Fall Anna: "Begleitung, Beratung, Kontrolle"

Bad Honnef · Der Fall des Pflegekindes Anna, das in Bad Honnef in der Badewanne ertrunken ist, hat in der Region tiefe Betroffenheit ausgelöst. Die Betreuung von Pflegekindern ist so einmal mehr ins öffentliche Interesse gerückt.

Fall Anna: "Begleitung, Beratung, Kontrolle"
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Der Fall des Pflegekindes Anna, das in Bad Honnef in der Badewanne ertrunken ist, hat in der Region tiefe Betroffenheit ausgelöst. Die Betreuung von Pflegekindern ist so einmal mehr ins öffentliche Interesse gerückt. Mit "Qualität für Pflegekinder" beschäftigt sich der Landschaftsverband Rheinland (LVR), dem auch das Landesjugendamt Rheinland angehört, intensiv. Mit den LVR-Mitarbeitern Klaus Nörteshäuser und Ursula Hugot sprach Uta Effern-Salhoub.

General-Anzeiger: Welche Maßstäbe werden an Pflegeeltern angelegt und inwieweit wirken Sie an der Erarbeitung dieser Maßstäbe mit?

Klaus Nörtershäuser: Wir haben uns mit Fachkräften intensiv damit auseinandergesetzt, wie man Pflegeeltern findet und prüft, so dass man mit gutem Gewissen ein Kind dort unterbringen kann. Das ist ja kein ganz einfacher Prozess, zumal oft die Frage aufkommt: Was bewegt eigentlich Menschen, überhaupt Kinder aufzunehmen? Ein für die Jugendämter wichtiger Aspekt, den man mit den Pflegeeltern besprechen muss.

Weder falsches Mitleid noch wirtschaftliche Aspekte dürften Ausgangspunkt für die Unterbringung eines Kindes sein, sondern in erster Linie - und das muss man den Pflegepersonen hoch anrechnen - ist es meistens ein bürgerschaftliches Engagement, das sie den Kinder gegenüber erbringen. Pflegeeltern "verdienen" weiß Gott nicht viel: Sie erhalten für ihre Arbeit keine Entlohnung, sondern nur eine Aufwandsentschädigung für sich selber von 219 Euro, man verdient damit nicht wirklich Geld.

GA: Wie werden Pflegeeltern ausgesucht?

Nörtershäuser: Es sind besondere Auswahlverfahren, die die Jugendämter durchführen, um die Motivation potenzieller Eltern zu erkunden und einschätzen zu können, welche Erziehungsfähigkeiten und Rahmenbedingungen vorliegen. Auf den Fall Anna kann ich nicht eingehen, weil ich den konkreten Sachverhalt dazu nicht kenne. Aber ich gehe zuerst einmal davon aus, dass die Jugendämter nach unseren Empfehlungen die Auswahlverfahren sehr genau durchführen.

GA: Der Hennefer Jugendamtsleiter sprach von einem Verhältnis Fachkräfte zu Pflegekindern von 1 zu 60 und berief sich dabei auf eine Empfehlung des Landesjugendamtes. Auch Königswinters Bürgermeister nannte diesen Betreuungsschlüssel. Das stößt bei Ihnen auf großen Unmut.

Nörtershäuser: Ja, weil wir falsch wiedergegeben werden. Unsere Empfehlung lautet "eine Fachkraft betreut bis zu 25 Pflegekinder, Fallführung inbegriffen". Oder es werden bis zu 35 Kinder betreut - dann liegen die Führung der Akten und andere administrative Aufgaben bei einem anderen Mitarbeiter im Jugendamt. Das sind übrigens keine Zahlen, die wir erfunden haben, sondern die unter anderem von Professor Reinhard Wiesner vom Bundesfamilienministerium stammen und aus einer Studie des Deutschen Jugendinstitutes München hervorgehen.

GA: Was hat es mit der Hinzuziehung der Diakonie im Fall Anna auf sich?

Ursula Hugot: Wenn Pflegeeltern besonderen Hilfebedarf haben, kann das Jugendamt die Begleitung einer Pflegefamilie einem freien Träger übertragen. Kontrolle, Beratung und Begleitung bilden dabei immer eine Einheit. Die Fallführung, die in der Regel beim Jugendamt bleibt, beinhaltet, dass ich alle sechs Monate Hilfeplangespräche mit allen Beteiligten einberufe, wo die Entwicklung des Kindes betrachtet wird. Sechs Monate sind Mindeststandard, bei Bedarf öfter - wir meinen, dass drei bis vier persönliche Kontakte im Jahr mit dem Pflegekind stattfinden sollten. Erst wenn ich ein Kind sehe und mit ihm spreche, kann ich sagen, ob es ihm gut geht.

GA: Wenn nun aber dem Kind im Extremfall Redeverbot erteilt wäre? Wie kann man hinter eine Fassade gucken?

Nörtershäuser: In dem Fall hat man zwei Netze: den Jugendamtsmitarbeiter, der drei bis vier Mal jährlich Kontakt haben sollte mit dem Kind, auch unter vier Augen. Wenn ein freier Träger dabei ist, wird der noch zusätzlich schauen. Natürlich kann es Erschwernisse geben: Vertretungen, mehr Pflegekinder als man sich optimalerweise pro Mitarbeiter wünscht. Die Belastung der Kollegen in den Jugendämtern ist eine sehr hohe.

Zur PersonDiplom-Pädagoge Klaus Nörtershäuser, 53, ist Koordinator im LVR-Landesjugendamt. Diplom-Verwaltungswirtin Ursula Hugot, 50, ist Fachberaterin Pflegekinderdienste und Familiäre Bereitschaftsbetreuung. Beide sind im Landeshaus des Landschaftsverbands Rheinland in Köln tätig und haben 2009 die Rahmenkonzeption "Pflegekinderdienst" des LVR, die Jugendämtern und freien Trägern Leitlinien gibt, initiiert und erarbeitet.

Der vermeintlich einfache Fall kann kompliziert werden. Daher besteht die Verantwortung, genau hinzuschauen und zu dokumentieren: Wie verläuft der Fall, wie geht es dem Kind? Das verlangt Gespür und persönliches Gespräch, das macht man nicht per Telefon. Man sollte vor Ort in der Familie sein, auch mal unangekündigt kommen.

Hugot: Pflegekinderdienste sind Vertrauenspersonen für die Pflegeeltern, wir betonen immer, wie wichtig die gute Zusammenarbeit an dieser Stelle ist. Ich denke, es ist auch ein Auswahlkriterium, dass die Eltern kooperationsbereit sind, das heißt, sich auch öffnen und im Dialog mit den Fachberatern stehen, sonst kann man keine ehrlichen Antworten bekommen oder sich ankündigende Krisen erkennen.

GA: Wie kann es trotz all dieser Vorkehrungen sein, dass wie im Fall Anna ein Pflegevater zugibt, er habe sein Pflegekind öfters mit Klebeband gefesselt. Wie ist das für Sie als Experten vorstellbar?

Nörtershäuser: Es steht uns zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu, dazu etwas zu sagen. Man muss abwarten, was die Untersuchungen ergeben. Wir arbeiten mit Menschen - und Menschen schaut man immer nur vor den Kopf. Manchmal gibt es Pflegeeltern, die einem richtig gut gefallen, die das Bewerbungsverfahren bestens bestanden haben. Und trotzdem weiß man nicht, was passiert, wenn diese Menschen in eine Ex-tremsituation kommen.

GA: Eine Aufsichtsstelle, die die kommunalen Jugendämter kontrolliert oder als Beschwerdestelle fungiert, gibt es nicht.

Hugot: In der Tat. Die Kommunalaufsicht ist nur Verwaltungs-, aber keine Fachaufsicht. Es gibt bei den kommunalen Jugendämtern keine Beschwerdestelle für Eltern und keine Fachaufsicht.

GA: Was sagen Sie dazu, dass im Fall Anna nun auch der Tod des behinderten leiblichen Sohnes der Pflegemutter im Jahr 2003 untersucht wird?

Nörtershäuser: Es ist davon auszugehen, dass das Jugendamt über die Vorgeschichte des Sohnes informiert war und dies einbezogen hat. Die den Sohn betreffenden Umstände waren vielleicht mit Grund dafür, warum diese Familie sich wieder Kindern widmen wollte - das muss man sehr genau prüfen. Wir haben hier im Rheinland rund 8 000 Pflegekinder in Familien, die zumeist liebevolle Erziehung erfahren und gut untergebracht sind. Das ist aber kein Anlass, sich zurückzulehnen.

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