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Ernemann Sander wird 90 Jahre alt: Die Kunst als Lebenselixier

Ernemann Sander wird 90 Jahre alt : Die Kunst als Lebenselixier

Die Kunst ist sein Lebenselixier. Bereits mit drei Jahren hat er gekritzelt, mit vier gezeichnet wie Alberto Giacometti, mit fünf hat er begonnen zu modellieren und mit 16, Kunst zu studieren.

Und so ging es weiter, sein Leben lang - mit der Ausnahme einiger Kriegs- und Nachkriegsjahre. Heute vollendet Ernemann Sander sein 90. Lebensjahr. Zurückschauen kann er auf ein pralles, arbeits- und erfolgreiches Leben.

Rund 70 Jahre Schaffenszeit bringen auch Stilwandel mit sich. Sein 1950 gemeißeltes Puschkin-Denkmal in Jena zum Beispiel zeigt sich noch nicht ganz frei von den Tendenzen der Vorkriegsjahre, doch schon sehr bald fand der junge Bildhauer zu einer eigenen Formensprache. Darin hat auch er von der "impressionistischen" Oberflächenbehandlung der Bronzen Auguste Rodins und der Schönlinigkeit der Figuren Aristide Maillols profitiert.

Mit einem fülligen Frauenakt hat er seine "Hommage à Maillol" zum Ausdruck gebracht. Geboren wurde Ernemann Sander in Leipzig. Nach Stationen in Gießen und Jena, in Weimar an der Hochschule für Baukunst und bildende Künste, schließlich in Berlin kam er 1955 mit seiner Familie ins Rheinland, wohnte zunächst in Bonn, seit 1964 in Königswinter-Oberdollendorf.

Leicht könnte man einen inner- und außerstädtischen Parcours zu seinen Werken im öffentlichen Raum entwerfen. Beginnen könnte er am Bonner Münster, wo Ernemann Sander mit den zwischen rundbogige Trachytblöcke gesetzten "Martinsreliefs" das Leben des Hl. Martin von Tours dargestellt hat.

Und weiter könnte der Weg zum "Grazienbrunnen" am Bonner Dreieck führen, einer sinnenfrohen und so gar nicht antikischen Figurengruppe, die in Rubensscher Körperfülle auf einer Kugel balanciert. Auf der Beueler Rheinseite kommt der genrehafte "Wäscherinnenbrunnen" in den Sinn, von da aus ließen sich "Caesarius" in Königswinter-Oberpleis, das Eselchen und die Figuren am Siebengebirgsmuseum in Königswinter erwandern.

Gemeinsam stellen sie die motivische Vielseitigkeit Ernemann Sanders unter Beweis. Die Verwirklichung eines "Europa-Brunnens" am Kaiserplatz ist ihm jedoch verwehrt geblieben.

Seinem guten Ruf als Bronzekünstler verdankte er überdies Aufträge weit über unsere Stadtgrenzen hinaus: In Fulda und Bremen etwa zieht "Archimedes" seine Kreise; in Worms hat Sander "Bischof Burchard" ein Denkmal gesetzt und in Jena "St. Michael" statuarisch geehrt.

Sonst aber galt seine Liebe dem schlichten menschlichen Körper, dem Akt in all seinen Daseinsformen als Liegende, Sitzende, Stehende oder Kauernde. Einer "Stehenden mit Halskette" hat er ein antikisch klassisches Profil verliehen. Und immer wieder hat Ernemann Sander gezeichnet, allein und häufig im Künstler-Freundeskreis. Sehr viele Blätter sind Entwurfsskizzen zu seinen öffentlichen Arbeiten, etliche sind nach dem weiblichen Modell im eigenen Atelier entstanden.

Manche gleichen in der erotischen Ausstrahlung den Aktzeichnungen von Rodin, die allerdings zu seiner Zeit als skandalös empfunden wurden. Andere sind Bewegungsstudien, die sich in zahlreichen Kleinbronzen, Statuetten oder Reliefs, wiederfinden. Schließlich dürfen Sanders treffsichere Porträts - von Heinrich Lützeler, Karl Carstens oder Hans Grothe - in seinem kaum zählbaren ?uvre nicht unerwähnt bleiben.