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Interview: Herbert Löffler erkrankte 2011 an Alzheimer

Interview : Herbert Löffler erkrankte 2011 an Alzheimer

Es war auf dem Weg vom Büro zum Kopierer an einem Februartag des Jahres 2011. Für einen Moment verlor Herbert Löffler völlig die Orientierung. Der heute 68-Jährige stand damals kurz vor seiner Pensionierung und hatte bereits immer wieder einmal Gedächtnis-Probleme mit Namen und Daten gehabt.

Der Heisterbacherrotter nahm dieses plötzliche Ereignis nicht auf die leichte Schulter, sondern suchte ärztlichen Rat. Als die Diagnose "Alzheimer" feststand, gründete er eine Selbsthilfegruppe. Mit dem früheren Sozialarbeiter sprach Roswitha Oschmann.

Namen vergessen wir ja alle einmal. Wie müssen wir uns Orientierungslosigkeit vorstellen?
Herbert Löffler: Die Türklingel im Büro ertönte, ich wusste, dass ich dafür zuständig bin. Aber ich drehte mich zwei-, dreimal wie ein Brummkreisel. Dann fiel mir wieder ein, da ist doch dieser graue Kasten an meinem Schreibtisch mit der Sprechanlage und dem Türöffner.

Wie sind Sie mit diesen Veränderungen umgegangen?
Löffler: Ich habe den Hausarzt konsultiert, der mich direkt an die Gedächtnis-Ambulanz überwies. Nach dem ersten Mini-Mental-Test erfuhr ich: Verdacht auf Alzheimer. Ich wollte es genau wissen. Nach einer Lumbal-Punktion hatte ich das "amtliche" Ergebnis: Alzheimer im Frühstadium.

War das ein Schock?
Löffler: Weniger. Ich hatte Vorerfahrungen durch ein Praktikum in der Psychiatrie in Basel und später in der Sozialberatung. Unsere Familie hat meine altersdemente Mutter die letzten eineinhalb Jahre vor ihrem Tod bei uns gepflegt. Wir haben dabei viele gute Erfahrungen miteinander und auch mit der Hilfe von außen gemacht.

Die Reaktion der anderen liefert das Stichwort. Was bedeutete diese Diagnose für Ihre berufliche Tätigkeit?
Löffler: Ich habe zuerst meine Kollegen informiert. Von allen erfuhr ich eine sehr positive Akzeptanz und habe bis zur Altersrente wie gewohnt weiter gearbeitet.

Aber einfach weitermachen wie bisher und die Diagnose ignorieren, das ging nicht?
Löffler: Ich habe sie akzeptiert, alle Informationen zur Alzheimer-Krankheit aufgesogen und im September 2011 eine Selbsthilfegruppe gegründet, die sich seither alle zwei Wochen in geschützter Atmosphäre unter fachlicher Betreuung trifft. Hier können wir unsere Gedanken austauschen, unsere Sorgen, unsere Ängste aussprechen. Das hilft, der Isolation vorzubeugen.

Und weil Alzheimer keine seltene Erkrankung ist, haben Sie großen Zulauf?
Löffler: Schön wäre es! Wir sind eine kleine Gruppe. Es ist nicht so einfach, sich durchzuringen, die veränderte Situation abzuklären und dazu zu stehen. Autofahren geht zum Beispiel dann nicht mehr. Die Haftpflichtversicherung fordert bei einem Unfall eine Haftungsbeteiligung von 5000 Euro und schließt die Haftung bei geklärter Schuldfrage ganz aus. Meine Fahrerlaubnis von 1964 taugt nur noch für den Bilderrahmen. Gerade auch deshalb ziehen viele die Konsequenz, bei Problemen mit dem Gedächtnis keinen ärztlichen Rat zu suchen. Die Reaktion von Betroffenen ist fast immer abwehrend bis schroff ablehnend. Es ist halt schwer, die Diagnose dementielle Erkrankung zu akzeptieren und dann auch noch aktiv damit umzugehen.

Dabei wäre es besser, rechtzeitig etwas zu tun?
Löffler: Eindeutig ja! Ich nehme Medikamente. Alzheimer ist nicht heilbar, aber ich hoffe, den Verlauf zu verzögern. Bei den regelmäßigen Mini-Mental-Tests konnte ich bisher die Ergebnisse halten.

Wie wirkt sich Alzheimer in Ihrem täglichen Leben aus?
Löffler: Ich lebe weiterhin intensiv, aber ich habe Organisationsprobleme. Die Frage ist: Wie komme ich wohin? Mir bleibt der Beifahrersitz, wenn mir einer angeboten wird, im Nahbereich mein Fahrrad, Bus oder Bahn. Meine Frau ist oft ängstlich, wenn ich unterwegs bin. Aber ich habe ständig mein Handy dabei und der Ortung zugestimmt. Mein Umfeld ist hilfsbereit. Ich singe weiter im Kirchenchor mit. Wenn ich die Noten nicht finde, guckt jemand mit danach. Bei Fahrten achten die anderen auf mich. Das ist der große Vorteil, wenn ich sage, ich bin nicht mehr so hundertprozentig.

Wie kommt Ihre Frau mit Ihrer Erkrankung klar?
Löffler: Meine Frau besuchte nach der Diagnose ein Seminar. Daraus entstand eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Nur, wenn die Angehörigen seelische und praktische Hilfestellung leisten können und wollen, ist die Umorganisation des Alltags möglich. Auch schon im Anfangsstadium, wenn der Betroffene nur patzt, also Termine, Daten oder zugesagte Aufgaben vergisst, wird er zunehmend hilfsbedürftig. Das Mitdenken oder Einspringen des anderen wird nötig. Darauf kann ich vertrauen. Außerdem haben wir Gottvertrauen und positive Erfahrungen mit Paragraph 3 des Rheinischen Grundgesetzes: "Et hätt noch emmer joot jejange!"

Zur Person

Herbert Löffler (68) lebt in Heisterbacherrott und ist von Beruf Sozialarbeiter. Er war zunächst in der Diakonie Beuel tätig. Später war er beim Hohen Flüchtlingskommissar in Bad Godesberg und beim DRK-Bundesverband beschäftigt. Schwerpunkt: Flüchtlingsberatung. In Heisterbacherrott bezog er mit seiner Familie ein uriges Fachwerkhaus. Löffler ist Mitglied im Heimatverein und singt seit mehr als 20 Jahren im Kirchenchor von Heisterbacherrott.

Info

Die nächsten Treffen der Selbsthilfegruppe finden am 26. Mai, am 16. und 30. Juni, jeweils ab 15 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus in Heisterbacherrott statt. Informationen bei Herbert Löffler, 01 60/5 25 33 91 oder per E-Mail an h.loeffler1@gmx.net