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Aus einer Faser wird ein Kleidungsstück: Kinder aus Rauschendorf weben selbst am Webstuhl

Aus einer Faser wird ein Kleidungsstück : Kinder aus Rauschendorf weben selbst am Webstuhl

Die Mädchen und Jungen des CJD-Kindergartens in Rauschendorf lernen das alte Handwerk des Webens. Der weiche Stoff sorgte dabei für viele leuchtende Augen.

Was Wolle ist und was man daraus macht, weiß jedes Kind. Jakob, Mathilda, Jonathan und die anderen Jungen und Mädchen aus dem CJD-Kindergarten Rauschendorf wissen aber noch viel mehr – sie sind sogar schon richtige echte „Woll-Experten“. Das haben sie Weberin Catrin Lorch zu verdanken, mit der die Kinder zurzeit in die spannende Welt der Textilherstellung eintauchen.

„Was ist das denn für eine Wolle“, will Lorch von den Kindern wissen und wirft ihnen ein goldgelbes Knäuel zu. Ein prüfender Blick, ein kräftiger Zug – und schon ist ein Stück Faden abgerissen. Flachs kann es also nicht sein, „den kann man nämlich nicht zerreißen“, rufen die Kinder wie aus der Pistole geschossen. Stattdessen erkennen die kleinen Experten sofort, dass es sich um Baumwolle handelt.

Bei dem Projekt, das noch bis zu den Sommerferien laufen soll, geht es aber nicht nur darum, verschiedene Materialien kennenzulernen und anhand der uralten Handwerkstechnik des Webens zu zeigen, wie aus der Faser ein Kleidungsstück wird. Auch möchte die Weberin aus Rauschendorf die Kinder für die Frage des Materialverbrauchs und des Recyclings sensibilisieren. „Ich glaube ja, dass jemand, der sich seine Kleider selbst stricken, weben und nähen kann, gar nicht so anfällig für das ungeheuer ressourcenverschlingende Monster Fashion ist.“

Sie ist überzeugt: Wer sieht, wie viel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt, schätzt dessen Wert auch viel höher. Umso mehr freut sich Lorch über die Begeisterung, mit der die Kinder bei der Sache sind: „Das hätte ich nie gedacht, dass die so toll mitmachen. Total aufmerksam, neugierig, vorsichtig, lieb – und dann natürlich im richtigen Moment auch voll dabei“, so Lorch.

Die Kindergarten-Weberei ist Bestandteil eines besonderen Dorf-Projekts: Lorch fertig derzeit Babytücher als Willkommensgeschenke für die allerjüngsten Rauschendorfer Neubürger an. Die Wolle dafür wurde von Bürgern aus dem Ort gespendet – allerdings nicht nur als Wollknäule, sondern auch in Form ausrangierter Wollpullover. Diese wiederum werden zurzeit von den kleinen Woll-Experten des Kindergartens eigenhändig aufgeribbelt oder in Streifen geschnitten – damit sie dann auf dem Webstuhl verarbeitet werden können. So haben viele große und kleine Menschen Anteil an den Kuscheltüchern „Made in Rauschendorf“.

Besonders spannend ist es für die Kinder zu sehen, wie sich auf dem Musterwebstuhl, den Lorch eigens zu Anschauungszwecken mit in den Kindergarten gebracht hat, das aufgeribbelte Garn im Handumdrehen in „Stoff“ verarbeiten lässt. Sogar mit ganzen Streifen alter Wollpullover kann man die Apparatur füttern. Jakob probiert es fachmännisch aus – mit Erfolg. Seine Kindergartenfreunde begutachten die verwebten Streifen und sind begeistert: „Das ist aber schön, und so weich.“ Alle wollen es auch gleich ausprobieren. Kindergartenleiterin Bernadette Griese ist daher froh, dass der kleine Webstuhl nicht nur an einem Tag im Kindergarten steht – schließlich sollen nicht nur die 15 Vorschulkinder wie Jakob, Mathilda und Jonathan, sondern möglichst alle Jungen und Mädchen Gelegenheit haben, einmal selber zu Weben wie ein Profi.

„Da sind alle schon ganz heiß darauf“, berichtet Griese. „Die Kinder haben unheimlich viel Spaß an dem alten Handwerk und an der Technik.“ Allein die Vorschulkinder hätten in den ersten zwei Projekttagen bereits eine mehr als einen Meter lange Stoffbahn gewebt. An die Hand genommen werden sie dabei von den beiden engagierten Praktikantinnen Marie Lohmann und Emely Polenz, „die das Projekt begleiten und sich ganz toll in die Technik eingearbeitet haben“, so die Kindergartenleiterin.

Auch Griese selbst ist begeistert von dem Projekt, nicht nur weil es „etwas ganz Außergewöhnliches“ ist: „Eine Weberin im Kindergarten, das habe in meiner ganzen Berufszeit noch nicht erlebt.“ Ferner passe es so gut zum Thema Nachhaltigkeit. Und das wird im Kindergarten ganz großgeschrieben.