eines der Sorgenkinder

Viele Besucher wüssten dies zu schätzen, wenn sie auf einer der 80 Ruhebänke des Bürgervereins Platz nähmen. Auch 40 Jahre nach Gasts Erörterung. Der Aegidiusplatz ist eines der Sorgenkinder, "gut, dass sich da etwas tut", sagt Fiebig. Aber nicht genug. Auch die Fachärztedichte könnte besser sein, eine "weiterführende Schule fehlt". Dereinst stand die Volksschule übrigens am Aegidiusplatz, noch mit Aegidienberger Wappen.

"Das brauchte man nicht mehr", sagt Fiebig schmunzelnd. Zeugnisse der Historie finden sich auch andernorts. Fiebig, geboren 1941 und Aegidienberger mit Leib und Seele seit 1946, erzählt: Als er Kind war, tuckerte noch das Basaltbähnchen durch den Ort. Wer genau hinschaut, könne die alte Trasse erkennen, an der Rottbitzer Straße.

Und da wäre das Grab von Theodor Weinz, Namensgeber der Schule. Es erinnert an die Separatisten-Kämpfe in den 20er Jahren. Wie Gast ausführte, "setzten die Separatisten am 16. November 1923 die Masse ihrer Angehörigen gegen Aegidienberg in Marsch". In Hövel wurden fünf Männer zu ihren Geiseln.

Sie sollten wohl die Kugeln der Bürgerwehr auffangen. Theodor Weinz wurde im Tumult tödlich getroffen, sein Bruder Hubert konnte dank Eingreifens anderer entkommen. Die "erzürnten Retter", so Gast, "durchkämmten von Norden nach Süden das Dorf. Alleine in Hövel trug man später 14 tote und meist erschlagene Eindringlinge zusammen".

Schon im 16. Jahrhundert gab es einen katholischen Pfarrer

Bedeutend ist die Entwicklung der Kirchengemeinden. Schon im 16. Jahrhundert gab es einen katholischen Pfarrer. Noch für das angehende 20. Jahrhundert verzeichnete die Statistik aber nur einen Protestanden unter knapp 1500 Einwohnern. Nicht erst seit dem Bau der Friedenskirche in den 60ern tragen die Gemeinden beider Konfessionen intensiv zum Ortsleben bei.

Wie die Vereine, die im Wechsel die "Rievkoche"-Kirmes ausrichten. Kartoffeln, so Gast 1963, dürften "zu Beginn des 19. Jahrhunderts in größerem Maße bedeutsam geworden sein. Offenbar verstanden es die Aegidienberger sehr früh, aus geriebenem Kartoffelfleisch und Rapsöl knusprige, braune und verführerisch duftende Reibekuchen zu backen." Tradition verpflichtet: Die Rievkoche sind bis heute ein Verkaufsschlager. Und die Rezepte Geheimsache, versteht sich.

Auf eine bemerkenswerte Tradition seit 1875 blickt unter anderem der Gesangverein "Liederkranz" zurück. 1904 wurde die Karnevalsgesellschaft "Klääv Botz" gegründet, 1920 der Hubertus-Schützenverein, mit heute hochmoderner Schießanlage. Seit 1926 gibt es die Freiwillige Feuerwehr.

Bedeutend sind auch die Sportfreunde Aegidienberg. "Eine Turnhalle ist dringendes Anliegen", so Fiebig. Und Karneval? Da geht der Veilchendienstagszug. Immer schön geradeaus.

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In unserer Serie "150 Jahre Stadtrechte Bad Honnef" beleuchten wir bis zur Jubiläumsfeier im Juni die Facetten, die Bad Honnef ausmachen und in den vergangenen anderthalb Jahrhunderten ausgemacht haben.