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Interview mit Heike Jüngling: "Gefahren rechtzeitig erkennen"

Interview mit Heike Jüngling : "Gefahren rechtzeitig erkennen"

Im Interview spricht Dezernentin Heike Jüngling über Veränderungen im Jugendamt.

Vier Jahre ist es her, dass die neunjährige Anna von ihrer Pflegemutter in der Badewanne ertränkt wurde. Das Kind befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Obhut des Jugendamts Königswinter. Juristisch ist der Fall mittlerweile geklärt, die Pflegeeltern sind verurteilt und das Verfahren gegen die zuständige Jugendamtsmitarbeiterin wurde wegen geringer Schuld eingestellt. Im Prozess gegen sie sagte der Vorsitzende Richter Hinrich de Vries: "Hier gibt es einige, die ihren Job nicht gut gemacht haben." Macht das Jugendamt seinen Job nun besser? Mit der seit März 2013 für das Jugendamt zuständigen Dezernentin Heike Jüngling sprach Katrin Janßen.

Das Königswinterer Jugendamt hat nach dem Fall Anna viel Kritik einstecken müssen, das Gericht hat mögliche Pflichtverletzungen nicht ausgeschlossen. Sind im Jugendamt Fehler gemacht worden?
Heike Jüngling: Das kann niemand ausschließen. Seitdem ist viel passiert, um ein System zu schaffen, in dem man frühestmöglich und rechtzeitig Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung erkennen kann. Wir haben die vielen Mechanismen, die es bereits vorher gab, verbessert und ausgebaut.

Das heißt?
Jüngling: Wir haben versucht, Strukturen zu schaffen, in denen eine Täuschung, wie sie im Fall von Anna durch die Pflegemutter passiert ist, so gut wie möglich verhindert wird. Das fängt damit an, dass wir die Aufgaben von Kinderpflegedienst und der erzieherischen Hilfen personell entkoppelt haben, so dass sich die Kollegen ganz auf ihre Fälle konzentrieren können. Für die Auswahl der Pflegeeltern haben wir gemeinsam mit den weiteren Jugendämtern im Rhein-Sieg-Kreis und dem Kreisjugendamt die sogenannte Rahmenkonzeption für die Vollzeitpflege entwickelt.

Was beinhaltet das?
Jüngling: Unter anderem müssen die künftigen Pflegeeltern Lehrgänge besuchen, ihre Angaben werden genau überprüft, die Wohnung wird besucht und auf bestimmte Kriterien untersucht. Es befasst sich auch mit der Begleitung der Familien und sorgt dafür, dass, sollte die Pflegefamilie in der Zuständigkeit eines anderen Jugendamtes wohnen, dieses Bescheid weiß und alle Informationen über eine Pflegefamilie ausgetauscht werden. Alle Umgangskontakte mit den leiblichen Eltern werden über uns geregelt.

Das ist ein ziemlich enges Netz. Schreckt das nicht potenzielle Pflegefamilien ab?
Jüngling: Tatsächlich haben wir zu wenige Pflegefamilien. Aber ich glaube nicht, dass das mit dem System zu tun hat. Vielmehr hat das mit veränderten Biografien zu tun. Immer weniger Frauen sind "nur" Mütter und Hausfrauen. Durch die Berufstätigkeit bleibt oft wenig Zeit, sich zusätzlich noch um ein Pflegekind zu kümmern. Auch dürfte die ungewisse Situation - bleibt das Kind bei der Familie oder kehrt es zu den leiblichen Eltern zurück - manche abschrecken. Es gibt viel mehr Menschen, die ein Kind adoptieren wollen als solche, die als Pflegepersonen tätig sein wollen. Wir freuen uns über jeden, der dazu bereit ist. Unsere Pflegefamilien sind mit ganzem Herzen dabei. Es ist ein Irrglaube, dass es dabei um Geld geht.

Welche weiteren Veränderungen hat es gegeben, um bei möglicher Kindeswohlgefährdung schneller einzugreifen?
Jüngling: Wir haben den von den Jugendämtern Düsseldorf und Stuttgart entworfenen Kinderschutzbogen eingeführt. Er ist ein Diagnoseinstrument zur Gefahreneinschätzung. Wir versuchen sicherzustellen, dass kein Mitarbeiter alleine mit einer Fallbearbeitung und Entscheidung ist. Alle Einschätzungen werden überprüft und hinterfragt, alles wird im Team besprochen. Es gibt beim kleinsten Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung ein festgelegtes Vorgehen, das sofort greift. Es wird dann genau geprüft, wie man dem Kind helfen kann. Das kann eine Inobhutnahme sein oder Unterstützung für die Familie. Denn letztendlich haben wir einen Schutzauftrag zugunsten des Kindes - nicht der Eltern.

Reichen diese Mechanismen?
Jüngling: Wir können zumindest ganz sicher sein, dass wir alles getan haben, damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholt. Wir haben versucht, eine Atmosphäre im Jugendamt zu schaffen, in der alles angesprochen werden kann. Meine Tür steht den Mitarbeitern immer offen. In Bezug auf die Familien versuchen wir, diese zu erreichen, bevor Situationen eskalieren.

Wie muss man sich das vorstellen? Das Jugendamt möchte keine Familie gerne bei sich zu Hause sitzen haben, oder?
Jüngling: Gerade das wollen wir ändern. Wir bemühen uns, Angebote zu machen, die niedrigschwellig sind, die noch nichts direkt mit dem Jugendamt zu tun haben. So ist beispielsweise die Familien- und Erziehungsberatungsstelle räumlich und inhaltlich vom Jugendamt getrennt. Dort kann man sich kostenlos und, falls gewünscht, anonym beraten lassen - ohne Angst, dass sofort eine Fallakte im Jugendamt angelegt wird. Es gibt die sogenannten Frühen Hilfen und die Baby-Willkommensbesuche. Auch die Schulen und die Häuser der Jugend gehören zu dieser Gesamtaufgabe. Die Eltern sollen erkennen können, dass wir ihnen helfen wollen. Denn Jugendhilfe geht immer nur in Kooperation mit den Eltern. Sie sollen spüren: Wir wollen das Beste für das Kind.

Also sehen Sie das Jugendamt auf einem guten Weg?
Jüngling: Das ist ein ständiger Prozess, und das wird so bleiben. Es gibt immer Schnittschnellen, an denen man noch arbeiten kann, Kooperationen zum Beispiel mit Polizei und Rettungsdienst, die ausgebaut werden können. Aber wir haben hier im Jugendamt tolle Mitarbeiter, wir haben eine geringe Fluktuation, bei uns ist Kritik möglich. Also ja, ich sehe uns auf einem guten Weg. Aber einer, der nicht beendet ist. Wie das immer bei guten Wegen ist.

Zur Person

Seit 2013 ist die Volljuristin Heike Jüngling die zuständige Dezernentin für die Bereiche Schule, Sport und Jugend, Sicherheit und Ordnung sowie Soziales und Generationen. Auch die Stabstelle Recht wird von ihr geführt. Die 39-Jährige wurde in Bonn geboren, besuchte das Gymnasium Am Oelberg in Oberpleis und studierte Jura in Bonn. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Buchholz.

Das Jugendamt in Zahlen

Der Königswinterer Rat hat im Juni 2006 beschlossen, zum 1. Januar 2008 aus dem Kreisjugendamt auszusteigen und ein eigenes Jugendamt einzurichten. Beim Königswinterer Jugendamt arbeiten derzeit 32 Mitarbeiter, sechs in der Familien- und Erziehungsberatungsstelle, die man gemeinsam mit Bad Honnef unterhält und an die sich sowohl Jugendliche wie auch Eltern wenden können.