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Fall Anna: Misshandlungen wurden zum Erziehungsmittel

Fall Anna: Misshandlungen wurden zum Erziehungsmittel

Anna war völlig allein. Niemand half der Neunjährigen, als bei ihren Pflegeeltern alle Dämme brachen, nachdem sie die Misshandlung als Erziehungsmittel entdeckt hatten. Niemand half ihr, als sie sich am Tag vor ihrem gewaltsamen Tod in der Badewanne vom Balkon stürzte und nur noch weg wollte.

Und das Jugendamt Königswinter, unter dessen Obhut Anna stand, tat nichts, obwohl die Pflegeeltern dort mehrfach ihre Überforderung meldeten und Anna loswerden wollten. Das ist das Bild, das an diesem zweiten Prozesstag vor dem Schwurgericht entsteht, an dem der Pflegevater seine Aussage macht.

Acht Stunden hat der Mann, der seiner Frau laut Gutachter völlig ergeben ist, das Wort. Und obwohl der blasse und kranke Mann nach wie vor zu seiner wie er inhaftierten Frau steht, schont er sie nicht. Aber auch sich selbst schont er nicht, als er berichtet, wie es dazu kam, dass sie ein von ihnen völlig abhängiges Kind mit Misshandlungen gefügig machen wollten.

Als Anna zur Vollzeitpflege im Sommer 2008 zu ihnen kam, kannten sie das Mädchen schon. Und dessen Probleme. Denn bereits zwei Mal hatten sie das Kind eines drogensüchtigen, bereits verstorbenen Vaters und einer alkoholkranken Mutter in der Tagespflege gehabt, wie er sagt.

Beim ersten Mal war Anna auf Anfrage des Jugendamtes Königswinter zwei Monate tagsüber bei ihnen, und als das Jugendamt und Annas Mutter sie baten, die Kleine noch einmal für vier Monate zu nehmen, willigten sie ein. Widerstrebend zunächst, weil Anna große Schwierigkeiten gemacht habe, vor allem beim Essen.

Sie habe anfangs überhaupt nicht essen wollen, es sei sehr anstrengend gewesen, sie dazu zu bringen. Nach vier Monaten sei Anna dann ins Heim gekommen, und Annas Mutter, die nach wie vor das Sorgerecht hatte, hätte sie oft angerufen und zusammen mit der zuständigen Mitarbeiterin des Königswinterer Jugendamtes bedrängt, Anna als Vollzeitpflegekind zu nehmen. Nur für ein Jahr, bis sie wieder zur Mutter könne.

Schließlich hätten sie eingewilligt, und Anna habe sich gefreut, zu ihnen zu kommen, sagt der 51-Jährige. Ob seine Frau überhaupt die nötige Qualifikation für Vollzeitpflege hat, weiß er nicht. Mittlerweile war Anna in der Schule, und auch dort habe sie Probleme gehabt, die sich jedoch mit der Zeit gelegt hätten.

Wieder hätten sie mit dem Essen bei Null anfangen müssen und auch bei der Hygiene. Und auch bei den Hausaufgaben sei Druck nötig gewesen. Eine Weile sei alles ganz gut gegangen, doch dann sei Anna nach den Kontakten mit ihrer Mutter immer völlig fertig gewesen, habe sich ständig übergeben, bis man die Kontakte beendet habe.

Dann war das Jahr vorbei, doch das Jugendamt habe sich nicht gemeldet. Die Sachbearbeiterin hätte mehrfach gesagt, sie suche eine Stelle, finde aber nichts. Anna sei immer schwieriger und aggressiver geworden. Mehrfach hätten sie die Jugendamtsmitarbeiterin gebeten, Anna woanders unterzubringen. Vergebens.

Und dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem Anna in der Badewanne ausrutschte und untertauchte. Zuvor sei sie wieder sehr aggressiv gewesen. Doch nachdem sie aus dem Wasser aufgetaucht sei, sei sie ganz brav gewesen. Fortan sei Anna "getunkt" worden, wenn sie nicht gehorchte. Ja, antwortet der Angeklagte auf die Frage von Schwurgerichtsvorsitzendem Josef Janßen, auch er habe sie zwei Mal "getunkt".

"Leider", fügt er leise hinzu. Dann habe seine Frau angefangen, Anna länger unter Wasser zu drücken. Und sei auf die Idee gekommen, sie mit Klebeband zu fesseln, wenn sie nicht parierte. Und er habe ihr dabei geholfen. Auch am Tattag. Dass Anna tags zuvor aus dem Bad gerannt war und sich vom Balkon gestürzt hatte, scheint ihn auch heute noch zu wundern.

Sie hatten das Kind mit vereinten Kräften dann wieder ins Haus geholt. Am 22. Juli wurde Anna schon mittags gefesselt, weil sie ständig ihr Essen erbrach. Und als das abends wieder losgegangen sei, hätten sie das Kind erneut gefesselt und in die Wanne gelegt. Seine Frau habe gesagt, sie wasche Anna jetzt.

Er habe das Bad verlassen, sei jedoch wieder zurück gegangen, als er dort Lärm gehört habe. Wie gelähmt habe er von der Tür aus gesehen, wie seine Frau Anna unter Wasser drückte. Als er begriffen habe, was da passierte, "da war es zu spät", sagt er kaum hörbar. Anna sei ganz blau gewesen, er habe seine Frau weggestoßen, Anna hochgehoben.

"Da hat sie mich angesehen", sagt er. Anna habe erbrochen, aber nicht mehr geatmet. Sie hätten beide Herzmassage, Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht. Vergeblich. Der Mann ist am Ende. Seine Frau schweigt. Um 18 Uhr Uhr verlassen die letzten Zuschauer sichtlich erschüttert den Saal.

Ermittlungen gegen Honnefer Jugendamt eingestelltMit scharfen Worten haben der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) und die Deutsche Kinderhilfe im Fall Anna auf die Verfahrenseinstellung gegen das Jugendamt Bad Honnef reagiert. Bekanntlich laufen die Ermittlungen gegen Mitarbeiter des Königswinterer Jugendamtes, das eigentlich für das Pflegekind Anna zuständig war, weiter.

An Annas Todestag hatte eine besorgte Nachbarin in Honnef angerufen und war auf das zuständige Jugendamt Königswinter verwiesen worden. Bereits die Tatsache, dass "zwei Kinderärzte, die, ohne Anna untersucht zu haben, Gefälligkeitsatteste ausgestellt haben, die die Misshandlungen der Pflegeeltern verdecken halfen und damit einen Tatbeitrag leisteten, hatte den Hauch eines Justizskandals", sagt BDK-Vorsitzender Klaus Jansen.

Dass nun das Verfahren gegen Bad Honnef endgültig eingestellt worden sei, bevor das Gerichtsverfahren beendet sei, ist für BDK und Kinderhilfe ein "handfester Justizskandal". Für Rolf Stöckl, Vorstandssprecher der Kinderhilfe "ist diese Einstellung ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten, in denen Vertuschung vor Aufklärung stand".