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Festival "Bad Honnef tanzt": Honnefer Schüler tanzen Michael Endes "Momo"

Festival "Bad Honnef tanzt" : Honnefer Schüler tanzen Michael Endes "Momo"

200 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zeigen bis Samstag Choreografien nach der berühmten Geschichte um das Mädchen Momo und die Zeitdiebe. Der bekannte Schauspieler Enno Kalisch wirkt als Erzähler mit.

Die grauen Herren sind auch nicht mehr die, die sie mal waren: Einst trugen die glatzköpfigen Agenten der „Zeitsparkasse“ aschgraue Anzüge und Hüte und sie qualmten unaufhörlich ihre ebenfalls aschgrauen Zigarren. Die modernen Zeitdiebe tragen schwarze Beanies auf dem Kopf, verbergen ihre Augen hinter großen schwarzen Sonnenbrillen, tragen schlabberige graue Hemden und haben ständig das Handy am Ohr.

Aber zwischen damals und heute liegen ja auch 45 Jahre: 1973 wurde Michael Endes Roman „Momo“ veröffentlicht, in diesen Tagen wiederum zeigen 200 Schüler aus Bad Honnef im Europaforum im ehemaligen Katholisch-Sozialen Institut (KSI) eine ganz eigene getanzte Fassung der erfolgreichen Kindergeschichte.

„Momo“ ist das Hauptstück der sechsten Auflage des Festivals „Bad Honnef tanzt“, an dem in diesem Jahr zehn Schulklassen und 16 Tanzgruppen aus Bad Honnef mit 200 Tänzerinnen und Tänzern jeden Alters mitwirken. Insgesamt zwölf Vorstellungen sind bis zum kommenden Samstagabend zu sehen – neben „Momo und die Zeitfresser“ und „Momo und die Stunde“ werden an zwei Tagen auch collagenartige und oftmals abstrakte Eigenproduktionen von außerschulischen Tanzformationen zum Thema „Täter-Opfer“, „Elemente“ und „Spuren“ gezeigt.

Fantasie, Emotion und tolle Lichteffekte

Mit „Momo“ haben sich Choreografin Anna-Lu Masch und Kulturpädagogin Mara Dewenter erstmals an eine Romanvorlage herangewagt: „Das hat uns immer schon gereizt. Auch wenn man sich dabei nicht so frei bewegen kann, wie in einer reinen Eigenchoreografie.“ Auch hat sich das Festival-Team prominente Unterstützung ins Boot geholt: Der bekannte Schauspieler Enno Kalisch führt in der Rolle des Meister Hora als Sprecher und Erzähler durch die spannende Geschichte. Allein seiner Stimme könnte man stundenlang zuhören.

Doch die eigentlichen Stars sind natürlich die Kinder und Jugendlichen, die die Zuschauer mit viel Fantasie und Emotion in die Welt von Momo entführen. Sie tanzen zu einer eigens komponierten Musik und werden mit raffinierten Lichteffekten und professionellen 3 D-Videoinstallationen – vom riesigen schwingenden Zeitpendel über ein ratterndes Uhrwerk bis zum überdimensionalen Smartphone – eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Am Anfang herrscht noch heile Welt im „Momo-Land“. Vergnügt wirbeln die Kinder der zweiten Klassen der Martinus-Grundschule Selhof in farbenfrohen T-Shirts, Tüllröckchen und bunten Stulpen über die Bühne und tun genau das, was Kinder so wunderbar können: spielen, tanzen, lachen, fröhlich sein – eben „Zeit haben“. Seit September bereiten sich die Mädchen und Jungen auf ihren Auftritt vor, ebenso wie die Schüler der Grundschule Rhöndorf, der Grundschule Am Reichenberg, der Löwenburgschule, der Theodor-Weinz-Grundschule Aegidienberg und der Konrad-Adenauer-Hauptschule Bad Honnef, die bei der Aufführung mitwirken.

Whatsapp und Facebook als Zeitfresser

Entsprechend geordnet ist das fröhliche Durcheinander auf der Bühne: Jeder weiß genau, was er zu tun hat, und an welcher Stelle er steht. Dabei wurde nicht einfach eine vorgegebene, starre Tanzchoreografie einstudiert: „Die Kinder entwickeln ihre Szenen und Bewegungen selbst“, erläutert Masch. Dabei setzten sie sich mit der Frage auseinander, was Zeit für sie bedeutet, wie sie wohl schmeckt und sich anfühlt, und vor allem: Wer sie uns raubt.

Die grauen Herren von heute sind daher permanent „online“: Whatsapp, Facebook, Youtube, Online-Shopping, Cybermobbing, Shitstorm-Stalking – all das haben die Neuntklässler der Konrad-Adenauer-Hauptschule als Zeitfresser entlarvt. Im grünen Schummerlicht bewegen sie sich auf der Bühne wie Maschinen, den Blick stets aufs Handy gerichtet. Wummernde Bässe, Nebel, Schwarzlicht schaffen im weiteren Verlauf der Handlung eine immer bedrückendere Atmosphäre – welch ein Kontrast zu der fröhlich-bunten Kinderwelt vom Anfang. Doch es gibt ja Momo – und ein Fünkchen Hoffnung.