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Projekt gegen Jugendkriminalität der Polizei Bonn: Rechtzeitig die Kurve kriegen

Projekt gegen Jugendkriminalität der Polizei Bonn : Rechtzeitig die Kurve kriegen

Seit Oktober 2016 beteiligt sich die Bonner Polizei an dem Projekt "Kurve kriegen": Kinder, die Gefahr laufen, die Karriere eines Berufskriminellen einzuschlagen, sollen hier rechtzeitig auf die Spur gebracht werden.

Derzeit werden 14 Kinder und Jugendliche aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis betreut. 86 Straftaten standen am Ende auf der Liste der Anklagebehörde. Ein 14-Jähriger aus Königswinter hatte sie begangen. Brandstiftungen, Sachbeschädigungen und vieles mehr – eine ganze Palette von Delikten. Er hatte die Tafel Königswinter unter Wasser gesetzt und Chaos verursacht – übrigens eine Einrichtung, von der seine eigene Familie profitierte. Dass es soweit erst gar nicht kommt, dafür will das Projekt „Kurve kriegen“ sorgen.

Polizei, Sozialarbeiter und Jugendämter arbeiten zusammen, um Kinder, die Gefahr laufen, die Karriere eines Berufskriminellen einzuschlagen, rechtzeitig wieder auf die Spur zu bekommen. Derzeit werden in dem Projekt der Bonner Polizeibehörde 14 Kinder und Jugendliche – elf Jungs, drei Mädchen – aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis betreut; ein weiteres soll demnächst hinzukommen

Norbert Wagner, Leiter der Direktion Kriminalität im Polizeipräsidium Bonn, ist ein alter Hase, ein Polizist mit Erfahrung. Und er wirkt nicht wie einer, der auf jeder Welle mitschwimmen muss. Aber wenn es um „Kurve kriegen“ geht, kommt er fast ins Schwärmen. Denn: „Manchmal kommt man in Familien, und dann weiß man schon, welchen Weg die Kinder gehen werden“, sagt er.

Und verschweigt auch nicht, dass einige in der Polizei das Projekt zum Start in Nordrhein-Westfalen 2011 zunächst kritisch gesehen haben. Schließlich mischt man in einem Feld mit, das bis dato allein den Jugendämtern zugeordnet war. Doch er steht zu 100 Prozent hinter dem Projekt.

19 Polizeibehörden in NRW beteiligen sich

Mittlerweile machen 19 Polizeibehörden in NRW mit, seit vergangenen Oktober ist auch die in Bonn dabei. Bis 2020/21 soll sich nach dem Willen der Landesregierung jede Dienststelle im Land beteiligen. Wagner ist Feuer und Flamme für das Projekt. „Wir verfolgen gemeinsam ein Ziel“, sagt er. „Wir holen die Kinder schon ab, bevor sie strafmündig werden und eine verfestigte kriminelle Karriere starten.“ Man sei froh, dass Bonn schon so früh dabei sei – „es rechnet sich“.

Warum es sich rechnet, erklärt Irmgard Küsters. Die Kriminalhauptkommissarin, im Kommissariat Vorbeugung angesiedelt, ist die federführende Frau bei dem Projekt. Sie scannt jeden Monat die Akten nach Kindern und Jugendlichen zwischen acht und 15 Jahren, die für das Programm infrage kommen. Kriterium: Mindestens eine Gewalttat oder drei Eigentumsdelikte. Warum man so viel Mühe und Geld in Kinder steckt, die offensichtlich auf dem falschen Weg unterwegs sind?

„Ein Intensivtäter“, sagt sie und verweist auf die erhobenen Zahlen, „verursacht im Alter zwischen 14 und 25 Jahren soziale Folgekosten von 1,7 Millionen Euro. Und hinterlässt bis zu 100 Opfer, die mit den Folgen der Straftat klarkommen müssen.“ Dem entgegen stellt sie die Erfolgszahlen, die bisher für das Projekt vorliegen. 75 Prozent der Teilnehmer haben seitdem kein Körperverletzungsdelikt und immerhin 40 Prozent haben gar keine Straftat mehr begangen. Quoten, von denen man sonst im Jugendstrafrecht nur träumen kann. „Beide Seiten gewinnen: Die Kinder und die potenziellen Opfer.“

Und wie sieht die praktische Arbeit aus? Am Anfang steht Küsters. Neben dem „Muss“ an Straftaten schaut sie auf weitere Risikofaktoren. Schulschwänzen gehört ebenso dazu wie ein kriminelles Familienumfeld, die Wohngegend oder ein einschlägiger Freundeskreis. Sprich: Tauchen die Kinder und Jugendliche beispielsweise immer wieder als Zeugen bei Gerichtsprozessen auf?

Hat die Expertin einen möglichen Kandidaten aufgetan, spricht sie anonymisiert mit ihren Kooperationspartnern Jörg Cadsky und Gregor Winand darüber. Beide kommen eigentlich aus der von Caritas und Diakonie unterstützten ambulanten Suchthilfe, haben nun aber ihren Sitz im Polizeipräsidium. „Diese kurzen Wege machen sich bezahlt“, sagt Cadsky. Halten auch sie das Kind oder den Jugendlichen für einen möglichen Kandidaten, nimmt Küsters Kontakt mit den Eltern auf.

Denn die Teilnahme an dem Projekt ist freiwillig. „Aber die meisten Eltern wollen das Beste für Kinder.“ Deswegen stimmen auch meist Familien, in denen bereits die Eltern mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, der Teilnahme an „Kurve kriegen“ zu. Und wenn Eltern die Teilnahme mal verweigern, bleibt Küsters dran. „Wenn die Kinder dann wieder eine Straftat begehen, schwenken viele ein.“

Jeder Teilnehmer hat eine Zielvereinbarung

Wenn sie die Einverständniserklärung der Eltern hat, nennt sie gegenüber den Diplom-Sozialarbeitern Ross und Reiter und händigt ihnen die sogenannte Handakte aus. „Wir besuchen dann unsererseits die Familie“, so Cadsky. Und holen sich eine weitere Einverständniserklärung. Eine, die ihnen erlaubt, mit den Schulen, Jugendämtern und der Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten. Dann beginnt die Arbeit.

„Die Einzelbetreuung ist abhängig von den Bedürfnissen der Kinder“, so Cadsky, der auch Antigewalt- und Deeskalationstrainer ist. „Mindestens jede zweite Woche, bei anderen wöchentlich und falls erforderlich auch öfter gibt es Treffen.“ Die Gruppenangebote finden ein bis zwei Mal im Monat statt. Da gibt es Erlebnis- und naturpädagogische Ansätze, ebenso wie Deeskalationstraining. Jeder Teilnehmer hat eine Zielvereinbarung mit Zwischenzielen. „Wenn wir die Kinder nach Hause bringen und den Eltern von einem Erfolg berichten, sind die manchmal sprachlos“, so Cadsky. „Denn sie sind es gewohnt, dass das Kind bei ihnen vor die Tür gestellt wird und sie zu hören bekommen, was es wieder angestellt hat.“

Andererseits hält Küsters ein genaues Auge auf die Teilnehmer, ob sie irgendwo in Polizeiakten in Erscheinung treten. Da das Projekt an die Polizeibehörde angedockt ist, wird es im Bereich der Polizeibehörde Siegburg nicht angeboten. „Wir beobachten es aber genau“, so ein Sprecher. Allerdings habe man ein eigenes Intensivtäterprogramm mit speziellen Sachbearbeitern, das sehr erfolgreich laufe. „Wir würden dieses System ungern aufgeben, aber wenn wir Bestandteile sehen, die nützlich für uns sind, werden wir uns natürlich offen zeigen.“

Wie erfolgreich „Kurve kriegen“ letztlich ist, wird der begleitende Evaluierungsprozess zeigen. In Bonn ist es dazu noch zu früh, denn die Betreuung soll mindestens ein Jahr dauern, falls nötig auch länger. Wagner ist davon überzeugt, dass „frühe Hilfe statt später Härte“ ein Erfolgsmodell ist.