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Proben wieder erlaubt: Chöre im Rhein-Sieg-Kreis singen mit Abstand

Proben wieder erlaubt : Chöre im Rhein-Sieg-Kreis singen mit Abstand

Die neue Corona-Verordnung erlaubt wieder die ersten echten Chorproben. Sänger aus dem Rhein-Sieg-Kreis blicken auf die vergangenen Wochen und alternative Formen des gemeinsamen Singens.

Mit dem Maßband haben Mitglieder des Honnefer Gospelchors ’n Joy in den letzten Tagen den großen Raum der evangelischen Kirchengemeinde an der Luisenstraße vermessen und Kreuze auf den Boden geklebt. Am Donnerstag fand dort die erste eingeschränkte Chorprobe unter strenger Beachtung der Corona-Hygienevorschriften statt.

Nach der Vermessung dürfen sich in dem großen Raum höchstens zwölf Personen gleichzeitig singend aufhalten. Deshalb probten die Sänger in zwei Gruppen – mit insgesamt 24 von 80 Chormitgliedern zwischen 18 und fast 80 Jahren. Erst waren Sopran und Alt an der Reihe, später dann Tenor und Bass. „Wir tasten uns da langsam ran“, sagt Chorleiter Johannes Weiß. Wenn die Bestimmungen weiter gelockert würden, könnten die Proben vielleicht auch bald ausgeweitet werden. „Vielleicht können wir ja auch mal draußen proben.“

Keine Online-Proben bei 'n Joy

Auf Online-Proben hat ’n Joy verzichtet. „Ich halte das nicht für sehr fruchtbar. Die technischen Mittel sind nicht ausgereizt“, meint Weiß. Manche hätten langsameres Internet als andere, so dass der Ton verzögert bei ihnen ankomme. Als Problem sieht der Chorleiter auch das fehlende Ziel. Das traditionelle Weihnachtskonzert werde wohl eher nicht in der gewohnten Form stattfinden.

Der Männerchor Quirrenbach ist dagegen stolz auf seine Online-Proben. Auf der Homepage ist eine Gruppe von neun älteren Herren unter der Überschrift „Männerchor in Quarantäne“ zu sehen. Im April schlug Dirigent Pavel Brochin vor, die virtuelle Chorprobe auszuprobieren. „Wir haben das sehr gerne angenommen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Josef Göbel. Zur gewohnten Zeit treffen sich seitdem jeden Montagabend 15 der zurzeit 26 Chormitglieder via Zoom im Internet.

„Einige von uns haben leider die technischen Voraussetzungen nicht“, berichtet Göbel. Bei einem Durchschnittsalter von rund 70 Jahren sei die Zahl der Teilnehmer aber überraschend hoch. Die wöchentliche Chorprobe bringe Struktur in den Alltag. Außerdem habe man ein gemeinsames Ziel vor Augen. Für den 4. Oktober ist ein Konzert im Eudenbacher Festsaal geplant. „Das Programm steht. Wir hoffen weiterhin, dass es stattfinden kann“, so Göbel. Bis zum möglichen Konzert müsse es aber auf jeden Fall auch wieder Live-Proben geben. Göbel ist zuversichtlich, dass das in naher Zukunft möglich sein wird. Die Eudenbacher Kirche biete schließlich genügend Platz, um dort in mehreren nach Stimmlagen aufgeteilten Gruppen unter Beachtung der Abstandsregeln zu proben.

Virtuelle Proben gut besucht

Pavel Brochin hat Übung mit Online-Proben. Er leitet auch den Kammerchor Oberpleis und zusammen mit seiner Frau Irina den Schedrik-Chor des Oberpleiser Gymnasiums am Oelberg. „Wir sind seit vielen Wochen jeden Abend mit Online-Proben beschäftigt“, sagt er. Für viele Schüler von der fünften Klasse bis zu den Abiturienten sei die wöchentliche Chorprobe ein Stück Normalität und für viele Wochen sogar das einzige Freizeitangebot gewesen. „Die Proben werden sehr fleißig besucht“, sagt Brochin. Der Schedrik Chor musste mehrere Auftritte absagen. Aber auch hier gibt es ein Ziel. „Wir sind von den Abiturienten gefragt worden, ob wir beim Abi-Gottesdienst auf dem Sportplatz mit einer kleinen Gruppe singen wollen. Vielleicht gelingt das ja“, sagt Brochin.

„Das Chorleben ist schon sehr schwierig geworden“, sagt Guido Harzen, Seelsorgebereichsmusiker an St. Servatius und St. Anno in Siegburg. Der Kirchenchor finde quasi nicht statt, zumal meist ältere Sänger und Sängerinnen dem Chor und der Risikogruppe angehörten. Aber so ganz ohne Singen geht es denn doch nicht. Mit einem kleineren Chor probt Harzen regelmäßig, in gebührendem Abstand, versteht sich. „Das sind sechs, sieben Mann der Choralschola, mit denen ich gregorianische Gesänge probe.“ Auch mit Teilen des Projektchores realisiert der Musiker und Chorleiter kleinere Projekte für die Gottesdienste.

Via Internet läuft auch ein kleines bisschen Gesang beim Gospelchor „Moving Voices“ aus Sankt Augustin. „Unsere Chorleiterin Karin Peters hat ein Stück mit allen Stimmen über Youtube eingesungen, das die Sängerinnen und Sänger in ihrer Stimmlage üben können“, sagt Stefanie Finck, Vorsitzende des rund 60 Mitglieder starken Chores, der für Samstag eigentlich das Highlight des Jahres geplant hatte. Ein afrikanischer Chor aus Ghana sollte zu einem gemeinsamen Workshop mit anschließendem Konzert im Steyler Kloster kommen. „Das mussten wir leider absagen“, so Finck, die jetzt hofft, dass der Besuch des Gastchores nur aufgeschoben ist und doch noch stattfinden kann.

Der Chor lebt durch seine Gemeinschaft

Auch wenn sich die Mitglieder derzeit nicht komplett zu Proben treffen und gemeinsam singen können, lebt der Chor doch seine Gemeinschaft. Jeden Dienstag zur eigentlichen Probe um 20 Uhr singen die Chormitglieder jeder zu Hause die „Irischen Segenswünsche“. „Das haben wir so verabredet“, sagt Finck. Sie wünscht sich, dass es bald weitere Lockerungen gibt und sie nach den Sommerferien wenigstens mit zehn, 15 Sängern und Sängerinnen proben können. „Derzeit schaffen wir das nicht bei den strikten Regeln.“ Der nächste Auftritt steht trotz Corona noch auf dem Plan. Beim weltweiten Gospel-Day im September, an dem Gospelchöre mittags um 12 Uhr Open Air singen, will „Moving Voices“ teilnehmen. „Ob das Event aber überhaupt stattfindet, steht noch nicht fest“, so Finck.

Der Chorverband Rhein-Sieg hat eine Aktion gestartet, um die Chöre finanziell zu unterstützen. „Dafür stehen 10.000 Euro zur Verfügung“, sagt Frank Heuser, Vorsitzender des Verbandes, der die Interessen von 130 Chören mit ihren rund 3000 Sänger und Sängerinnen im Rechtsrheinischen vertritt. Sorgen macht sich Heuser um den Bestand der Chöre. „Da singen viele ältere Menschen mit, die zur Risikogruppe zählen und vielleicht gar nicht mehr zum Singen kommen.“ Er hoffe, dass das alles bald vorbei sei und die Chöre wieder zum Proben zusammenkommen können. „Wir müssen da irgendwie am Ball bleiben“, so Heuser.