1. Region
  2. Siebengebirge
  3. Bad Honnef

Lesung mit Angela Plöger: Von Machtstreben, Liebe und Verrat

Lesung mit Angela Plöger : Von Machtstreben, Liebe und Verrat

Die Erfolgsromane der finnischen Star-Autorin Sofi Oksanen dem deutschen Publikum zugänglich zu machen, stellt Übersetzerin Angela Plöger nicht selten vor kleine, aber hartnäckige linguistische Rätsel – schließlich hat das Finnische, das zur Gruppe der finno-ugrischen Sprachen zählt, nur wenig mit unserem germanischen Sprachzweig gemeinsam.

Da gibt es beispielsweise das finnische Substantiv „jälkiviisaus“, das eine exakte Entsprechung im Deutschen vermissen lässt und dessen Bedeutung am ehesten dem Sprichwort „Nachher ist man immer schlauer“ ähnelt. Problematisch auch „uros“, ein aus dem Tierreich stammender Ausdruck, der dort ein Männchen bezeichnet, umgangssprachlich aber gerne für testosterongeladene Mannsbilder steht – „und jetzt stellen Sie sich vor, ich würde einen halben Schrank, der vor lauter Muskeln kaum gehen kann, im Deutschen als Männchen bezeichnen“, scherzt die Übersetzerin. Manchmal ist die Arbeit als Übersetzerin zum Haareraufen.

Doch gerade diese Andersartigkeit der finnischen Sprache und die Vielfalt ihrer Literatur hat es Angela Plöger angetan. Eigens aus Hamburg angereist, las die promovierte Finno-Ugristin und Slawistin im Honnefer Rathausfoyer auf Einladung von „Literatur im Siebengebirge e.V.“ und der Deutsch-Finnischen Gesellschaft Bonn aus einer besonderen Perle der finnischen Literatur – Sofi Oksanens „Als die Tauben verschwanden“.

In ganze 43 Sprachen wurde Oksanen, die von der Presse sogar „Finnlands schwarze Königin“ genannt wurde, bereits übersetzt – darunter auch ins Deutsche von Angela Plöger. Zudem ist sie die erste Finnin, die von der Schwedischen Akademie mit dem „Nordic Prize“, auch bekannt als der „kleine Nobelpreis“, ausgezeichnet wurde. „Sofi Oksanen ist die zur Zeit bedeutendste und erfolgreichste finnische Autorin“, lautete auch das persönliche Fazit ihrer deutschen Übersetzerin.

Ohne Zweifel hochkarätig auch dieser im Jahr 2012 erschienene Roman, angesiedelt im nördlichsten Land des Baltikums zur Zeit der deutschen Besatzung und zugleich der dritte Band in Oksanens geplanter Estland-Tetralogie. Die Erzählung folgt dem Schicksal dreier Esten während der Kriegszeit und danach.

Während sich Roland im Untergrund versteckt hält und als prinzipientreuer Freiheitskämpfer noch immer auf die Befreiung hofft, plant sein Cousin Edgar, ein opportunistischer Karrierist, das Beste aus der Situation zu machen und die deutsche Karriereleiter emporzusteigen. Währenddessen verfällt seine Frau Judit einem ranghohen SS-Offizier – eine Liebe, die von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist: Im Herbst 1944 übernimmt die Rote Armee erneut das Land.

Ein fabelhaft komponierter Roman über Machtstreben, Liebe und Verrat – zu dem auch Angela Plöger eine besondere Beziehung hat. Ursprünglich in der DDR aufgewachsen, folgte sie nach ihrem Studium an der Humboldt-Universität der Liebe nach Westdeutschland. „Ich weiß also, wie es ist, unter sowjetischer Herrschaft zu leben“, so Plöger, der nicht nur die Lebensumstände der Hauptfiguren, sondern auch die im Buch verwendeten sowjetischen Ausdrücke vertraut waren.

So wie auch Oksanen selbst als Kind eines finnischen Vaters und einer estnischen Mutter geradezu prädestiniert war, sich des schweren Schicksals der Esten literarisch anzunehmen, resümierte Plöger: „Kein Leser hat ein so intensives Verhältnis zum Buch wie der Übersetzer. Aber der Bezug zu diesem Roman ist für mich noch ein Stückchen persönlicher.“