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"Tunken" als regelmäßige Strafe für Anna

"Tunken" als regelmäßige Strafe für Anna

Der zweite Verhandlungstag im Prozess um den gewaltsamen Tod der neunjährigen Anna hat am Donnerstag mit der Befragung des Pflegevaters begonnen. Ihm und seiner Frau wird vorgeworfen, das Mädchen in mindestens 55 Fällen gequält und roh misshandelt zu haben.

Wenn Anna nicht gehorchte oder wenn Anna bockig war, ließen die Pflegeeltern Wasser in die Wanne laufen. Das Kind sei dann "getunkt" worden, sagt der Pflegevater am Donnerstag im Prozess um den gewaltsamen Tod von Anna. Danach sei Anna dann immer ganz ruhig gewesen und auch ohne Theater ins Bett gegangen.

Am 22. Juli des vergangenen Jahres wurde Annas Kopf in der Wohnung in Bad Honnef zu lange unter Wasser gedrückt. Das Kind lief blau an und lag regungslos da. Die Pflegeeltern riefen den Rettungsdienst, doch die Ärzte im Krankenhaus konnten der Neunjährigen nicht mehr helfen.

Mit der Aussage des Vaters ist der Prozess am Donnerstag vor dem Landgericht Bonn fortgesetzt worden. Angeklagt sind die 52-jährige Pflegemutter und der 51-jährige Pflegevater. Der Staatsanwalt wirft ihnen vor, Anna in mindestens 55 Fällen gequält und misshandelt zu haben.

Im vergangenen Juli starb das neunjährige Mädchen in der Badewanne, als es so lange untergetaucht wurde, bis es leblos dalag. Als sie starb, war ihr Körper von Hämatomen übersät. Der Vorwurf lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Annas Pflegeltern lernten sich nach Angaben des Mannes im Jahr 2000 kennen.

Vier Jahre später heirateten sie. Ab 2006 verdienten sie ihren Lebensunterhalt, indem sie sich um Tageskinder kümmerten. Acht bis zehn seien es gewesen, sagt der Mann aus. 2007 hätten sie dann auf Anfrage des Jugendamtes Anna für zwei Monate als Tageskind aufgenommen. Die habe Schwierigkeiten im Umgang mit kleineren Kindern gehabt und sich gegenüber Gleichaltrigen zurückgezogen. Anna sei sehr klein und schwächlich gewesen.

Außerdem habe sie unglaubliche Probleme beim Essen gehabt. "Für ein halbes Brot brauchte sie bis zu drei Stunden." Nach dreimonatiger Unterbrechung kam Anna noch einmal für die Dauer von vier Monaten in die Familie. Seine Frau habe das Jugendamt auf die Essprobleme des Kinder angesprochen.

Die Mitarbeiterin habe zugesagt, sich darum zu kümmern, aber geschehen sei nichts, sagt der Pflegevater. Dann kam Anna in ein Kinderhein nach Siegburg. "Wir waren froh, dass Anna weg war, weil es so unglaublich anstrengend war." Alle Gespräche mit dem Jugendamt habe seine Frau geführt, er sei darüber nur von ihr informiert worden, sagt der 51-Jährige aus.

So habe die Mitarbeiterin erklärt, so ein schwieriges Kind wie Anna habe man noch nie gehabt. Sie wüssten auch nicht, was sie machen sollten. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen das für Anna verantwortliche Jugendamt Königswinter laufen noch, gegen das Jugendamt Bad Honnef wurden sie Anfang der Woche eingestellt.

Auf die Frage der Nebenklage, warum das Paar das Kind dann doch aufgenommen habe, sagt der Pflegevater: "Weil wir an sich dem Kind helfen wollten." Für zunächst ein Jahr wurde Anna als Pflegekind aufgenommen. "Ich war nicht gerade begeistert." Er habe aber eine gute Beziehung zu ihr aufbauen wollen, habe viel mit ihr gesprochen und abends auch mal vorgelesen.

Die Essprobleme hätten zunächst nachgelassen, dafür habe sie sich dann im Bett des öfteren übergeben. Das geschehe immer dann, wenn sie mit ihrer leiblichen Mutter Kontakt gehabt habe, habe es geheißen. Also sei der Kontakt weitgehend eingestellt worden.

Dann hätten die Probleme mit dem Essen wieder zugenommen, Anna sei zunehmend renitent geworden und habe auch in der Schule nachgelassen. Die Stimmung in der Familie sei immer aggressiver geworden. Warum, sei für ihn nicht ersichtlich gewesen.

Ende 2009 gab es erneut Gespräche mit dem Jugendamt Königswinter. Dabei sei ein weiterer Verbleib von zwei Monaten vereinbart worden. Im März 2010 sei Anna in der Wanne ausgerutscht und unter Wasser geraten. Dabei habe sie sich erschreckt und sei ganz ruhig gewesen.

Beim nächsten Bad habe sie sich gewehrt, als er ihr das Shampoo aus den Haaren habe spülen wollen. Er habe seine Frau gerufen. Die habe den Kopf des Kindes unter Wasser gedrückt. Da sei Anna perplex gewesen und ganz ruhig ins Bett gegangen. Das Mittel, um Anna ruhig zu stellen, war gefunden.

Die Schilderungen des Pflegevaters klangen harmlos. Konkreter wurde der Mann immer erst auf eindringliches Nachfragen durch den Richter. Bei den Vernehmungen nach der Festnahme hatte er zunächst die Schuld am Tod Annas auf sich genommen. Er habe seine Frau schützen wollen, sagte er dazu später aus. Und dann fügte er seinerzeit als Erklärung für die Qualen, die Anna erdulden musste, hinzu: "Wir wussten uns nicht anders zu helfen."