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Hebammen dringend gesucht: In Bad Honnef hat die kreisweit einzige Wochenbett-Ambulanz eröffnet

Hebammen dringend gesucht : In Bad Honnef hat die kreisweit einzige Wochenbett-Ambulanz eröffnet

Die Betreuung von Mutter und Kind nach der Geburt ist wichtig. Eine Hebamme zu finden gleicht jedoch einem Lotteriespiel. Im Siebengebirge hat jetzt kreisweit die einzige Wochenbett-Ambulanz geöffnet.

Die kleine Medisa ist neun Wochen alt und blickt aus ihren großen dunklen Augen neugierig in die Welt. Auf dem Wickeltisch in den Räumen der Wochenbett-Ambulanz im Bad Honnefer Kursaal legt Hebamme Evelyn Wagner gerade das Maßband an: „60 Zentimeter.“

Also ist Medisa seit ihrer Geburt im April schon zehn Zentimeter gewachsen. Sorgfältig überprüft die Hebamme die Entwicklung des Säuglings und nimmt sich dann Zeit für die vielen Fragen, die seine Mutter auf dem Herzen hat. Für Medisas Mama ist es das erste Kind – und sie hat alles richtig gemacht: Sofort, nachdem sie erfuhr, dass sie schwanger war, hat sie sich um eine Hebamme gekümmert, die sie nicht nur während der Schwangerschaft, sondern auch in den Wochen nach der Geburt betreute.

Bislang fanden die Hebammenbesuche bei Mutter und Kind zu Hause statt, nun besuchten die beiden erstmals die neue Wochenbett-Ambulanz. Normalerweise werden hier seit Anfang Juli Frauen betreut, die keine Hebamme für die häusliche Nachsorge gefunden haben oder deren eigene Hebamme zum Beispiel urlaubsbedingt keine weiteren Besuche mehr macht.

Versorgungslücke in der ambulanten Hebammenversorgung

Die Wochenbett-Ambulanz, ein Angebot im Rahmen der sogenannten „Frühen Hilfen“, ist die erste dieser Art im Rhein-Sieg-Kreis und ein wichtiger Beitrag, um eine Versorgungslücke im Bereich der ambulanten Hebammenversorgung zu schließen.

Eine Hebamme für die häusliche Betreuung zu finden, gleicht vielerorts einem Sechser im Lotto. Laut einer Studie, die die AOK 2018 im Rheinland und in Hamburg durchgeführt hat, wurde zu dem Zeitpunkt nur jede zweite Frau nach der Entbindung von einer Hebamme betreut. 2012 waren es noch 64 Prozent.

Der Rhein-Sieg-Kreis stand nach den Aussagen der Studie 2018 noch relativ gut da: Nur rund ein Viertel der Wöchnerinnen hatte hier keine Betreuung. Wagner weiß, warum es so schwer ist, eine Hebamme zu finden: „Es gibt immer weniger, die unter diesen Bedingungen arbeiten möchten.“ Die Corona-Krise verschärfe die Situation für die freiberuflich arbeitenden Hebammen derzeit noch zusätzlich.

Jede Frau hat Anspruch auf die Hilfe

Tatsächlich hat jede Frau während der Schwangerschaft, der Geburt, dem Wochenbett und der Stillzeit Anspruch auf die Hilfe durch eine Hebamme. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. „Doch gerade beim ersten Kind ist vielen Frauen nicht klar, dass sie sich am besten schon mit Feststellen der Schwangerschaft um eine Nachsorge-Hebamme kümmern müssen“, so Wagner. Sie arbeitet seit 41 Jahren im Beruf und hatte schon so manche werdende Mutter am Telefon, die völlig verzweifelt auf der Suche nach einer Hebamme für die häusliche Betreuung nach der Geburt war.

Und diese ist um so wichtiger, da die Verweildauer der frischgebackenen Mütter in den Krankenhäusern nur noch kurz ist. Zwei Tage nach der Geburt sind Mutter und Kind in der Regel schon wieder daheim. Viele Neu-Mamas würden sich zu Hause aber nicht die nötige Ruhe gönnen, so Wagner. „Dabei heißt es ja eigentlich nicht umsonst Wochenbett.“

Fehlt eine kompetente Betreuung, würden Probleme bei Mutter und Kind, wie zum Beispiel eine Neugeborenengelbsucht, oftmals nicht frühzeitig festgestellt und behandelt. Darum sei ein Angebot wie die Wochenbett-Ambulanz auch so wichtig: „Es geht um die Gesundheit von Mutter und Kind“, betont die Hebamme.

Ausdrücklich handelt es sich aber nicht um eine Notfallambulanz: In dringenden Fällen sollen sich die Mütter an die frauenärztlichen Praxen, die Entbindungskliniken oder, wenn es um die Gesundheit des Kindes geht, an den Kinderarzt wenden.

Wagner schaut sich in der Wochenbett-Ambulanz nicht nur das Kind an, sondern berät die Mutter bei Fragen rund um das Stillen und gibt Tipps zur Ernährung von Säuglingen und Babys. Auch für den Umgang mit dem weinenden Baby hat sie einen Rat oder dazu, wie man den wunden Po behandelt.

Im Unterschied zur „normalen“ Hebammenbetreuung, bei der die Hebamme zur Wöchnerin nach Hause kommt, werden in der Ambulanz Termine vereinbart. Die Mütter kommen entweder am Montagvormittag oder Donnerstagnachmittag in die entsprechenden Räume im Beratungszentrum der „Frühen Hilfen“ in einem Seitentrakt des Kurhauses.

Zusammenschluss verschiedener Einrichtungen

Das im Siebengebirge verankerte Netzwerk „Frühe Hilfen“ ist ein Zusammenschluss verschiedener Einrichtungen, Institutionen und Personen aus der Kinder- und Jugendhilfe, dem Gesundheitswesen, der Elternbildung und Beratungsstellen, das von den Jugendämtern der Städte Bad Honnef und Königswinter koordiniert wird. Ziel ist es, die gesunde Entwicklung von Kindern bis sechs Jahren in der Region zu stärken und zu unterstützen. Es gibt zahlreiche größtenteils kostenfreie Angebote, die Familien und Einzelpersonen rasch und ohne formale Zugangshürden in Anspruch nehmen können.

In den nächsten Wochen werden in das Beratungszentrum der „Frühen Hilfen“ auch die Fachberaterin von „Hallo Baby“ mit dem Unterstützungsangebot „Aufwind“ sowie weitere Träger mit ihren familienbezogenen Informationen wie zum Beispiel Sozialberatung oder Schwangerschaftsberatung einziehen. Familien finden dann dort neben der Wochenbett-Ambulanz viele Antworten und Hilfen zu Themen, die sich ergeben, wenn ein Baby kommt und das Familienleben gehörig durcheinanderwirbelt.

Termine für die Wochenbett-Ambulanz können unter ☏ 0 22 24/98 17 278 oder per E-Mail an evelyn.wagner@t-online.de (Betreff: Wochenbett Ambulanz) vereinbart werden. Allgemeine Informationen zur Vermittlung von Hebammen gibt es im Internet unter hebammenzentrum-rhein-sieg-bonn.de und (0228) 21 01 95.