1. Region
  2. Siebengebirge
  3. Königswinter

140 Opfer der Euthanasie: Königswinterer forscht über NS-Medizinverbrechen

140 Opfer der Euthanasie : Königswinterer forscht über NS-Medizinverbrechen

Der Historiker Ansgar Klein hat zu „NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis zwischen 1933 und 1945“ geforscht. Die erschütternden Ergebnisse stellte er in einem Vortrag vor.

Mit dem viel beachteten 700-Seiten-Werk „Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus im Siebengebirge“ hat der Königs­winterer Ansgar Klein vor zwölf Jahren die NS-Epoche detailliert auf die lokale Ebene heruntergebrochen. Vor zwei Jahren hat sich der promovierte Historiker eines weiteren Themas dieser Zeit angenommen. Er übernahm die wissenschaftliche Forschungsarbeit für das Projekt „NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis zwischen 1933 und 1945“ des Landschaftsverbandes Rheinland, das vom Rhein-Sieg-Kreis ini­tiiert und finanziert wurde. Dabei geht es um Euthanasie, aber auch um Zwangssterilisationen. Jetzt referierte Klein im Siebengebirgsmuseum.

Auch Wilbert Fuhr aus Eudenbach, früheres Königswinterer Ratsmitglied, war unter den Besuchern. Sein Großvater Josef Fuhr war ein Opfer der Euthanasie-Morde der Nazis. Vor 20 Jahren forschte er nach über das Schicksal seines Opas und veröffentlichte die Ergebnisse.

Aus der Nervenklinik in die Tötungsanstalt

Der gelernte Möbelschreiner Josef Fuhr, der nach einer schweren Verwundung im Ersten Weltkrieg einen kleinen Betrieb aufgebaut hatte, wurde von der Provinzial Heil- und Pflegeanstalt in Bonn im Juni 1941 in die Nervenklinik in Andernach verlegt und wenige Wochen später mit weiteren 65 Patienten in die Tötungsanstalt in Hadamar gebracht, wo der Vater von fünf Kindern wahrscheinlich noch am selben Tag vergast wurde.

Überliefert ist eine interne Statistik: 1940/41 ermordeten deutsche Ärzte mehr als 70 000 psychisch Kranke und geistig Behinderte. Klein: „Bereits vor dem Krieg begann die ,Kinder-Euthanasie‘. Unter dem Deckmantel des Krieges ging das Regime dazu über, ein Euthanasie-Programm für Erwachsene einzuleiten und sogenanntes ,lebensunwertes Leben‘ und ,Ballast­existenzen‘ zu vernichten.“

Gutachter entschieden am Schreibtisch in Berlin

Die zentrale Organisation, die den Krankenmord leitete, war im Haus Tiergartenstaße 4 in Berlin untergebracht, daher die Abkürzung T 4. An Heil- und Pflegeanstalten wurden Meldebögen geschickt, womit der Zustand der Kranken abgefragt wurde. „Arbeitsfähigkeit war das entscheidende Kriterium. Wer nicht mehr arbeiten konnte, war unproduktiv und wertlos, kostete nur noch und war deshalb zu ,vernichten‘.“

Gutachter entschieden auf dem Papier über Leben und Tod dieser Patienten. „War der Tod beschlossen worden, wurden die Opfer aus ihrer Anstalt mittels der eigens dafür gegründeten Transportgesellschaft in eine Zwischenanstalt verlegt und von dort in eine der sechs Tötungsanstalten gebracht, wo sie in eigens dafür eingerichteten Gaskammern umgebracht wurden.“

Trotz Geheimhaltung wussten viele davon

Alles war streng geheim. Dennoch wurden die Tötungen bekannt. „Die Bevölkerung sah die grauen Busse und den Rauch der Krematorien“, so Klein. Proteste kamen aus den Kirchen. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, hielt dazu eine Predigt im August 1941, die in Schriftform heimlich überall verteilt wurde. Ende August erfolgte die offizielle Beendigung der Aktion T 4. Aber das Programm, so Klein, „wurde im Spätherbst 1941 dezentral als ,wilde Euthanasie‘ fortgesetzt“.

Nahrungsentzug und Überdosierung von Medikamenten waren weitaus unauffälligere Methoden der Vernichtung, wie sie dann in der zweiten Phase von 1942/45 praktiziert wurden. Klein: „Die Schätzungen liegen bei insgesamt 200 000 Getöteten.“ Als Todesursache wurden Lungenentzündungen, Grippe oder Krämpfe angegeben.

Für das Rheinland steht Hadamar in Hessen bei der Euthanasie im Mittelpunkt. Die Opferdatenbank von Hadamar umfasst 15 000 Namen. Bisher hat Klein 146 Namen aus dem Rhein-Sieg-Kreis gefunden. Verschleierung der Todesursachen, eigene Standesämter, Vernichtung von Akten und lückenhafte Informationen „machen es schwer, an die Namen der Opfer zu kommen“.

Der Historiker stieß bei seinen Forschungen auch auf solche Notizen: Catharina Uhrmacher aus Königswinter schrieb im September 1941 voller Mitleid: „Dr. L. ist in Bonn in der Irrenanstalt, hoffentlich geht es ihm nicht wie Reinarz Männ seine Frau …, die vergast und verbrannt wurde …“