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Traditionelles Kirchenglocken-Beiern: Musik aus dem Kirchturm erklingt in Königswinter

Traditionelles Kirchenglocken-Beiern : Musik aus dem Kirchturm erklingt in Königswinter

In Königswinter wird am Sonntag eine alte Tradition gepflegt, die seit dem 15. Jahrhundert in den Niederlanden, in Belgien und im Rheinland bezeugt ist: das Beiern. Am vierten Advent erfüllt der Klang der Glocken die Altstadt.

Es ist ungewohnt leise, dieses Jahr in der Vorweihnachtszeit: keine Konzerte, keine Musik auf Weihnachtsmärkten, auf Straßen oder Plätzen. In Königswinter wird jedoch am Sonntag, 20. Dezember, ein besonderer Klang die Altstadt erfüllen: Kirchenglocken läuten dort gegen die Stille an. Georg Wagner und Ariane Toffel aus Thomasberg sowie Rolf Linden aus Küdinghoven lassen zwischen 18 und 19 Uhr die Glocken von Sankt Remigius auf besonders schöne Art und Weise erklingen.

Die Beierfreunde, zu denen auch Winfried Clarenbach aus der Altstadt zählt, haben es sich zum Ziel gemacht, die alte Rheinische Tradition des Glockenbeierns wieder aufleben zu lassen. Am vergangenen Samstag hatte das Trio bereits die Umgebung rund um die evangelischen Christuskirche mit festlichem Glockenklang erfüllt. „Süßer die Glocken nie klingen“ war allerdings nicht zu hören und wird es auch am kommenden Sonntag nicht. „Das geht leider nicht, da uns ja nur – je nach Anzahl der Glocken – vier oder fünf Töne zur Verfügung stehen“, erklärt Wagner. „Die Melodie eines Weihnachtsliedes hat ja viel mehr Töne.“ Erklingen werden stattdessen traditionelle Beiermotive und selbst komponierte Stücke, die auf die Tonlagen der Glocken abgestimmt sind. „Wir werden die adventliche Stimmung natürlich im Rhythmus aufnehmen“, so Wagner. Das funktioniere ähnlich wie beim Schlagzeug: „Man kann die Glocken schnell und kräftig oder ruhig und sanft anschlagen.“

Beiern ist nicht gleich Läutern

Beiern ist nicht Läuten: vielmehr versteht man darunter das rhythmische Anschlagen der ruhenden Glocke. Der Klöppel wird dazu kurz vor den Glockenrand gezogen und mit Seilen an der Wand oder an den Balken des Glockenstuhls arretiert. Dann braucht der Glöckner nur noch fest am Seil zu ziehen und die Glocke erklingt. Er kann so die Abfolge und die Anschlagstärke des Tones beeinflussen. Gespielt wird dann nicht nach Noten, sondern nach Rhythmusvorgaben.

Viele typische Beier-Rhythmen und sind über Generationen hinweg bis heute erhalten geblieben. Aus Königswinter existiert noch eine Aufzeichnung aus dem Jahr 1942, als das letzte Mal gebeiert wurde, bevor die Glocken von Sankt Remigius zu Kriegszwecken abgehängt werden mussten. In der Nachkriegszeit kehrten die alten Bronzeglocken aus dem Jahr 1781 dann wieder auf ihren angestammten Platz zurück.

Komplizierte Seilführungen

Beliebt ist auch das konzertante Beiern der Glocken nach freien Improvisationen. „Wir überlegen uns vorher einen Rhythmus, der dann im Laufe des Spiels weiterentwickelt wird.“ Zum Üben halten abgestimmte Gläser und Weinflaschen her – damit später im Glockenturm alles perfekt klappt. Ob eine Person oder mehrere gleichzeitig beiern, hängt von der Konstruktion der Glockentürme ab. Oft sind komplizierte Seilführungen erforderlich, um die Glocken zu erreichen. Zudem bedarf es einiger Kraftanstrengung, um die Glocken überhaupt erklingen zu lassen. „Man zieht gut und gerne an 50 bis 80 Kilogramm“, sagt Wagner. Kein Wunder, dass die Beierfreunde auch an frostigen Winterabenden hoch oben auf dem Kirchturm nicht so leicht ins Frieren geraten: „Wir spielen uns warm.“ qg