1. Region
  2. Siebengebirge
  3. Bad Honnef

Sommerakademie in Bad Honnef: Warum Schüler in den Ferien freiwillig weiterlernen

Sommerakademie in Bad Honnef : Warum Schüler in den Ferien freiwillig weiterlernen

Endlich schulfrei und chillen? 42 Schülerinnen und Schüler lassen das Lernen auch in den Sommerferien nicht sein. Im Gegenteil. Sie genießen die Zeit, in ihrem eigenen Stil mit Gleichgesinnten und ohne Notendruck ihren Wissensdurst zu stillen. Sie treibt es zur 29. Sommerakademie der Hochbegabten-Stiftung der Kreissparkasse Köln.

42 Schülerinnen und Schüler aus dem Rhein-Sieg-Kreis, dem Rhein-Erftkreis, dem Rheinisch-Bergischen und Oberbergischen Kreis sowie aus Bonn lernen zehn Tage lang in dem schlossartigen Anwesen des Physikzentrums in Bad Honnef. Die Sommerakademie wird angeboten von der Hochbegabtenstiftung der Kreissparkasse Köln, die die jungen Leute aus ihrem Einzugsgebiet eingeladen hat. Jona Enders ist schon zum zweiten Mal dabei. Nachdem er im vergangenen Jahr an der bilingualen Wirtschafts-AG teilgenommen hat, begeistert sich der Sankt Augustiner in diesem Jahr für Performing Literature. „Das ist in diesem Jahr ganz anders. Man hat mehr Kontakt miteinander, auch außerhalb der Kurse, und aus den Kursen kann man inhaltlich auch mehr mitnehmen“, vergleicht er die diesjährige Sommerakademie mit der letzten, die pandemiebedingt online stattfinden musste.

Die Sommerakademie im Vorjahr habe ihm trotz der Distanz durch den Bildschirm aber so gut gefallen, dass er in diesem Jahr noch einmal teilnehmen wollte, auch um zu entdecken, wie die Sommerakademie unter normalen Bedingungen abläuft, sagt Enders. Denn die läuft normalerweise in Präsenz ab, entweder in Gummersbach oder in Bad Honnef, erklärt der Geschäftsführer der Stiftung der Kreissparkasse Köln, Christian Brand. Die Online-Alternative könne natürlich mit der Akademie, wo sich die jungen Leute direkt gegenübersitzen, nicht mithalten. Hier gebe es mehr Möglichkeiten, kursübergreifend Kontakte zu knüpfen, man sitze gemeinsam beim Essen und nehme an gemeinsamen Abendveranstaltungen teil, sagt er. Auch die Exkursionen, die hauptsächlich AG-intern stattfinden, können jetzt endlich wieder angeboten werden. Außerdem sei die Kulisse mit dem Physikzentrum Bad Honnef allein schon sehr besonders.

Neben der Performing Literature-AG, in der mithilfe von Methoden zum Thema „(Un-)Sichtbarkeit des Menschen“ Merkmale des postdramatischen Theaters den Teilnehmern nähergebracht werden sollen, gibt es noch drei weitere. Zum einen gibt es die Bionik-AG. Hier werden Biologie und Technik verknüpft, man überprüft, inwieweit und welche Naturphänomene technisch übertragbar sind. Ein Beispiel dafür ist der Klettverschluss. Währenddessen beschäftigt sich die Forensik-AG theoretisch und praktisch mit Methoden der Kriminalbiologie, beispielsweise der Leichenliegezeitbestimmung, aber auch Fragen der Rechtsmedizin. Mit der elementaren Zahlentheorie setzt sich die Mathematik-AG auseinander und erforscht Eigenschaften der ganzen Zahlen.

Kristina Köhl ist in diesem Jahr zum ersten Mal als Kursleiterin der Performing Literature-AG dabei. Die Lehrerin aus Köln sei sonst auch bei Ferienfreizeiten aktiv, in dem Verein „Liberales Jugendwerk Aachen“ ist sie ehrenamtlich als Vorstandsmitglied und Betreuerin tätig und arbeitet mit Jugendämtern und Kinderheimen zusammen, um Sommerfreizeitfahrten für Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen zu ermöglichen. „Das Besondere an der Sommerakademie ist, dass hier Ferien- und Freizeitaspekte mit der fachlichen Tiefe verknüpft werden“, erklärt Köhl und freut sich besonders darüber, dass hier die Jugendlichen freiwillig teilnehmen, während dies in der Schule nicht der Fall ist. Immerhin würden sie sechs Stunden am Tag arbeiten.

„Es hängt auch immer viel von der Gruppe ab“, fährt sie fort. Die diesjährige Gruppe zeichne sich durch einen verantwortungsvollen und achtsamen Umgang miteinander, Leistungsbereitschaft und Offenheit aus, sagt Köhl.

Dem stimmt Jona Enders, der nach den Sommerferien die Jahrgangsstufe Q2 besucht, zu. Er sei mit Performing Literature etwas ins kalte Wasser gesprungen, weil er Erfahrungen mit dem Theater, nicht aber in dem Bereich der Literatur gesammelt habe. Er fühle sich in der Gruppe aber dennoch sehr wohl. „Es gibt eine gute Gruppendynamik. Wenn jemand Fehler macht, wird das nicht negativ gesehen, es geht eher darum, Erfahrungen zu machen“, beschreibt er das Miteinander. Auch sei die Motivation der Gruppe anders als man das aus der Schule gewöhnt ist, weil alle sich hierfür aktiv und selbst entschieden haben.

„Die Idee ist, dass man Austausch mit Menschen hat, die auch in der Schule motiviert sind und ähnlich denken wie ich“, erklärt Enders. Auch fände er es nicht schlimm, dass die Sommerakademie bereits am Nachmittag des letzten Schultages begonnen hat. „Ein Tag zum Packen wäre zwar gut gewesen, aber ich finde den Termin am Anfang der Ferien besser gelegt als in der Mitte“, meint er, denn so sei man noch nicht aus dem Schul-Modus rausgekommen. Der Ablauf in der Sommerakademie sei vergleichbar mit dem in der Schule -- mit relativ wenig Pausen. Das fände er jedoch nicht schlimm, die Sommerakademie mache ihm auch viel Spaß und das Programm sei mit Exkursionen und Abendgestaltungen sehr abwechslungsreich gestaltet. „Man kann hier lernen ohne Druck, weil es keine Bewertungen oder Noten gibt. Außerdem kann ich mich in den Bereichen weiterbilden, die mich wirklich interessieren“, macht er deutlich. Als Schüler der Freien Waldorfschule Sankt Augustin kennt er das System einer fehlenden Benotung. Benotet wird er erst seit der 11. Klasse. „Dadurch steht man weniger unter Druck, und man vergleicht sich nicht so häufig mit anderen. Gerade jüngere Schüler sollten nicht unter einem solchen Noten- und Vergleichsdruck stehen“, meint er.

Die Performing Literature-AG ist gerade in der Textprobe, und Köhl erklärt, dass dies zwar entspannt aussehen mag, aber keinesfalls so sei. „Die Gruppe muss sich auf ganz viel parallel konzentrieren. Da ist der Text, die Emotionen, das Sprachliche, die szenische Darstellung, das Harmonieren als Gruppe und der Umgang mit Frustration - das bedarf Einiges an Disziplin“, macht sie deutlich. Neben den literarischen Methoden, wie dem chorischen Sprechen, das sie am Tag zuvor gelernt haben, liegt der Fokus aber auch auf der Kommunikation. Die Gruppe gebe sich gegenseitig Feedback, stelle „Magic Moments“ heraus und übe konstruktive Kritik, erklärt sie. „Dafür muss das Publikum aus der Passivität herauskommen. Man muss klar zeigen, welche Stelle man wie verbessern könnte“, so Köhl. Ihr sei es zudem wichtig, dass die jungen Leute die Möglichkeit haben, die Kritik umzusetzen und ihre Arbeit erneut zu präsentieren. Das gehe ihrer Meinung nach in der Schule unter.

Wenn das im nächsten Jahr für sie wieder möglich ist, möchten Jona Enders und Kristina Köhl wieder Teil der Sommerakademie sein. Enders ist sich zudem sicher, dass er mit seiner Gruppe in Kontakt bleiben wird, weil sie jetzt schon tiefe Bindungen durch ihre gemeinsamen Erfahrungen und Vertrauensübungen eingegangen seien.