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Podiumsdiskussion zum VVS-Jubiläum: Experten diskutierten über Klimawandel im Siebengebirge

Podiumsdiskussion zum VVS-Jubiläum : Experten diskutierten über Klimawandel im Siebengebirge

Das Siebengebirge und der Klimawandel waren Thema einer Podiumsdiskussion im Königswinterer Hof. Als Experten waren unter anderem Regierungspräsidentin Gisela Walsken und TV-Meteorologe Karsten Schwanke zu Gast.

Am 4. Dezember 1869 trafen sich auf Einladung des damaligen Kölner Regierungspräsidenten Otto von Bernuth namhafte Persönlichkeiten in Bonn, um über die Gründung eines Verschönerungs-Vereins für das Siebengebirge zu sprechen. Exakt 150 Jahre später saßen abermals ausgewiesene Experten und Fachleute zusammen. Das Thema diesmal: Der Klimawandel. „Aus Sorge um das Siebengebirge ist der VVS einst gegründet worden. Jetzt lernen wir, dass wir uns wieder Sorgen machen müssen“, resümierte General-Anzeiger-Redakteur Holger Willcke, der die Podiumsdiskussion zum Auftakt der Jubiläumsveranstaltungen im Königswinterer Hof mit Jörg Bertram, Chefredakteur bei Radio Bonn-Rhein-Sieg, moderierte. Beide sind Mitglied im VVS.

„Das Siebengebirge ist die Wiege des Naturschutzes in Deutschland. Und der VVS versteht sich als Stimme des Naturschutzes im Siebengebirge“, sagte VVS-Vorsitzender Hans Peter Lindlar. Artenvielfalt und Klimawandel seien Begriffe, die nicht nur global, sondern auch lokal von Bedeutung seien. Und es ist ein Thema, das die Menschen bewegt: Mehr als 100 Gäste waren  gekommen, nicht nur um zuzuhören, sondern auch um Fragen zu stellen. Gesprächspartner waren die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel, die Bonner Professoren Wolfgang Böhme (Zoologisches Forschungsinstitut Museum Koenig) und Maximilian Weigend (Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen) sowie Wettermann und Buchautor Karsten Brandt, TV-Meteorologe Karsten Schwanke und Stephan Schütte, Leiter des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft.

Gisela Walsken dankt VVS

Zum Auftakt hatte Regierungspräsidentin Gisela Walsken dem VVS für seine Arbeit gedankt: „Ich bin mir sicher, das wird auch die nächsten 150 Jahre so weitergehen.“ Dann allerdings könnte es im Siebengebirge ganz anders aussehen als heute. „Der Klimawandel ist bei uns voll angekommen. Das bekommen wir zu spüren, wenn wir das veränderte Bild unserer Wälder betrachten“, sagte Schütte. Und dies sei noch längst nicht alles: „Was wirklich passiert ist, werden wir erst im Frühjahr sehen, wenn viele Bäume nicht mehr oder nur noch schwach austreiben.“ Wie sich das heimische Klima verändert hat, führten die beiden Wetterexperten Brandt und Schwanke den Zuhörern vor Augen. „Je regionaler wir schauen, desto größer sind die Temperatursprünge“, so Schwanke.

Wie sieht der Wald der Zukunft aus? Zur Podiumsdiskussion im Königswinterer Hof begrüßt Schirmherrin Gisela Walsken. Foto: Frank Homann

Lag die Temperatur in der Region im Jahresmittel zur Zeit der Gründung des VVS noch bei 9 bis 9,5 Grad, ist sie in den vergangen beiden Jahren bereits auf 12,5 Grad  gestiegen. Zudem haben sich seit den 50er Jahren die Anzahl der „Sommertage“ mit mehr als 25 Grad verdoppelt. „Das Problem ist aber nicht nur der Temperaturanstieg, sondern vor allem das Tempo der Veränderungen.“ Brandt nannte die Erwärmung „beängstigend“: „Mir macht große Sorge, ob und wie wir unseren Wald auch für zukünftige Generationen erhalten können.“

Klimawandel hat auch Auswirkungen auf die Fauna

Die Sorgen sind berechtigt, denn nicht nur Fichten, auch Laubbäume  leiden unter den Klimaeinflüssen: „Die Buche ist typisch für ein gemäßigtes Klima. Wenn wir aber kein gemäßigtes Klima hier mehr haben, wächst hier auch die Buche nicht mehr“, erläuterte Botaniker Weigend. Bereits jetzt sei es in Bonn schwerer, eine Buche anzupflanzen als eine Palme aus Pakistan. Beate Jessel mahnte trotz allem zur Besonnenheit. Wichtig sei, nicht überstürzt zu handeln: „Wir reden nicht von Waldsterben, wir reden von einer Waldkrise. Wir müssen unsere Wälder wieder stärker als Ökosysteme begreifen.“ Resignation sei der falsche Weg, meinte auch Schütte. Um nachfolgenden Generationen einen gesunden Wald zu hinterlassen, brauche es aber Geld und Fachwissen. „Wir wollen weg von Nadelwäldern hin zu klimastabilen Mischwäldern.“ Dabei könne die gesamte genetische Vielfalt der Baumarten von Nutzen sein.

Der Klimawandel hat auch Auswirkungen auf die Fauna. Experten beobachten seit Jahren, dass viele Arten aus dem Süden einwandern. So ist zum Beispiel die Gottesanbeterin schon bis Rheinland-Pfalz vorgestoßen. „Verlierer sind kälteadaptierte Arten wie die Knoblauchkröte oder die Kreuzotter, die hier heimisch waren und mittlerweile nur noch weiter nördlich zu finden sind“, so Böhme. Das Insektensterben indes sei weniger dem Klimawandel, als der Landwirtschaft anzulasten.

Angeprangert wurde von einem Zuhörer, dass immer mehr Grünflächen bebaut würden. „Wir haben eine viel zu hohe Flächeninanspruchnahme in Deutschland“, bestätigte Jessel. Andererseits gebe es einen riesigen Bedarf an Wohnraum. „Der Wohnraum, den wir brauchen, ist aber nicht das Einfamilienhaus auf der grünen Wiese.“