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Fall Anna: Er kannte Anna nur aus Akten

Fall Anna : Er kannte Anna nur aus Akten

Irgendwie erleichtert wirkte Klaus Plate, als er am Donnerstag das Landgericht verließ. Auf den Tag, an dem er beim Anna-Prozess als Zeuge aussagen durfte, hatte der zurzeit versetzte frühere Königswinterer Jugendamtsleiter lange gewartet.

Zum vierten Mal war der 54-Jährige am Donnerstag zum Prozess gegen die Pflegeeltern des ertränkten neunjährigen Mädchens geladen worden, die ersten drei Termine fielen aus. "Mein Mandant war moralisch sehr angeschlagen und psychisch erkrankt", sagte Plates Anwältin Sigried Aretz vor der Verhandlung, die am Donnerstag nach dreiwöchiger Pause wieder aufgenommen wurde. Wegen eines Hörsturzes habe er in die Klinik gemusst, sei jetzt aber wiederhergestellt.

Plate selbst äußerte zuletzt, wie sehr es ihn belaste, dass viel über ihn gesprochen wurde, er selbst jedoch kaum zu Wort gekommen sei. Gestern durfte er endlich reden. Obwohl er dies nicht hätte tun müssen, weil gegen ihn selbst ein Ermittlungsverfahren läuft. Doch so erfuhr das Gericht, wie wenig Jugendamtsleiter von Pflegekindern in ihrem Zuständigkeitsbereich wissen müssen. Plate hatte keinen einzigen Kontakt zu den Pflegeeltern, wie er berichtete. Die Entscheidung vom August 2008, Anna zu ihnen zu geben, habe er als gleichberechtigtes Teammitglied im Jugendamt mitgetroffen. Der Beschluss war einstimmig.

Ein Fragezeichen gab es aber doch. "Unsere Sachgebietsleiterin für Pflegekinder hatte ein nicht definiertes Gefühl, dass es vielleicht nicht die richtige Entscheidung sein könnte", sagte Plate. Warum, weiß er nicht mehr. Erinnern kann er sich nur noch an die Gründe, die für die Pflegefamilie sprachen: der Kontakt zu Anna, der Wunsch der leiblichen Mutter und die Bereitschaft, Anna aufzunehmen.

Als der Aufenthalt des Mädchens, der ursprünglich nur ein Jahr dauern sollte, im Sommer 2009 verlängert wurde, wurde Plate möglicherweise gar nicht gefragt. "Ich kann mich nicht direkt daran erinnern, ob ich an der Entscheidungsfindung beteiligt gewesen bin", sagte er. Im Rahmen eines Hilfeplanverfahrens sei dies auch nicht erforderlich gewesen.

Von Problemen der Pflegefamilie mit Anna erfuhr Plate nach seinen Angaben nur in Verbindung mit dem Polizeieinsatz im November 2009. "Unsere Sachgebietsleiterin hat sich damals darum gekümmert." Zwei Wochen später habe sie ihm erklärt, bei traumatisierten Kindern sei es durchaus normal, dass sie in engeren Beziehungen mehr von ihren Störungen zeigen.

Plate widersprach auch der Aussage des Pflegevaters, er und seine Frau hätten Anna abgeben wollen und seien vom Jugendamt immer wieder vertröstet worden. "Ich habe von einem solchen Angebot nichts gewusst", sagte er. Und im Nachsatz: "Ich kann mich daran nicht erinnern. Ich kann nicht Ja oder Nein sagen."

Zuvor hatten zwei Mitarbeiterinnen des Honnefer Jugendamts, die für die Tageskinder in der Pflegefamilie zuständig waren, betont, wie freundlich die Pflegemutter gewesen sei. "Alle Zeugen verstecken sich hinter den gesetzlichen Bestimmungen", sagte Sebastian Holbeck, Anwalt des Pflegevaters, in einer Pause. Es habe Genehmigungen gegeben, obwohl die Pflegeeltern auf der Couch im Wohnzimmer schlafen mussten.

Die manipulierten Akten wurden nicht vollständig rekonstruiertHöchstens eine Minute habe das Flurgespräch zwischen ihm und der für die Pflegefamilie zuständigen Sachgebietsleiterin am Morgen nach Annas Tod über den Umgang mit den Akten gedauert, sagte Klaus Plate am Donnerstag vor Gericht.

"Ich kann mich nicht erinnern, etwas Verfängliches gesagt zu haben." Die Sozialpädagogin hatte im Juni vor Gericht ausgesagt, sie habe Plates Hinweis, die Akten "durchzugehen", so verstanden, dass sie Teile der Akten vor der Übergabe an die Staatsanwaltschaft verschwinden lassen sollte. Sie schredderte damals ihre im Vergleich zur Verfahrensakte weit detailliertere Beraterakte, weil sie gewusst habe, dass Plate größten Wert auf Datenschutz legt.

Die Akten konnten später nach GA-Informationen - anders als bisher angenommen - nicht vollständig rekonstruiert werden, weil dem im Fall Anna eingeschalteten Mitarbeiter der Diakonie nur eine ausführlichere Kopie der Verfahrensakte, nicht aber der Beraterakte vorlag. Plate wies darauf hin, dass er in einem Gespräch mit der Verwaltungsspitze vier Tage nach Annas Tod erklärt habe, es gebe keine gesetzliche Offenbarungsbefugnis, Akten mit persönlichen Daten an die Staatsanwaltschaft herauszugeben.

Dennoch sei entschieden worden, diese ohne weitere Prüfung auszuhändigen. Dass große Teile bereits fehlten, wusste zu diesem Zeitpunkt angeblich nur die Sachgebietsleiterin.